Balingen schweigt, alles lacht

Humor ist, wenn man trotzdem scherzt. Das bewies ein Prozess in Balingen: Dort ging es um 35 Euro Bußgeld wegen lauten Lachens.

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Lachen? Angesichts des Todes von Dieter Hildebrandt ist selbst den humorigen Bundesdeutschen dazu heute weniger zumute. Dabei hätte der Altmeister gerade jene Chose zum Lachen, ja, Schießen gefunden, die sich da in Balingen (Zollernalbkreis) zugetragen hat. Dort wurde zu laut gelacht - kein Witz! Einer 17-Jährigen und ihren Kumpels waren deshalb in diesem Frühjahr Strafbefehle über 35 Euro ins Haus geflattert.

Der Vorwurf: "Sie erregten lautes Lachen und Reden nach den Umständen vermeidbarem Ausmaß Lärm, der geeignet war, die Nachbarschaft erheblich zu belästigen." Klingt stockend gelesen wie Hildebrandt, ist aber O-Ton Ordnungsamt, wie man beim Schwarzwälder Boten nachlesen kann.

Übersetzt meint das: An einem Aprilabend hatten sich die 17-Jährige und ihre Clique auf einem Balinger Parkplatz getroffen. Man wartete auf Freunde mit fahrbarem Untersatz, um zur Disko weiterzuziehen. Schwatzen, Lachen, später Musik aus Autolautsprechern. Kein Alkohol, versichert das Mädchen. Einer Anwohnerin war das zu viel, auf dem Platz treffe sich zu oft Party-Volk. Sie rief um 23 Uhr die Polizei.

Die verstand auch keinen Spaß. Sie bestellten den jungen Fahrer des mittlerweile eingetroffenen Autos zum Rapport auf die Wache und ließen sich die Namen der lautstarken Komplizen nennen. Das Balinger Ordnungsamt verschickte an acht Jugendliche Bußgeldbescheide. Sieben zahlten, der Vater der 17-Jährigen widersprach aus Prinzip. So traf man sich vor dem Amtsgericht.

Die zuständige Richterin zeigte dann doch Sinn für Humor: Sie sah keinen Lach-Vorsatz bei der Jugendlichen. "Es gab einen Freispruch - mehr war nicht", kommentierte eine Sprecherin des Balinger Amtsgerichts das Verfahren - und "wunderte" sich über das bundesweite Interesse an dem kuriosen Fall: "Das Verfahren ist unbedeutend."

So unbedeutend, dass in der Balinger Verwaltung gestern niemand Stellung nahm. Die Ordnungsamtschefin verwies an den Pressesprecher. Der weilte vertretungslos außer Haus, Nachfrager wurden auf den Folgetag verwiesen. Nun ja. So schweigt Balingen - und die Republik lacht. Trotz oder gerade wegen aller Trauer um Hildebrandt.

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