Blutige Geiselnahme in französischer Kirche

Zwei Angreifer töten in einer Kirche in Nordfrankreich einen Priester und verletzen eine Frau lebensgefährlich. Polizisten erschießen beide Täter.

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Tatort Kirche: In diesem Gotteshaus in Saint-Etienne-du-Rouvray fand das Verbrechen statt.  Foto: 

Eigentlich ist Jacques Hamel seit fünf Jahren im Ruhestand. Die Morgenmesse in seiner früheren Gemeinde in Saint-Etienne du Rouvray liest der 84-jährige Priester gestern trotzdem – als Urlaubsvertretung. Beenden kann er die Zeremonie in der zehn Kilometer südlich von Rouen gelegenen Kleinstadt nicht. Zwei Männer betreten die Kirche durch den Hintereingang und bedrohen den Priester, drei Ordensschwestern sowie zwei Kirchgängerinnen mit Waffen. Eine der Nonnen kann ins Freie fliehen, sie schlägt Alarm.

Keine 15 Minuten später ist die Kirche umstellt, die Gegend weiträumig abgesperrt. Kurz darauf trifft Verstärkung aus Rouen ein, darunter eine auf Geiselnahmen spezialisierte Eliteeinheit der Polizei. Höchstwahrscheinlich ist Jacques Hamel da bereits ermordet und eine der Kirchgängerinnen so schwer verletzt, dass die Täter sie für tot halten. Daneben soll es weitere Verletzte geben

Kurz vor elf Uhr stürmen die Geiselnehmer plötzlich ins Freie, schreien „Allahu akbar“, fuchteln mit Stichwaffen herum, schießen mit einem Revolver auf die Polizei. Sie werden auf der Stelle erschossen. „Die wollten sterben, als Märtyrer“, wird ein Sprecher der Polizeigewerkschaft am Nachmittag kommentieren.

Kurz nach Mittag, als der Anti-Terror-Staatsanwalt in Paris die Ermittlungen übernimmt, treffen Staatspräsident François Hollande und Innenminister Bernard Cazeneuve vor Ort ein. Nachdem sie mit Einsatzkräften und den drei unverletzten Geiseln geredet haben, spricht Hollande sofort von einem „niederträchtigen Terroranschlag“ und macht publik, dass sich die beiden Täter zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bekannt haben sollen. „Der IS hat uns den Krieg erklärt“, meint das Staatsoberhaupt, „aber wir werden alles tun, um diese Bedrohung abzuwenden. Jetzt kommt es darauf an, unsere Einigkeit zu bewahren“. Insbesondere die Katholiken und die Angehörigen der übrigen Religionsgemeinschaften müssten zusammenstehen.

Es waren nicht nur die Umstände des Angriffs, die umgehend den Verdacht aufkommen ließen, dass es sich um ein islamistisches Attentat handelt. Einer der Täter trug eine elektronische Fußfessel, die seine sofortige Identifizierung ermöglichte. Nach ersten Informationen soll es sich um einen Franzosen handeln, der in den Dschihad ziehen wollte und an der türkisch-syrischen Grenze abgefangen wurde. Er wurde 2015 zu einer Haftstrafe verurteilt und im März unter strengen Auflagen aus der Haft entlassen. Am Nachmittag wird im Zuge der Ermittlungen ein Minderjähriger festgenommen. Ob er als Mittäter oder Helfer verdächtigt wird, ist gestern noch unklar.

Im Laufe des Nachmittags bekennt sich der IS mit einer knappen Bestätigung im Internet zu dem Anschlag. Bei den beiden Attentätern, so vermeldet das IS-Sprachrohr Amak, handele es sich um „Soldaten des Islamischen Staats“.

Nach Angaben der britischen Zeitung „The Sun“ stand die Kirche in Saint-Etienne-du-Rouvray auf einer „Ziel-Liste“, die bei dem im April 2015 in Paris geschnappten mutmaßlichen IS-Terroristen Sid Ahmed Ghlam gefunden wurde. Die Kirche sei „eine von mehreren katholischen Kirchen“, die von der Terrorgruppe für Anschläge ausgesucht wurde.

Kirchen – oder in den Worten der Dschihadisten – „Häuser, in denen sich die Ungläubigen versammeln“, sind von der IS-Propaganda mehrfach als bevorzugte Anschlagsziele bezeichnet worden. Auch der Vatikan wird bedroht. „Wir erobern Rom“, hat die IS-Propaganda wiederholt verkündet. Der IS-Anführer und Chefideologe Abu Bakr al-Bagdadi betonte, dies werde „mit Allahs Segen“ geschehen. Das IS-Magazin „Dabiq“ zeigte eine Fotomontage, in der die schwarze Flagge des IS über dem Vatikan weht. Die Religion der westlichen „Kreuzzügler“ würde aus Sicht der Dschihadisten damit ins Herz getroffen.

In Frankreich stehen religiöse Einrichtungen aller Konfessionen seit April 2015 auf der Liste der besonders zu schützenden Objekte. Damals war nur durch Zufall ein Anschlag auf eine katholische Kirche in einem Pariser Vorort verhindert worden, weil der Attentäter kurz zuvor ein Fluchtfahrzeug rauben wollte, dabei dessen Besitzerin erschoss und sich selber eine schwere Schusswunde zufügte.

Dem Appell Hollandes an alle Gläubigen im Land, sich nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen, weil genau dies die Absicht der Terroristen sei, schloss sich der Sprecher der französischen Bischofskonferenz an. „Wir müssen der Gewalt und dem Hass gemeinsam entgegentreten und gemeinsam für den Frieden beten“, betonte Monsignore Olivier Ribadeau Dumas. Auch Papst Franziskus meldete sich zu Wort. Er verurteilte die Geiselnahme als „sinnlose Gewalt“ und ließ mitteilen, dass er für die Opfer bete.

Dass die Sicherheitskräfte in Saint-Etienne du Rouvray so rasch zum Einsatz kamen, ist dem Ausnahmezustand zu verdanken, der als Reaktion auf die blutige Pariser Anschlagserie im November 2015 mit 130 Toten verhängt wurde. Ende Juli sollte er eigentlich auslaufen, doch nach dem Attentat in Nizza am Nationalfeiertag (84 Tote) wurde er bis Anfang 2017 verlängert.

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