Pro & Contra: Wahlrecht im Bund für 16-Jährige?

Jugendliche bleiben bei der Bundestagswahl außen vor. Wäre es nicht besser, sie dürften mitbestimmen? Ein Pro & Contra.

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Michael Gabel Korrespondent  Foto: 

Pro

Sie sind Experten für Bildung, sowieso. Aber auch mit Verkehrs-, Umwelt-, Familien- und Verbraucherthemen bekommen Schüler fast täglich zu tun. Sie machen Erfahrungen, bilden sich zu vielem eine Meinung. Und ab einem gewissen Alter entsteht bei den meisten Jugendlichen auch eine politische Überzeugung. Warum soll man sie dann also bei der Bundestagswahl nicht wählen lassen? In zahlreichen Städten bekommen Jugendliche ab 16 heute die Möglichkeit, ihre Stimme für die Bundestagswahl abzugeben. Schade, dass es nur eine Testwahl ist.

Wenn Jugendliche offiziell wählen dürften, hätte das einen Effekt, den kein Schulunterricht bewirken kann: Jenseits allen Faktenwissens bekämen sie für unsere parlamentarische Demokratie ein Gefühl. Sie würden die Freude erleben, wenn die von ihnen favorisierte Partei erfolgreich ist, und Frust bei einer Niederlage empfinden. Vielleicht würden sie später schauen, was „ihre“ Partei so treibt. Und sich bei der nächsten Wahl gegebenenfalls umentscheiden. Warum nicht? Wir alle lernen – hoffentlich – dazu.

Auch der Unterricht würde profitieren: Was vorher abstraktes Wissen war, würde plötzlich lebendig. Themen wie Wahlkampf und Fünfprozent-Hürde, Koalitionsverhandlungen und Regierungsbildung sind gleich viel spannender, wenn es um die eigene Stimme geht. Erfahrungen mit dem Wahlrecht ab 16 gibt es. Bereits heute dürfen Jugendliche in den meisten Bundesländern bei Kommunalwahlen ihre Stimme abgeben, in Brandenburg und Schleswig-Holstein sogar bei Landtagswahlen. Klagen gab es keine. Man sieht also, es geht.

Contra

Aus Gründen, die  mit den Verkaufsinteressen der Autoindustrie zu tun haben, dürfen junge Menschen schon mit 17 in die Fahrschule. Den Führerschein gibt es aber erst mit 18. Warum? Weil die Gesellschaft der Meinung ist, frühestens ab diesem Alter kann man verantwortungsbewusst mit einem Auto umgehen. Aber wählen sollen 16-Jährige dürfen? Das sind Jugendliche, die zu später Stunde nur mit sogenannten Muttizetteln in Klubs eingelassen werden, zu noch späterer Stunde gar nicht mehr, die bestimmte Filme nicht sehen dürfen, keinen Job ohne Unterschrift der Eltern bekommen und die weiter von wirtschaftlicher Selbständigkeit entfernt sind, als die meisten 18-Jährigen.

Beim Argument, dass junge Menschen in einer alternden Gesellschaft über die  Zukunft mitbestimmen müssten, wäre zu fragen, warum  dann erst ab 16 ? Haben nicht auch 14-Jährige eine Meinung? Wählen 10-Jährige nicht bereits Klassensprecher? Weshalb nicht den Bundestag? Es ist bezeichnend, dass nur vom aktiven Wahlrecht die Rede ist. Niemand verlangt ernsthaft, dass 16-Jährige in den Bundestag gewählt werden.

Die Idee der Volljährigkeit basiert auf Erfahrung. Die Gesellschaft hat sich darauf geeinigt, dass der durchschnittliche 18-Jährige insofern erwachsen ist, als dass er voll verantwortlich für sein Handeln sein kann und dann eben auch ist.  Nicht nur im Straßenverkehr. Pubertierenden, die nach Orientierung suchen, sollten nicht über die Zusammensetzung des deutschen Parlamentes bestimmen. Das wäre eine Überforderung. Für sie und für die Gesellschaft.

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