Bewegung statt Angurten

In manchen Pflegeheimen werden Menschen mit Demenz zu ihrem eigenen Schutz mit Gurten festgeschnallt oder ruhiggestellt. Das wird von Experten kritisiert. Und einige Heime beweisen: Es geht auch anders.

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Hanteln hoch: Bewohner des Gemeindepflegehauses Dußlingen kräftigen ihre Muskeln. Das kann Stürzen vorbeugen und Fixierung verhindern. Foto: Petra Walheim

Es sieht fast ein bisschen aus wie in einer Mucki-Bude: Die älteren Menschen sitzen im Kreis, auf den Stühlen vor ihnen liegen kleine Hanteln. Eva Rollbühler zeigt ihnen, wie es geht. "Nehmen sie bitte die Hanteln in die Hände und heben sie die Arme." Manche haben Mühe, die Hanteln zu greifen, die Physiotherapeutin hilft ihnen. Dann geht es los: rechter Arm hoch, linker Arm hoch. Fünfmal rechts, fünfmal links. Die Übung wird mehrmals wiederholt.

Rollbühler macht an dem Morgen mit Bewohnern des Gemeindepflegehauses in Dußlingen im Kreis Tübingen Sturzprophylaxe. Die Menschen sind an Demenz erkrankt und sturzgefährdet. Damit sie beweglich bleiben und Muskeln aufbauen, stemmen sie Hanteln. Sie haben Spaß dabei, sind unter Menschen - und beschäftigt. Alles wichtige Bedingungen, die ihnen die krankheitsbedingte innere Unruhe und die Ängste nehmen soll.

Auch deshalb müssen die Bewohner des von der Stiftung Liebenau getragenen Pflegeheims kaum fixiert werden. Es ist eines von mehreren Heimen im Land, die wenig bis gar nicht fixieren. "Freiheitsentziehende Maßnahmen" lautet der Fachbegriff, wenn aggressive oder unruhige Demenzkranke mit Bauch-, Fuß- oder Armgurten ins Bett geschnallt oder mit Medikamenten ruhig gestellt werden, nur zu ihrem Schutz, lautet oft die Begründung.

Sind die Menschen noch mobil, muss jegliche Fixierung - dazu zählen auch Bettgitter und verschlossene Türen - vom Amtsrichter genehmigt werden. Nur wenn die älteren Menschen aufgrund ihrer Erkrankung gefährdet seien, aus dem Bett zu fallen und der Wille aufzustehen nicht vorhanden sei, könne er selbst entscheiden, ob ein Gurt angelegt oder das Bettgitter hochgezogen werde, sagt Pflegedienstleiter Martin Ditz. "Wir fixieren nur im äußersten Notfall", betont er. Nur wenn Heimbewohner sehr unruhig und sturzgefährdet seien, werde das Bettgitter hochgezogen. Manchmal gibt es auch dafür eine Alternative: Für einen sturzgefährdeten Bewohner, der nachts trotz des Bettgitters immer wieder aus dem Bett gestiegen war, wurde ein Bewegungsmelder aufgestellt. Sobald der Mann das Bett verlässt, bekommt das die Nachtwache gemeldet und kann nach ihm schauen.

Manchmal wollten ältere Menschen, die im Rollstuhl sitzen, aufstehen, erzählt Ditz. Dabei würden sie vergessen, dass sie die Kraft dafür nicht mehr haben. "Sie werden mit einer Art Sicherheitsgurt am Aufstehen gehindert, zu ihrem eigenen Schutz", sagt er. Auch das muss richterlich genehmigt werden. Mehr an Fixierung gebe es nicht.

Beruhigende Medikamente würden nur bei Bedarf bei starker innerer Unruhe und in geringen Dosen gegeben, betont Heimleiterin Claudia Degler. Im Durchschnitt werden in deutschen Pflegeheimen bis zu zehn Prozent der Bewohner fixiert. "70 bis 80 Prozent der Fixierungen sind überflüssig", ist Professor Thomas Klie von der evangelischen Hochschule in Freiburg überzeugt.

