Beim Freihandelsabkommen mit den USA bleibt die Kultur ausgeklammert

Die Europäische Union und die USA haben beim G-8-Gipfel in Nordirland auch den Startschuss für ein Freihandelsabkommen gegeben. Frankreich jedoch schert aus: Freihandel ja, kultureller Ausverkauf nein.

|
Filmerfolge wie mit dem Streifen "Ziemlich beste Freunde" bestärken die Franzosen darin, ihre Kultur gegen jeden Angriff von außen zu verteidigen. Foto: dpa

Kaum anzunehmen, dass US-Präsident Barack Obama seine ehrgeizige Abrüstungsinitiative lieber auf der Pariser Place de la Concorde als vor dem Brandenburger Tor in Berlin verkündet hätte. Schließlich haben die dickköpfigen Franzosen um ein Haar das große Wunschprojekt einer Freihandelszone zwischen Europa und den USA torpediert. Erst nachdem Brüssel und Washington einwilligten, Kultur und Medien aus den Gesprächen auszuklammern, zog Paris sein Veto gegen die Aufnahme der Verhandlungen zurück.

Verärgert über die ewigen Querschüsse der Franzosen sind jedoch keineswegs nur die Amerikaner. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zeigte sich dermaßen ungehalten über die mühsame Kompromisssuche, dass er alle diplomatische Zurückhaltung fahren ließ und Frankreich als ein "rückständiges Land" beschimpfte.

Darüber wiederum war man in Paris zutiefst empört. Doch unter dem Strich überwiegt an den Ufern der Seine bei weitem das schöne Gefühl, ganz in der Tradition der unbesiegbaren Gallier einen hinterhältigen US-Angriff auf die sakrosankte französische "exception culturelle" (kulturelle Ausnahme) zurückgeschlagen zu haben.

Tatsächlich haben die Franzosen ihren Extrastatus seit jeher mit Klauen und Zähnen verteidigt, weil sie diesen Kampf als ein Ringen um ihr Selbstverständnis und ihren internationalen Rang verstehen. Die Grande Nation mag Vergangenheit sein, Frankreich politisch, wirtschaftlich und militärisch nur noch die Rolle einer Mittelmacht spielen. Aber als Kulturnation hat das Land weiterhin globale Geltung. Wobei der französische Kulturbegriff sich eben nicht nur auf Sprache, Literatur, Kino, Chanson und die schönen Künste beschränkt, sondern auch die Medien, die Haute Cuisine, die Haute Couture und das "savoir vivre" einschließt.

Höchstens der Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft vermag unsere Nachbarn ebenso stolz zu machen wie die von Marion Cotillard und Jean Dujardin errungenen Oskars oder der weltweite Triumph des Films "Ziemlich beste Freunde". Sie sind ihnen unschätzbare Beweise dafür, dass die Gallier auch heute noch einer aus Hollywood-Produktionen, Hamburgern und Coca-Cola gebildeten Invasionsarmee zu trotzen wissen. Und was den Bewohnern jenes legendären unbesiegbaren Dorfs der Zaubertrank ihres Druiden war, sind den Erben die Subventionen, mit denen Frankreich seine kulturelle Identität fördert und verteidigt.

Französischen Kulturschaffenden wird vom Staat beinahe grundsätzlich und in allen erdenklichen Formen unter die Arme gegriffen. So gibt es Quoten für französische Chansons im Radio und für französische Kino- sowie TV-Produktionen im Fernsehen oder Fördermittel für die Filmindustrie, welche sich auf rund einer Milliarde Euro im Jahr summieren.

Kein Zufall also, dass Frankreich nach Hollywood und Bollywood als drittgrößte Kinomacht glänzt. Doch gerade weil die Franzosen auch mit nicht freihandelsgerechten Mitteln wie Subventionen, Quoten und Sondersteuern nicht nur ihre Kultur sondern auch ihre Identität gegen das globale Imperium verteidigen, sind sie unverhandelbar.

Gewiss verspricht man sich auch in Paris mehr Wachstum und Wohlstand von einem Freihandelsabkommen mit den USA. Aber in einem Punkt, da hat Barroso vollkommen Recht, sind die Franzosen ebenso fürchterlich wie bewundernswert rückständig: Die Kultur werden sie nie als eine Ware betrachten wie Wein, Rinderhälften, Automobile oder Bohrmaschinen. Aus patriotischer Sicht fehlt ihnen jede Bereitschaft, ihre Seele auf dem Altar des Freihandels zu opfern.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

23.06.2013 14:32 Uhr

Schützen nur was schützenswert ist

Ich erinnere an den Artikel des Pariser Filmproduzenten Vincent Malaval in einem Meinungsbeitrag in «Le Monde» von diesem Jahr, in dem er berichtete dass so gut wie alle einheimischen französischen Film-Grossproduktionen in 2012, von den nie endenden neuen Episode der «Asterix»-Reihe bis zum unsäglichen «Sur la piste du Marsupilami», alle Geld verloren haben. Ihre Kosten überstiegen die Einnahmen in den Sälen. Schuld an diesem Ungleichgewicht sind die überrissenen Honorare der Stars und Sternchen, der Regisseure, vor allem jedoch der Schauspieler. In Extremfällen übersteige die Gage des Hauptdarstellers sogar die gesamten Kinoeinnahmen eines Films. Die Honorare von franz. Drehbuchautoren, Produzenten, Regisseuren und vor allem von sog. Starschauspielern sind so gestiegen, ihr Anteil am Gesamtbudget von Grossproduktionen soll von schätzungsweise 15 bis 20 Prozent auf 35 bis 40 Prozent gewachsen sein. Die hier so viel gelobte französische Filmförderung zur Erhaltung von Qualität und Vielfalt mit Ihrem Fördersystem aus Abgaben pro Kinokarte (Die Zuschauer finanzieren die Industrie mit) und die bindende Verpflichtung der Fernsehsender, prozentual zu ihrem Umsatz in die Filmproduktion zu investieren, ist dringend reformbedürftig, wie so vieles in diesem Land. Bezüglich der obligaten Investitionen der Fernsehsender in die französische Filmindustrie muss man fragen, ob diese Gelder – es geht um fast eine halbe Milliarde Euro – wirklich gemäss ihrer Bestimmung eingesetzt werden: um die Qualität und Vielfalt der hiesigen Produktion zu fördern. Die Antwort ist ein klares Nein. Zu viel TV-Geld fliesst in standardisierte Grossproduktionen, die schon als Drehbuch jeder künstlerischen Ambition ermangeln, jedoch wegen der Starschauspieler von den TV Sendern bevorzugt werden, die diese Schinken kurz nach dem Kinostart x-mal auf ihren diversen TV Kanälen wiederholen. Und das Jahre lang. So wird dann die staatlich verordnete Ausstrahlungsquote mit 60 Prozent europäischen Filmen, von denen 40 Prozent französisch sein müssen, erfüllt. Da sehnt man sich dann nach einem Film aus Hollywood.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Betrunkener Autofahrer rammt Polizeiwagen - Drei Verletzte

Ein betrunkener Autofahrer hat in Eberhardzell (Landkreis Biberach) einen Polizeiwagen derart gerammt, dass ein Polizist im Auto schwer verletzt wurde. weiter lesen

Unfall mit Streifenwagen-