Kommentar zur Bundeswehr: Massiv verunsichert

|

Auf die Idee wären selbst völlig verblendete Neonazis nicht gekommen. Denn der 2015 verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt lässt sich für ihre Ideologie in keiner Weise vereinnahmen, auch nicht in Wehrmachtsuniform. Schmidt war als junger Mann kein erklärter Gegner des Nazi-Regimes, aber gewiss auch kein Gefolgsmann. Das ging vielen seiner Generation so. Aber: Er hat aus dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte eindeutige, unmissverständliche Lehren gezogen. Er hat dem demokratischen Deutschland sein Leben gewidmet: als Hamburger Senator, streitbarer Abgeordneter, Minister, Bundeskanzler und gefragter Ratgeber.

Die Bundeswehr-Universität hätte sich die Peinlichkeit daher sparen können, das Foto aus dem Studentenwohnheim zu entfernen. Schließlich hat der SPD-Politiker die Hochschule als Verteidigungsminister gegründet. Der Vorgang zeigt vielmehr zweierlei: Die Bundeswehr ist bis hinauf in ihre höchsten Bildungseinrichtungen verunsichert. Und sie gehorcht in einem unüberlegten Übereifer den Anordnungen  der Verteidigungsministerin. Beides wirft ein bedenkliches Licht auf die Parlamentsarmee, deren Führungspersonal souverän genug sein müsste, den Unterschied zwischen abzulehnender Wehrmachtstradition und einer Inneren Führung, deren Richtschnur Grundgesetz und Rechtsstaat darstellen, zweifelsfrei zu erkennen. Ursula von der Leyen mag mit ihren ersten pauschalen Äußerungen zu rechtsradikalen Umtrieben zu dieser Verunsicherung beigetragen haben. Zur geforderten klaren Haltung muss die Führungsschicht der Armee  aber rasch finden, sonst können die Soldaten ihre mitunter sehr schwierigen Aufgaben nicht erfüllen.

Kommentieren

Kommentare

13.05.2017 09:42 Uhr

Längst nicht getane Arbeit

Insofern es schon in den Führungsetagen einer Vielzahl deutscher Unternehmen seit längerem ein Kompetenzdefizit gibt, das nicht allein das soziale Integrationspotenzial schmälert, sondern den ökonomischen Erfolg und zukunftsorientierte Innovationen zunehmend restringiert (Oberbeck, in: Lompe/Oberbeck (Hg.), 2003: 105), wäre es geradezu ein Wunder, wenn sich die Kommandeure und Befehlshaber der Bundeswehr davon abheben würden. So zu tun, als ob die Armee quasi im Alleingang ohne eine dementsprechend notwendige Restrukturierung der Privatwirtschaft sich davon lösen könnte, nährt schiere Illusionen. Es bedarf daher unerlässlich zumindest einer empirisch kontrollierten Theorie mit langer Reichweite, die es zu leisten vermag, in der Tiefe des Raums zu erkunden, was die Beharrungskräfte so stark macht, die eine gesellschaftliche Erneuerung bereits im Ansatz vereiteln. Die derzeit diskutierten Maßnahmen greifen demnach viel zu kurz. Es reproduziert in der Tat bloß den in Rede stehenden Dilettantismus, dass im Zuge des Abhängens einer Fotografie des Altkanzlers Schmidt in Wehrmachtsuniform die anstehende Arbeit fälschlich als getan erscheint.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Nach tödlichem Unfall bei Aufhausen: Ermittler suchen weitere Zeugen

Nach dem schweren Verkehrsunfall vergangenen Woche, bei dem ein 28-Jähriger zwischen Aufhausen und Königsbronn ums Leben kam, sucht die Polizei weiter Zeugen. weiter lesen