Bildungsforscher Bos: „Wir brauchen ein zentrales Abitur“

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Das Verhältnis zu Leistung ist in den Bundesländern unterschiedlich ausgeprägt, sagt der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos. Das sorgt für Ungerechtigkeiten beim Kampf um einen Studienplatz.

Herr Professor Bos, die Statistik der Kultusministerkonferenz belegt innerhalb von zehn Jahren einen steten Anstieg von Abiturienten mit einem Eins vor dem Komma. Werden unsere Gymnasiasten immer schlauer?

Wilfried Bos: Natürlich wissen heutige Schüler im Schnitt mehr als die Generationen vor ihnen, sind besser gebildet, also auch schlauer. Die Haupt­ursache für die Steigerung der Noten liegt allerdings in der zunehmenden Berechenbarkeit der Inhalte, die geprüft werden. Die Beschreibung dessen, was verlangt wird, ist im Laufe der Zeit immer präziser geworden. Das gibt Lehrern und Schülern mehr Sicherheit. Schüler informieren sich heute im Internet genau, was sie bei der Abi-Prüfung wissen müssen  und scheuen sich nicht, diese Inhalte von ihren Lehrern auch einzufordern.

Welche Rolle spielen die vielen Schulvergleichsstudien?

Lehrer achten heute mehr denn je darauf, möglichst alle Schüler mitzunehmen. Da in die Abiturnote zu einem erheblichen Teil auch die Leistungen der beiden letzten Schuljahre einfließen, kann über diese Noten gesteuert werden, dass es nicht zu viele schlechte Leistungen gibt.

Auffällig sind die extremen Unterschiede von Land zu Land. In Berlin gab es 2015 prozentual fünf  Mal so viele 1,0-Abiturienten wie 2005. In Baden-Württemberg sank die Zahl der Abiturienten mit einer 1,0 um ein Viertel. Was sagen Sie dazu?

Das kann man sich nur mit unterschiedlichen Schulkulturen in den Ländern erklären, letztlich also mit dem Verhältnis, das man zu Leistung und Leistungsbewertung pflegt.

Sind Abiturienten etwa aus Baden-Württemberg bei zulassungsbeschränkten Studiengängen  deshalb im Nachteil?

Ja, das ist eine eindeutige Verzerrung des Wettbewerbs. Ich sage in Vorträgen zum Bildungsföderalismus oft: Schicken Sie Ihr Kind bis zur 10. Klasse in ein Gymnasium in Bayern oder Baden-Württemberg, und geben Sie es dann in eine Gesamtschule eines Stadtstaats – so lernt es am meisten und erhält eine Spitzen-Abiturnote.

Nur wird das kaum einer machen.

Ich habe es ausprobiert und Nichten und Neffen, die in München wohnten  und nicht gut in der Schule waren, einen Wechsel in ein anderes Bundesland empfohlen – wohin, das lassen wir jetzt mal beiseite. Das Ergebnis war, dass sie in der Mittelstufe mit Vieren in mehreren relevanten Fächern wie etwa Mathematik an der neuen Schule ankamen und sie mit einem Einser-Abitur verlassen haben.

Wie lässt sich das ändern?

Wir brauchen ein zentrales Abitur, das diesen Namen auch verdient: Gleiche Aufgaben am gleichen Tag mit einer Benotung nach gleichen Maßstäben.

Kritiker bemängeln, wir produzierten zu viele Abiturienten. Haben sie Recht?

Nein. Die größten Krokodilstränen vergießen jene, die ihr eigenes Kind niemals  eine Bäcker-, Metzger- oder Friseurlehre machen ließen. Die Nachfrage nach Akademikern ist da, ihre Arbeitslosigkeit gering und ihre Verdienstaussichten sehr gut. Verglichen mit anderen Industriestaaten liegt unsere Abiturientenquote im ganz normalen Bereich. 

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