Das Ergebnis des Projekts "Reduktion von körpernaher Fixierung bei demenzerkrankten Heimbewohnern" (ReduFix), das er mit geleitet hat, gibt ihm recht: Es zeigte sich, dass in den 45 Pflegeheimen, die sich daran beteiligten, die Fixierungen reduziert oder ganz verhindert werden konnten, ohne dass die Heimbewohner zu Schaden gekommen wären. Es wurden einfach andere Methoden angewendet. Das Folge-Projekt "Redufix Ambulant - Sicherheit und Lebensqualität in der häuslichen Versorgung" läuft noch bis April diesen Jahres. Die ersten Zahlen aber machen deutlich, dass in der häuslichen Pflege öfter fixiert werde als in Heimen.

"Man muss dafür sorgen, dass sich die Leute - soweit das möglich ist - bewegen und dass sie beschäftigt werden", sagt Klie. Werde die Mobilität erhöht, verbessere sich die Lebensqualität, die Lebenserwartung steige. Zudem sei es wichtig, individuell auf Demenzerkrankte einzugehen. Den Einwand, dafür fehle Personal, lässt Klie nicht gelten. "Ob fixiert wird oder nicht, hängt nicht von der Personalausstattung ab, sondern von der Kreativität wie das Heim geführt wird."

Genau das ist aber ein Knackpunkt: Denn auch für die Umsetzung der Kreativität braucht es Personal. Das zeigt sich im Gemeindepflegehaus Dußlingen: "Wir haben einen guten Personalschlüssel und daher eine hohe Betreuungsdichte", betont die Heimleiterin. Nur deshalb könne den Bewohnern ein breites Angebot gemacht werden: Alltagsbetreuerin Christl Bauer und ihre Kolleginnen sind von Montag bis Freitag, manchmal auch samstags, im Haus. Sie basteln und spielen mit den Bewohnern, lesen vor, unterhalten sich mit ihnen oder hören einfach nur zu.

Zwei Mal pro Woche gibt es die Sturzprophylaxe, ein Musiktherapeut singt und musiziert mit den Älteren. Einmal jede Woche steht ein Sitztanz auf dem Programm, es gibt besinnliche Angebote, Gottesdienste und Andachten. "Wenn die Bewohner am Gemeinschaftsleben teilnehmen können und integriert sind, nimmt ihnen das die Unruhe und die Angst", sagt Degler. Dazu tragen auch viele Ehrenamtliche bei, die mit den Bewohnern regelmäßig singen oder sie mit ins Dorf nehmen.

Entscheidend für Degler sind auch Haltung und Flexibilität der Mitarbeiter. Die Heimleiterin legt großen Wert darauf, dass die Mitarbeiter auf die Bewohner eingehen. "Es gilt immer das, was der einzelne Bewohner gerade braucht", sagt sie. Will einer seinen Bewegungsdrang draußen ausleben, begleitet ihn ein Mitarbeiter. "Nach einer halben Stunde ist das vorbei, und dem Bewohner geht es gut", sagt Ditz. Würde er eingesperrt oder festgehalten, steigere sich die Unruhe.

Wie wichtig Schulungen für das Personal sind, das weiß Uwe Brucker, Fachgebietsleiter Pflegerische Versorgung beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (Mds). Er kennt Beispiele von Pflegeheimen, in denen nach intensiver Schulung des Personals die Heimleiter das Ziel ausriefen, auf Fixierungen zu verzichten. Um das zu unterstreichen, habe ein Heimleiter die Bettgitter, ohne die es heute kein Pflegebett mehr gebe, mit Kabelbindern festgebunden. "Ich kann nicht sagen, es geht ganz ohne Fixierung", sagt Brucker. "Aber nach meiner Erfahrung sind es Einzelfälle."

In der Sturzprophylaxe-Gruppe in Dußlingen wird inzwischen im Stehen geübt. Die Stimmung ist gut. Eva Rollbühler will die alten Leute dazu bringen, sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Das kräftigt die Beinmuskulatur und beugt Stürzen vor. In dem Haus gilt das Motto: Bewegung statt Fixierung.

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