Automatisierung der Arbeitswelt schreitet voran

Nicht jeder Job lässt sich von einem Roboter erledigen, Führungsaufgaben schon gar nicht. Doch die Digitalisierung der Arbeitswelt bringt gewaltige Umbrüche.

|
Vorherige Inhalte
  • Fortbildung, damit alle mit dem Roboter zurechtkommen. 1/2
    Fortbildung, damit alle mit dem Roboter zurechtkommen. Foto: 
  • 2/2
    Foto: 
Nächste Inhalte

Wenn der Augsburger Maschinenbauer Kuka, der mittlerweile dem chinesischen Konzern Midea gehört, für den Siegeszug der Roboter werben will, lässt er einen Industrieroboter Weißbier einschenken – ob auf der Hannover Messe, der Stuttgarter LogiMat oder dem Business 20 (B20) getauften Wirtschaftsgipfel in Berlin. Obwohl das fehlerfrei klappt, wird angesichts der Kosten so schnell menschliches Servicepersonal wohl nicht von Robotern ersetzt werden. Trotzdem weist Kuka damit in die Zukunft: Besonders stets wiederkehrende, standardisierte Tätigkeiten können bald vermehrt von Maschinen ausgeführt werden. Damit werden Jobs wegfallen.

Dabei verspricht die Union gerade Vollbeschäftigung in ihrem Wahlprogramm. Das klingt heimelig, klingt nach guter alter Zeit, nach Wirtschaftswunderzeit, als jahrelang für die breite Masse immer alles nur besser wurde. Aber es klingt auch etwas nach von Politik verordneter Vollbeschäftigung, wie sie in der DDR üblich war. Die Politik verspricht, alles zu regeln. Die Vorhersage der Forschungseinrichtung McKinsey Global Institute allerdings sieht ganz anders aus.

Automatisierung, Roboter und künstliche Intelligenz werden demnach die Arbeitswelt erheblich verändern. Die Auswirkungen seien mit der des Übergangs von der Agrar- zur Industriegesellschaft vergleichbar. Auch in dieser Phase habe es Verwerfungen gegeben; langfristig habe dieser Wandel aber zu einem Wachstum an Arbeitsplätzen geführt.

800 Berufe untersucht

Das Institut hat mehr als 2000 Tätigkeiten in 800 Berufen untersucht. Die Automatisierung werde jede zweite Tätigkeit betreffen – in unterschiedlichem Ausmaß. Betroffen seien längst nicht nur einfache Jobs, sondern auch anspruchsvolle Berufe. „Das größte Automatisierungspotenzial haben manuelle Tätigkeiten, die in einem festen und vorhersehbaren Umfeld ausgeführt werden. Ebenfalls stark von der Automatisierung bedroht sind Tätigkeiten rund um das Sammeln und Verarbeiten von Daten – ein Feld, in dem Computer Menschen in vielen Fällen überlegen sind. Weniger betroffen sind hingegen Aktivitäten, die das Anleiten und Führen von Menschen erfordern“, so das McKinsey Global Institute. Die Hälfte aller heute in bezahlter Arbeit verrichteten Tätigkeiten könne mit bereits bekannten Technologien sofort automatisiert werden.

Immerhin: Über Nacht werde die Automatisierung nicht über Deutschland hereinbrechen. Genau festlegen will man sich nicht, bis 2055 könnte die Hälfte der heutigen Arbeitstätigkeiten automatisiert werden. Eines aber sei klar: Viele Beschäftigte müssten komplett oder weitgehend umlernen.

Auch regional kann dieser Prozess einiges durcheinanderwirbeln. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die Forschungseinrichtung der Bundesanstalt für Arbeit, hat sich die Automatisierungspotenziale angesehen. Dabei werden Berufe als stark rationalisierungsgefährdet eingestuft, wenn sie zu über 70 Prozent durch Computer ersetzt werden können. Diese Gefahr variiert je nach Bundesland zwischen acht Prozent und mehr als 20 Prozent.

