Blick nach vorn

Wird es im Kino bald für immer dunkel? Nur rund 120 Millionen Besucher wurden 2014 in den deutschen Filmtheatern gezählt - fast zehn Millionen weniger als im auch nicht berauschenden Vorjahr. Ein Leitartikel von Magdi Aboul-Kheir.

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Mit fünf Millionen Besuchern hat es der letzte "Hobbit"-Epos schon locker geschafft, erfolgreichster Film des Jahres zu sein - an die zehn Millionen aus "Harry Potter"- und "Herr der Ringe"-Zeiten mag man gar nicht mehr denken. Gerade mal drei Filme wurden mit der Goldenen Leinwand für mehr als drei Millionen Zuseher ausgezeichnet - im Vorjahr waren es immerhin acht. Ja, 2014 wird das schlechteste Kinojahr seit 1992. Dabei gibt es heute rund 900 Kinosäle mehr als damals, gibt es digitale Projektion und 3D.

Gründe für die Flaute? Findet man rasch. Die Qualität des Heimkinos wird dank Bluray, Beamer und Hightech-Sound immer besser. Streaming-Angebote von Netflix bis Amazon Prime liefern Top-Kino nach Hause. US-Fernsehserien wie "Breaking Bad", "True Detective" oder "Game of Thrones" laufen dem Kino erzählerisch den Rang ab.

Ja, auf den ersten Blick sieht es so aus: Das Kino ist am Ende.

Nun die Pointe: 2015 wird wohl das erfolgreichste Jahr der Kinohistorie! Unabhängig davon, wie viele cineastische Meisterwerke es zeitigt, kommerziell betrachtet wird der Jahrgang weltweit Rekorde aufstellen. Zunächst laufen die ambitionierten Oscar-Kandidaten, und von April an folgt ein Popcorn-Knaller auf den anderen: Action-Blockbuster wie der zweite "Avengers"-Film, Animations-Renner wie die "Minions", das Finale der "Tribute von Panem", ein neuer "Bond", die "Fuck ju Göhte"-Fortsetzung - und dann sogar ein neues "Star Wars"-Abenteuer. Als kurz vor Weihnachten im Internet der erste Kurztrailer zum Sternenkrieg-Spektakel lief, kam sogar Youtube an Kapazitätsgrenzen.

Klar, nicht jeder liebt effektgeladenes Krachbumm-Kino, hat Lust auf die vielen unoriginellen Fortsetzungen und Neuaufgüsse; auch all die gediegenen Literaturverfilmungen langweilen mal. Jedoch: Bei mehr als 500 Kinostarts in Deutschland ist wirklich für fast jeden Geschmack etwas dabei.

Es ist also banal: Letztlich hängt es vor allem an der Attraktivität des Film-Angebots, wie viele Menschen sich vom heimischen Sofa aufraffen und ins Kino gehen.

Freilich schielt Hollywood dabei immer mehr nach Asien, Lateinamerika, selbst nach Russland. So wird der chinesische Kinomarkt bald der größte der Welt sein, und die US-Produzenten wollen mitverdienen. Einerseits sieht das Kommerzkino in globalisierten Zeiten oft nach identitätslosem Mischmasch aus, andererseits geht Hollywood eben doch auch - inhaltlich und ästhetisch - auf die neuen Märkte ein.

Europa bleibt eher als Produktionsort, Finanzierungspartner und Lieferant von Talenten bedeutsam. Umso wichtiger ist es, dass das europäische Kino selbst seine Eigenarten behält: damit Geschichten erzählt werden, die uns nahe sind und uns nahe gehen. Der deutsche Film ist dabei besser als sein Ruf: Er bietet bei aller Kritik an seichten Komödien, Möchtegern-Genrefilmen und sperrigem Arthouse immer wieder richtig Gekonntes.

Dass der Bund die Mittel für den Deutschen Filmförderfonds gekürzt hat, ist dabei freilich keine gute Nachricht. Hingegen hat man in etlichen Bundesländern verstanden, dass die Filmindustrie ein lukrativer Wirtschaftsfaktor sein kann. Und dass Investitionen in die Kinokultur im Wortsinn sehenswerte Folgen haben können.

Dann wird es auch weiterhin auf der Leinwand Licht. Investitionen in die Kinokultur haben sehenswerte Folgen.

leitartikel@swp.de

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