Das Leben mit HIV ist heute kein Drama mehr

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Treffpunkt: ein Café im Stuttgarter Hauptbahnhof. Franziska Borkel ist eine, die sofort auffällt. Als sie ihr Stirnband abstreift und sich aus ihrer Jacke schält, wirkt die 33-Jährige, als komme sie direkt vom Joggen – frisch, mit leicht geröteten Wangen und klarem Blick, eine attraktive, gesunde Frau. Sie bestellt sich einen Cappuccino und meint entspannt:  „Fragen Sie, was Sie wissen wollen.“

Als 16-Jährige hat sie sich mit dem HIV-Erreger infiziert, der die Immunschwächekrankheit Aids auslösen kann. „Ich war unsterblich verliebt“, erzählt sie. Keine Sekunde habe sie daran gedacht, dass sie sich etwas einfangen könnte. Als es ihr gesundheitlich schlecht geht, rät ihr eine aufmerksame Hausärztin zum HIV-Test. „Das war Glück“, sagt sie heute, „denn viele HIV-Infektionen verlaufen lange symptomlos und werden deshalb nicht erkannt. Das Ergebnis war natürlich ein riesiger Schock.“


Ursprünglich erschienen auf Videoboost.de


Heute redet sie über ihre Infektion wie andere über ihren Bluthochdruck, ihren Diabetes oder ihr Rheuma. Aus gutem Grund: Seit 2010 nimmt sie Medikamente, welche die Viruslast im Körper extrem verringern, so dass es ihr nach wie vor gut geht. Eine erfolgreiche Therapie senkt auch das Ansteckungsrisiko für andere: „Beim Sex schützt sie mindestens genauso gut vor einer HIV-Übertragung wie ein Kondom.“  Dank der Medikamente konnte  Franziska Borkel vor 21 Monaten ihre Zwillinge auf normale Weise gesund zur Welt bringen. Früher sollten künstliche Befruchtung und Kaiserschnitt Partner und Kinder vor einer Ansteckung schützen.

Noch immer ist die Unwissenheit groß

Mehr als zehn Jahre lang hat sie ohne Therapie gelebt: Als die Infektion 1999 festgestellt wird, sind zwar schon Medikamente auf dem Markt, doch damals rechnet man mit schweren Nebenwirkungen, sodass der Arzt empfiehlt: „Versuchen Sie es so lang wie möglich ohne.“  In der ersten Zeit nach der Diagnose, über die sie nur mit ihrer Familie und einer Freundin spricht, kann sie kaum einen klaren Gedanken fassen. „Meine größte Angst war, allein mit der Krankheit zu bleiben, nicht darüber reden zu können, mich für immer verstellen zu müssen. Ich hatte Angst vor einer Einsamkeit, der ich nicht mehr entkommen kann.“

Franziska Borkel rettet sich in eine Trotzreaktion, will ihr Leben genießen. Sie macht ein ökologisches Jahr in Nepal, zählt Elefanten, pflanzt Bäume, baut mit Schülerinnen ein kleines Museum auf. Zurück in Deutschland studiert sie Geoökologie, absolviert Auslandssemester in Marseille und Marrakesch. In ihren Beziehungen erzählt sie ihren Partnern von der Infektion. Das ist jedes Mal ein schwerer Schritt: „In diesem Moment wünscht man sich selbst Trost, aber man muss immer den anderen trösten.“ In ­ihrem Job als Wissenschaftlerin behält sie ihre Erkrankung für sich. „Auch wenn Offenheit entlastend sein kann, lädt sie  doch immer auch zu Fragen und Spekulationen ein. Deshalb sollte man sich das gut überlegen.“

Heute allerdings macht  Franziska Borkel kein Geheimnis mehr aus ihrer Krankheit. Seit einigen Jahren engagiert sie sich in der Aidshilfe,  inzwischen ist sie ­deren Landesgeschäftsführerin: „Viele Leute“, sagt sie, „haben unnötige Ängste und falsche Vorstellungen von einem Leben mit HIV. Wie soll sich das ändern, wenn wir Menschen mit HIV schweigen?“

Hendrik Streeck leitet das erste Institut zur Erforschung von HIV in Deutschland. Er sagt: In Zukunft könnte unser Immunsystem mit den richtigen Medikamenten stärker sein als der Virus. Lesen Sie hier das Interview.

Trotz des medizinischen Fortschritts würden Infizierte hierzulande auch mehr als 30 Jahre, nachdem die Krankheit erstmals beschrieben worden ist, noch stigmatisiert und diskriminiert: „In den Köpfen vieler ist diese Infektion immer noch ein Drama, eine Krankheit, die man nicht bekommt, sondern sich holt, indem man etwas Verwerfliches oder Verbotenes tut.“ Selbst mancher Arzt behandle Infizierte nur mit übertriebenen  Hygienemaßnahmen, gebe ihnen den letzten Termin am Tag oder lehne eine Behandlung ab mit dem Argument, das könne er seinen Helferinnen nicht zumuten.

