Bebels Uhr und Wehners Pfeifen

Im Mai 2013 wird die Sozialdemokratie 150 Jahre alt. Einen Teil ihrer Devotionalien aus dieser Zeit schicken die Genossen jetzt aus Anlass ihres Parteijubiläums auf große Ausstellungstour durch Deutschland.

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Tief im Keller unter dem Backsteingebäude der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn lagern die Schätze, auf die Peter Struck (69) mächtig stolz ist. Liebevoll nimmt der ehemalige Verteidigungsminister und SPD-Fraktionschef die Pretiosen in die Hand - August Bebels goldene Taschenuhr, Willy Brandts Urkunde zum Friedensnobelpreis von 1971, Helmut Schmidts handgeschriebene Besetzungsliste für das Kabinett der Großen Koalition aus dem Jahr 1966. Ganz besonders aber strahlt der Stiftungschef über die Hinterlassenschaften seines großen Vorbilds Herbert Wehner: die legendäre Schreibmaschine "Continental", abgegriffene Aktentaschen, ein ganzes Arsenal von Pfeifen und noch unberührte Tabakdosen der Marke "Revelation", die "der Onkel" liebte wie schon Albert Einstein und Ernst Bloch.

Wer von Peter Struck durch das "Archiv der sozialen Demokratie" geführt wird, staunt über die Sammelleidenschaft der SPD ebenso wie über die Tatsache, dass manches Erinnerungsstück nicht nur Kriege überstanden hat, sondern auch die Verfolgung von Sozialdemokraten unter Bismarck und Hitler sowie die Vernichtung früher Zeugnisse aus der Gründerzeit der deutschen Arbeiterbewegung. Sogar ein "Sozialistenbanner" aus dem Jahr 1873, die "Blutfahne", ist erhalten geblieben und das unbestrittene Schmuckstück der über 250 aufbewahrten Parteiflaggen.

Seit der damalige SPD-Chef Willy Brandt 1968 den Grundstein für das Godesberger Archiv legte, sind die Bestände stetig gewachsen und nehmen inzwischen auch eine ehemalige Tiefgarage in Anspruch. 45 Kilometer Akten, vier Millionen Fotos, 200 000 Plakate und Flugblätter, 20 000 Filme und Videokassetten, über 5000 Tonbänder und Schallplatten, dazu Bilder, Büsten und Totenmasken - Besucher brauchten Wochen, um sich hier einen halbwegs kompletten Überblick zu verschaffen.

Studenten und Forscher aus vielen Ländern finden für ihre sozialgeschichtlichen Arbeiten jede Menge Quellen und Anregungen. Das Archiv kooperiert eng mit vergleichbaren Einrichtungen anderer Parteien in Deutschland und der ganzen Welt. Mittlerweile sind nicht nur Vorstandsprotokolle und Registraturen der SPD-Gliederungen in den Katakomben der Ebert-Stiftung gelandet, sondern auch Dokumente aus Partnerorganisationen wie der Arbeiterwohlfahrt und aus den Gewerkschaften.

Die während der Nazi-Herrschaft an das Institut für Internationale Sozialgeschichte in Amsterdam verkauften Archivalien wurden - mit Ausnahme des Nachlasses von Karl Marx und Friedrich Engels - wenigstens auf Mikrofilm gebannt, mit dem Russischen Staatsarchiv für Sozial- und Politikgeschichte in Moskau läuft ein ähnlicher Vertrag über die Verfilmung dort lagernder Nachlässe von August Bebel, Ferdinand Lassalle, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Über 1000 prominente Vertreter der deutschen Sozialdemokratie haben der Stiftung ihre persönlichen Akten entweder komplett oder teilweise überstellt - neben Brandt und Wehner Abgeordnete aller Parlamente sowie andere Funktionsträger der SPD. Altkanzler Helmut Schmidt und Ex-Parteichef Hans-Jochen Vogel sind bereits mit "Vorlässen" vertreten, Herbert Wehners Witwe Greta hat in ihrem Testament verfügt, welche bisher unter Verschluss gehaltenen Dokumente nach ihrem Tod freigegeben werden dürfen. Es könnte also sein, dass bestimmte Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte dann noch einmal neu geschrieben werden müssen.

Derzeit stellen die Bonner Fachleute mit zahlreichen Exponaten aus ihrem Fundus eine Wanderausstellung zusammen, die das Parteijubiläum der SPD ins rechte Licht rücken soll. Am 23. Mai 1863 wurde in Leipzig der "Allgemeine Deutsche Arbeiterverein" aus der Taufe gehoben, gleichsam die Mutterorganisation der Sozialdemokratie. Mit einem Festakt in der sächsischen Metropole feiert die SPD dieses Datum im kommenden Jahr, eingeladen sind auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Schon in ein paar Tagen, am 12. September, wird im Paul-Löbe-Haus des Bundestages die Ausstellung "150 Jahre SPD" eröffnet, die anschließend bis Juli 2013 in weiteren 24 Städten der Republik zu sehen sein wird.

Damit nicht genug des roten Partyreigens: Am 17. und 18. August des Jubeljahres veranstaltet die SPD am Brandenburger Tor und auf der Straße des 17. Juni ein Bürger- und Kulturfestival mit Musik, Lesungen und Diskussionen. Wenige Wochen später findet die nächste Bundestagswahl statt, und auf Deutschlands bekanntester Fanmeile wird der dann sicher feststehende SPD-Kanzlerkandidat einen Riesenauftritt vor Ehrengästen aus Europa und Übersee haben.

Dass der rot-schwarze Berliner Senat seine Einwilligung für die Open-Air-Sause der Sozis verweigert, ist nicht zu erwarten. Schließlich gedenkt die Hauptstadt am 18. Dezember des kommenden Jahres auch des 100. Geburtstages ihres ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, da wäre ein offener Streit um die Partei ihres berühmten Sohnes wohl fehl am Platz.

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