Barack Obama und Angela Merkel: Fremde Freunde

Der US-Präsident und die deutsche Kanzlerin sind sich sympathisch und pflegen dennoch eine gewisse Reserviertheit. Das liegt auch an den unter- schiedlichen Schwerpunkten, die beide in ihrer Politik setzen.

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Distanzierte Zuneigung: Präsident Obama und Kanzlerin Merkel 2011 im Gespräch in einem Washingtoner Restaurant, im Hintergrund ihre Dolmetscher. Foto: dpa

Das waren noch Zeiten, als Angela Merkel den US-Präsidenten in ihrem Wahlkreis an der Ostsee empfing und unter freiem Himmel ein Wildschwein grillen ließ. Das deutsch-amerikanische Barbecue in Trinwillershagen zwischen Rostock und Stralsund brachte zwei eigentlich sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen, deren Verhältnis erstaunlich eng und vertrauensvoll wurde, fast schon liebevoll, wenn man sich an den Moment erinnert, als der mächtigste Mann der Welt der Bundeskanzlerin die Schultern massierte.

Sieben Jahre ist das jetzt her, und der Präsident hieß George W. Bush, den mit Deutschland eine ähnlich innige Beziehung verband wie einst dessen Vater George Bush, Republikaner wie sein Sohn. Nun aber ist der Demokrat Barack Obama der Herrscher im Weißen Haus in Washington, und schon auf den ersten Blick erscheint das bilaterale Verhältnis zur immer noch amtierenden Kanzlerin komplizierter, jedenfalls nicht ungetrübt von jenen Problemen, die zwischen den alten Partnern diesseits und jenseits des Atlantiks gegenwärtig bestehen.

Die Analytiker beschreiben den aktuellen Aggregatzustand als "distanzierte Zuneigung" oder "nicht immer erwiderte Liebe", Merkel und Obama verhielten sich bisweilen wie "fremde Freunde". Die beiden Staatenlenker, die sich auf internationaler Ebene viele Male getroffen haben, die auch regelmäßig miteinander telefonieren, sind sich sympathisch, aber es bleibt stets ein gewisser emotionaler Abstand zwischen ihnen bestehen, kein Misstrauen, eher ein Quäntchen Reserviertheit.

Bei Obama spielt sicher der Beginn ihrer Partnerschaft immer noch eine Rolle. Als Präsidentschaftskandidat wollte der Mann aus Chicago unbedingt am Brandenburger Tor reden, im Juli 2008, doch Angela Merkel verhinderte diesen Auftritt aus etwas fadenscheinigen Gründen. Stattdessen musste der Wahlkämpfer aus den Staaten an die Siegessäule ausweichen, was seiner triumphalen Ansprache vor 200 000 begeisterten Berlinern indes keinen Abbruch tat. Obama revanchierte sich ein Jahr später, als der Präsident eine Einladung der Kanzlerin zum 20. Jahrestag des Mauerfalls ausschlug.

Diese wechselseitigen Nickeligkeiten sind zwar überwunden, aber man kann nicht sagen, dass Merkel und Obama nun ein Herz und eine Seele seien. Der Amerikaner hält sich in zentralen strategischen Fragen der internationalen Politik doch lieber an London und Paris - etwa bei der Entmachtung von Libyens Diktator Gaddafi oder jetzt bei den Waffenlieferungen an die syrische Opposition. Die Deutsche wiederum verbittet sich Ratschläge aus Washington, wenn es um die Rettung des Euro oder die europäische Staatsschuldenbekämpfung geht.

So wenig die Bundesrepublik im Mittelpunkt der US-Außenpolitik steht, so sehr richtet die Kanzlerin seit einigen Jahren ihr Hauptaugenmerk auf den eigenen Kontinent, auf den Zusammenhalt in der EU. Amerika sucht den Kontakt zu den neuen Führungsmächten auf dem Globus, zu China und Indien, Berlin hat alle Hände voll damit zu tun, die europäischen Krisen in den Griff zu kriegen, was sich auch in den Aktivitäten der außenpolitischen Berater im Kanzleramt niederschlägt.

Da bleibt, auf beiden Seiten, kaum Zeit für den ständigen Schulterschluss zwischen Deutschen und Amerikanern. Zumal nach der ersten Amtszeit Obamas auch in Regierungskreisen an der Spree eine gewisse Ernüchterung über dessen Strahlkraft und vor allem über die Zuverlässigkeit seiner Agenda eingetreten ist. Neue Akzente hat der Präsident weder für den globalen Klimaschutz gesetzt noch für den Nahost-Friedensprozess - zwei Herzensangelegenheiten der Kanzlerin.

Einen Schatten auf den Berlin-Besuch Obamas wirft der jüngste Skandal um die ausufernde Datensammlung der US-Geheimdienste, die auch Bundesbürger und deutsche Unternehmen betrifft. Nicht nur die Opposition im Bundestag verlangt "klare Worte" der Kanzlerin an die Adresse ihres Gastes.

Trotz dieser Irritationen ist kaum zu erwarten, dass Obama in der deutschen Hauptstadt nicht mit offenen Armen empfangen wird. Zwar hat der Präsident seine Gastgeberin eine Weile schmoren lassen, ehe er Merkels Einladung nach Berlin nun endlich wahrnimmt. Jetzt aber kommt er nicht allein, sondern bringt gleich drei weitere Sympathieträgerinnen mit - seine Ehefrau Michelle sowie die beiden Töchter Malia (15) und Sasha (12).

Und er hält morgen die von seinem Stab als "machtvolles Ereignis" angekündigte Rede am Brandenburger Tor im Gedenken an John F. Kennedys legendären Auftritt vor fast genau 50 Jahren: Damals, am 26. Juni 1963, versammelten sich vor dem Schöneberger Rathaus hunderttausende Menschen, denen er unter großem Jubel zurief: "Ich bin ein Berliner."

Historische Reden in Berlin
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