Derartige Ignoranz kann Bernd Leinich nichts mehr anhaben –  nach allem, was er durchgestanden hat. „Ich dürfte eigentlich gar nicht mehr leben, doch es gibt mich noch,  auch dank meiner Medikamente“, sagt er. Wenn er lacht, graben sich seine vielen Falten noch tiefer in sein gebräuntes Gesicht, gerade ist er aus einem Kreta-Urlaub zurückgekehrt.  Trotz der Erholung sieht man dem 58-jährigen Tübinger den jahrzehntelangen Kampf gegen die  HIV-Infektion und eine inzwischen geheilte Hepatitis C an. Angesteckt hat er sich Anfang der 80er Jahre, damals ist er heroinabhängig. Anders als heute  können sich  Süchtige saubere Nadeln zu dieser Zeit nicht legal besorgen. Also holen sie sich gebrauchte,  oberflächlich gereinigte auf dem Schwarzmarkt, je öfter sie zuvor verwendet worden sind, desto billiger. Bernd Leinich hasst dieses Leben, macht mit ganzer Willenskraft erfolgreich einen Entzug – und erfährt danach, dass er sich mit dem HI-Virus infiziert hat. Mit Schrecken erinnert er sich an diese Zeit der Hysterie, in der die Erkrankten eine gesellschaftliche Ächtung  erfahren, die sie zu Aussätzigen macht.




Der CSU-Politiker Peter Gauweiler schwadroniert von der Kasernierung bestimmter HIV-Infizierter, man diskutiert über Zwangstests und beschwört Szenerien einer pestähnlichen Seuche herauf. Wo immer Bernd Leinich offen über seine Krankheit spricht, wendet man sich von ihm ab. „So als ob ich das Allerletzte gewesen wäre. Aber ich wollte mich davon nicht unterkriegen lassen.“

Zehn Tabletten am Tag

Also schweigt er  – und macht eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Viele Jahre arbeitet er in diesem Beruf, obwohl ihn immer wieder bleierne Müdigkeit überfällt, er heftige Kopfschmerzen hat und sich an manchen Tagen nur schwer konzentrieren kann. Als die ersten HIV-Medikamente auf den Markt kommen, gleicht das einer Sensation. Auch Leinich wird damit behandelt und leidet wie viele unter schwersten Nebenwirkungen: Taubheitsgefühle, Gliederschmerzen, Durchfall. „Lieber sterbe ich“, denkt er, „als so weiterzumachen.“

Doch er stirbt nicht. Und die Entwicklung der HIV-Therapie schreitet weiter voran.  Seit einigen Jahren erhält Bernd Leinich eine moderne Kombinations­therapie. Vier verschiedene Medikamente nimmt er täglich, alles in allem zehn Tabletten, auch das nicht ganz ohne ­Nebenwirkungen. Dennoch sagt er: „Es geht aufwärts.“ Inzwischen bezieht er eine kleine Rente, arbeitet ehrenamtlich bei der Aidshilfe Tübingen, leitet dort eine Sportgruppe, ist Sprecher der ­Klienten. Er sagt: „Ich bin dankbar für jeden Tag.“

Ganz anders Franziska Borkel: Sie hat dank ihrer Therapie eine Lebenserwartung wie jede gesunde Frau in ihrem ­Alter – und hofft, dass man sich bald ­keine belastenden Gedanken mehr machen muss, wem man von seiner HIV-Infektion erzählt.

            

Mehr als 20 Medikamente gibt es, um die Vermehrung des HI-Virus im Körper einzudämmen.  Heute raten Experten, so früh wie möglich mit einer antiretroviralen Kombinationstherapie zu beginnen, die aus mehreren Arzneistoffen besteht. Heilbar ist eine HIV-Infektion nicht. Will man verhindern, dass es zu lebensbedrohlichen Infektionen und Tumoren kommt, müssen die Medikamente ein Leben lang genommen werden. Die Nebenwirkungen unterscheiden sich von Patient zu Patient. Kurzzeitig kann es etwa zu Kopfschmerzen, Durchfall  und Abgeschlagenheit kommen.

In Deutschland erhalten 60.700 von 84.700 Menschen mit HIV eine Therapie. Etwa 12.600 wissen laut Robert-­Koch-Institut nicht, dass sie HIV-positiv sind. Darüber hinaus gebe es für Asylsuchende ohne Papiere und EU-Ausländer ohne gültige Krankenversicherung keinen geordneten Zugang zu einer angemessenen Behandlung. Die UN haben sich zum  Ziel gesetzt, dass bis 2020 weltweit 90 Prozent der Menschen von ihrer Infektion wissen sollen und 90 Prozent davon therapiert werden.

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