„Während in den beiden Stadtstaaten Berlin und Hamburg Beschäftigte kaum gefährdet sind, ist die Automatisierungswahrscheinlichkeit in Baden-Württemberg, Thüringen und dem Saarland wesentlich höher.“ Der Grund: Eine starke Industrie – „und damit Berufe mit hohem Automatisierungspotenzial“, heißt es. Unterdurchschnittlich sind Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Brandenburg von der Digitalisierung betroffen. Das heißt Länder wie Baden-Württemberg und Bayern, die heute faktisch Vollbeschäftigung haben, wird der Strukturwandel besonders treffen.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verweist auf Szenarien, wonach bisher vom Menschen ausgeführte Kerntätigkeiten bei Expertenberufen (Hochschulabschluss) zu 19 Prozent ersetzt werden könnten, jedoch zu 46 Prozent in Helferberufen (keine oder kurze Berufsausbildung). IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös mag aber nicht pessimistisch sein: Man könne davon ausgehen, dass sich „das Leben in solchen Volkswirtschaften verbessert, die mit technologischen Veränderungen erfolgreich umgehen“.

Massiv jedenfalls werden die Veränderungen sein. Jenseits allen Forscherstreits um Prozente dürfte gelten: Es wird zu teilweise dramatischen Veränderungen am Arbeitsmarkt kommen. Vollbeschäftigung wird wohl nicht dazu gehören.

Nicht nur einfache Berufe werden im Zuge der Digitalisierung verschwinden. Sogar Juristen drohen von künstlicher Intelligenz verdrängt zu werden. Wie reagiert die Politik darauf?

CDU/CSU: Die Union sieht vor allem die Möglichkeit, neue Jobs zu schaffen. Um Arbeitnehmer fit  für die Anforderungen der digitalen Welt zu machen, will sie mit Arbeitgebern und Gewerkschaften eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“ auflegen. Wie diese genau aussehen soll, wird nicht weiter definiert.

SPD: Die Sozialdemokraten sind da konkreter. In einer „Nationalen Weiterbildungskonferenz“ sollen Instrumente aufeinander abgestimmt werden. Arbeitslose sollen ein „Recht auf Weiterbildung“ erhalten. Während der Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen soll es ein „Arbeitslosengeld Q“ geben, das nicht auf das Arbeitslosengeld angerechnet werden soll. Ziel ist es, Arbeitnehmer bereits während der Ausbildung auf zukünftige Anforderungen vorzubereiten. Im Rahmen einer „Ausbildungsstrategie 4.0“ soll deswegen das Berufsausbildungsgesetz geändert werden.

Die Linke: Auch die Linke fordert ein „Recht auf Weiterbildung“. Beschäftigte sollten Anspruch darauf haben, ihre Arbeitszeit dafür zu reduzieren oder aussetzen zu können. Währenddessen sollten Arbeitgeber einen Lohnausgleich in Höhe von 70 Prozent des Nettos garantieren. Dazu schlägt Die Linke einen Weiterbildungsfonds vor, in den alle Unternehmen einer Branche einzahlen sollen.


Bündnis 90/Die Grünen: Die Grünen wollen, dass digitale Kompetenzen „Teil der Allgemeinbildung“ werden. Eine „Bildungszeit Plus“, eine Mischung aus Darlehen und Zuschuss, soll Weiterbildung unterstützen.


FDP: Die Freien Demokraten sprechen offen an, dass es einerseits viele Jobs in Zukunft nicht mehr geben wird, andererseits viele neue entstehen werden. Sie versprechen, „dass alle Bürger durch Weiterbildung beim digitalen Wandel mithalten können“. Realisieren wollen sie dies, indem sie „sinnvolle Weiterbildungsmaßnahmen“ zur Hälfte staatlich bezuschussen wollen. Weiter soll „ähnlich dem Bausparen“ ein Modell für Bildungssparen steuerlich gefördert werden.


AfD: Die AfD nimmt keinen Bezug auf Weiterbildung im Kontext von Digitalisierung.

Igor Steinle

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen