BLICK AUF DEUTSCHLAND: Meine Sorgen, deine Sorgen

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Die Spanier mögen Deutschland. Mehr als die Deutschen ahnen. Kein anderes Land der Welt schätzen sie höher. Die ersten Adjektive, die den Spaniern zu den Deutschen einfallen, sind: Sie seien gebildet und fleißig. Anders als die meisten Staaten Europas hat Spanien im 20. Jahrhundert fast keine schlechten Erfahrungen mit Deutschland gemacht. Im Gegenteil. Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 unterstützten die Deutschen das Land mit Ideen und Geld auf seinem Weg in die Demokratie. Als Deutschland am 3. Oktober 1990 seine Wiedervereinigung feierte, erhielt Helmut Kohl einen Anruf des spanischen Premiers Felipe González: Er trinke gerade einen Rotwein auf das Wohl Deutschlands. González sei der einzige gewesen, der vorbehaltlos Ja zur deutschen Einheit gesagt habe, erinnert sich Kohl.

Die spanische Zuneigung zu Deutschland wird durch die Eurokrise gerade auf die Probe gestellt. Doch sie erweist sich als belastbar. Nach einer Umfrage des Real Instituto Elcano von diesem Frühjahr war Deutschland noch immer das höchstgeschätzte Land unter den Spaniern. Und vielleicht noch überraschender: Angela Merkel ist nach Barack Obama die höchstgeschätzte ausländische Politikerin.

Die Spanier machen die Deutschen nicht für ihre eigenen Probleme verantwortlich. Aber sie wissen, dass sie zur Lösung ihrer Probleme auf die Hilfe der Europäischen Union angewiesen sind. Und dort, da sind sich die Spanier einig, hat Deutschland das Sagen. Leider, davon sind fast zwei Drittel der Spanier überzeugt, berücksichtige Deutschland bei seiner Politik nicht die Interessen von Ländern wie Spanien.

Der Irrtum, dem Spanier wie Deutsche unterliegen, ist zu glauben, dass sich die Interessen Spaniens und Deutschlands voneinander unterschieden. Beider Volkswirtschaften sind zu eng verzahnt, als dass einer den anderen seinem Schicksal überlassen könnte. Die Deutschen haben Angst vor Eurobonds oder vor einer EZB, die Staatsanleihen ohne Limit kauft. Das mögen die Spanier als nationalen Egoismus interpretieren. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer: Den Deutschen fehlt Fantasie. Die Fantasie, sich auszumalen, welch dramatische Konsequenzen (in Form einer schweren Wirtschaftskrise) der Zusammenbruch eines Landes wie Spanien für sie selbst hätte. Am Donnerstag wird Angela Merkel den spanischen Ministerpräsidenten besuchen. Die Spanier verstehen die Sorgen der Deutschen. Was Merkel verstehen muss, ist, dass die Sorgen der Spanier auch ihre Sorgen sind.

In unserer Reihe fragen wir, wie andere EU-Staaten auf Deutschland blicken. Heute unser Mann in Spanien, Martin Dahms.

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