Leitartikel zur Bildungsdebatte: Grundschule stärken

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Andreas Böhme  Foto: 

Als nach den ersten Pisastudien die Finnen gefragt wurden, warum sie so erfolgreich abschnitten, kam die Antwort: Wir wissen das auch nicht so genau. Das gleiche gilt jetzt für den Absturz des Südwestens im IQB-Bildungstrend: So richtig sicher weiß man nicht warum. Es gibt höchstens einen schnellen Trost: Schon damals war und ist noch immer die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland hoch, in Baden-Württemberg aber unverändert niedrig. Wenigstens die Ausbildungsbetriebe lassen kaum ein Kind zurück und leisten in der Lehre spät, was früher in der Schule hätte gelehrt werden müssen.

Aber wie früh ist früher? Zwar werden Grundfertigkeiten auch noch nach der Grundschule vermittelt,  gleichwohl wird in den ersten vier Jahren die entscheidende Basis gelegt. Ausgerechnet diesem heterogensten Schultyp aber wird die verdiente Aufmerksamkeit verweigert. Noch immer werden Grundschullehrer am schlechtesten bezahlt, haben die größten Klassen, das umfangreichste Deputat und bis vor kurzem auch die kürzeste Ausbildung. Wenigstens wird die Unterrichtszeit nun angehoben, liegt aber immer noch unter ­bayerischem Niveau. Der baden-württembergische Hans lernt erst in den weiterführenden Schulen, was dem bayerischen Hänschen bereits in der Grundschule vermittelt wird.

Danach folgt die schiere Pluralität. Vom herkömmlichen Drei-Säulen-System, erfolgreich in Bayern, wollte die SPD nicht zuletzt aus demografischen Gründen weg. Vom in Sachsen ebenso erfolgreichen Zwei-Säulen-Modell, Ziel der vergangenen Legislaturperiode, ist man weiter abgerückt denn je, und mit den kommenden Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen wird  die Schullandschaft noch bunter. Wie nie zuvor gibt es eine verwirrende Vielzahl unterschiedlicher Schulformen – aber damit eben auch die Chance, für jedes Kind individuelle Lösungen zu finden.

Doch spielt das System überhaupt eine Rolle? Eher ahnt man, was keine Rolle spielt: Schüler lassen sich beim Pauken englischer Vokabeln und deutscher Grammatik wohl kaum beeinflussen von politischen Strukturdebatten. Auch ist fraglich, ob der Unterricht wirklich schlechter wurde durch die wenig spezifizierten Bildungspläne der Schavan-Ära, die bis zum vergangenen Schuljahr galten. Und: Wer jetzt nach mehr Leistung ruft, darf  nicht vergessen, dass kein Kultusminister den Lehrern je verboten hatte, realistische Noten zu geben.

 Wo also ansetzen? Die Finnen begründeten ihren Erfolg einst mit einem großzügigen Umfeld: Lehrer sollten unterrichten, um den Rest kümmern sich viele Helfer. Hierzulande sind Unterricht im Team oder die Begleitung schwierigster Schüler durch Sozialpädagogen immer noch die Ausnahme. Geholfen wird damit weder den Leistungsschwachen,  noch werden leistungsstarke Kinder entsprechend gefördert. Grundschullehrer leisten derzeit viel zu viel Erziehungsarbeit und einfachste Hilfeleistungen für zu früh eingeschulte und deshalb wenig schulreife Kinder. Der Weg zu wieder besseren Resultaten fängt mit Sicherheit in der ersten Klasse an.

leitartikel@swp.de

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