Bernie Sanders eint die Demokraten

Die US-Demokraten wollen auf ihrem Parteitag Eintracht demonstrieren. Dass ausgerechnet der unterlegene Kandidat Bernie Sanders zum Auftakt das Publikum vereint, war so aber nicht vorgesehen.

|
Bernie Sanders, der unterlegene Kandidat, winkt nach seinem Aufruf zur Unterstützung von Hillary Clinton auf dem Parteikonvent der Menge zu.  Foto: 

Genau diese Szenen hatte das Demokratische Nationalkomitee (DNC) um jeden Preis verhindern wollen. Begonnen hatte der Tag auf den Straßen von Philadelphia mit Protesten enttäuschter Bernie-Sanders-Anhänger. Eine Gruppe hielt Schilder mit dem Motto „Bernie wurde betrogen“ oder „Zur Hölle mit dem DNC“ in die Luft – eine klare Anspielung auf jene aufgedeckten Vorwahlmanipulationen, die darauf abzielten, einen Sieg der Favoritin Hillary Clinton zu garantieren. Andere wiederholten den Refrain „Niemals Hillary!“

Auf dem Parkett der Wells Fargo Arena lieferten sich dann leidenschaftliche Sanders-Anhänger und Delegierte, die bei der Nominierung Clinton ihre Stimme schenken werden, heftige Wortgefechte. Andere Sanders-Unterstützer klebten sich demonstrativ den Mund zu. Auf dem Klebeband hieß es polemisch „Vom DNC zum Schweigen gebracht.“

Selbst, als am Montagnachmittag (Ortszeit) die ersten Redner auf dem Parteikonvent der US-Demokraten zum Podium schritten, waren die Gemüter noch erregt. Wer es wagte, den Namen Clinton zu erwähnen, geschweige denn, ihr das Vertrauen auszusprechen, wurde von Pfeifkonzerten übertönt. Erst, als um kurz nach 22 Uhr First Lady Michelle Obama das Wort ergriff, kehrte etwas Ruhe ein. Mit einer Kampfansage an „Rüpel, von denen wir uns nicht niedermachen lassen dürfen“, verpasste sie Donald Trump eine erste Ohrfeige. Dann folgte ein Loblied auf die unermüdliche Kämpferin Hillary Clinton. Sie sei während ihrer gesamten Karriere für Frauen, ethnische Minderheiten und sozial Schwächere eingetreten. Dass Clinton ungeachtet zahlreicher Rückschläge nun  „jene Glasdecke durchbrochen hat“, die in den USA Frauen über Jahrzehnte von einer Präsidentschaftskandidatur abhielt und dass sie nun an der Schwelle zum mächtigsten Amt der Welt stehe, „beweist meinen Töchtern und allen Töchtern, dass auch sie Präsident werden können!“ Tosender Applaus in der Sportarena. „Absolut brilliant“, schwärmte danach John Podesta, Direktor von Clintons Wahlkampagne. „Die First Lady kann mit einer solchen Rede selbst eines Tages antreten!

Auf Michelle Obama folgte die Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, die sich darauf spezialisiert hat, Trump zu provozieren. Sie beschimpfte ihn als Betrüger, der Durchschnittsbürgern mit zwielichtigen Projekten wie der Trump University das Geld aus der Tasche ziehe, eigene Mitarbeiter nicht bezahle und mit nicht weniger als sechs Firmenpleiten bewiesen habe, dass er als Geschäftsmann ein Versager sei. „Was für ein Mann tut diese Dinge?“ fragte die linksliberale Harvard-Professorin, der ebenfalls ein Anlauf aufs Weiße Haus zugetraut wird. Jubel und Ovationen, als sie selbst die Antwort gibt: „Das tut ein Mann, der niemals Präsident werden darf!“

Dabei war es ausgerechnet Bernie Sanders, der dem aufreibenden ersten Tag des Parteikonvents mit einer der besten Reden seiner politischen Karriere ein Glanzlicht aufsetzte. Er wurde gefeiert wie ein Rockstar und von stehenden Ovationen sowie den Rufen „Bernie“ Bernie!“ begrüßt. Es dauerte mehrere Minuten, bis der zu Tränen gerührte 74-Jährige endlich zu Wort kam. Er dankte seinen Millionen von Anhängern für ihren unermüdlichen Einsatz und dafür, „dass Ihr diese politische Revolution möglich gemacht habt.“ Obwohl „niemand so enttäuscht ist wie ich“ über den Ausgang der Vorwahlen, gelte es nun für alle Demokraten, an einem Strang zu ziehen. Souverän und würdevoll stand er über den Dingen, auf die Vorwahlmanipulationen ging er nicht ein.

Dann schließlich jene Worte, die Clintons Mannschaft seit Monaten hatte hören wollen. Jeder objektive Beobachter müsse erkennen, „dass Hillary Clinton der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden muss!“ Ein schallendes Vertrauensvotum, auch wenn noch offen ist, ob Sanders damit wirklich die Reihen schließen konnte. „So leidenschaftlich habe ich Politik noch nie erlebt“, sagte die Sanders-Anhängerin Jessa Lewis aus dem US-Staat Washington. „Menschen sind um ihre Zukunft und die Zukunft unseres Landes besorgt, und Bernie hat eine Vision“, betonte sie. „Er hat toll geredet, doch ich weiß immer noch nicht, ob ich nun Hillary meine Stimme geben kann.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen