Autolack, Nacktfotos und Schwefelsäure

Die Intrigen am Moskauer Bolschoi Theater haben in Russland eine moralische Grundsatzdebatte ausgelöst. Derweil kämpfen Ärzte um die durch einen Säureanschlag veräzten Augen des Ballettchefs.

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Mehr als ein Opern- und Tanztheater: Das Bolschoi in Moskau gehört zu einem der drei letzten imperialen Symbole Russlands. Foto: afp

Das Opfer ist noch immer blind. Aber Sergei Filin, Ballettmeister des Bolschoi Theaters, dessen Gesicht und Augen bei einem Säureattentat Mitte Januar schwer verätzt wurden, hofft, er werde seine Kinder wieder sehen. Und er glaubt, den Täter zu kennen: "Ich bin mir absolut sicher, wer das getan hat", sagte er am Wochenende der BBC. "Aber ich werde erst reden, wenn die Ermittlungsbehörden den Täter auch offen nennen können."

Filin, 42, wird inzwischen in Aachen behandelt, die Ärzte kämpfen weiter um die Rettung seiner Augennetzhäute. Währenddessen entwickelt sich das Rätselraten um den möglichen Täter in Russland zur moralischen Grundsatzdebatte. "Das Bolschoi Theater hat schon immer widergespiegelt, was in der Gesellschaft passiert", kommentiert der Fernsehsender TV-Rain. Als vor zwei Wochen die Tanzpädagogin Galina Stepanjenko zur Vertreterin Filins erklärt wurde, standen Kulturminister Wladimir Medinski dabei, einige gewichtige Herren in dunklen Maßanzügen, Mitglieder des Kuratorenrates. Alle machten feierliche Mienen. Denn ohne Pathos geht im "Staatlichen Akademischen Großen Theater" gar nichts.

Das Bolschoi ist mehr als ein Theater. "Neben den Atomraketen und dem Sitz im UN-Sicherheitsrat ist es das letzte imperiale Symbol Russlands", erklärt der Politologe Stanislaw Belkowski. Zum Kuratorenrat gehören neben den Stahl- und Ölmilliardären Viktor Wechselberg und Alexei Mordaschow Putin-Freunde wie Duma-Chef Alexander Schukow. Auch wenn Putins "Zarenloge" leer bleibt, um sie versammelt sich Moskaus Geld-, Macht- und Klatschelite.

Schon sowjetischen Lebemännern galt ein Stelldichein mit einer Ballerina des Bolschois als besonderer Erfolg. Schon damals mischten Partei- und KGB-Mächtige bei der Besetzung neuer Ballettmitglieder eifrig mit.

In den vergangenen Jahren aber verdichteten sich die Intrigen zu einem permanenten Kleinkrieg hinter den Kulissen. 2005 wurde die Prima Ballerina Anastasija Wolotschkowa gefeuert, angeblich wegen Übergewichts. "Durchgeschnittene Schuhriemen und mit Autolack übergossene Premierenkostüme waren alltäglich", sagt sie. Ihr Partner Jewgeni Iwantschenko sei 2003 zusammengeschlagen worden, um zu verhindern, dass er den Schwanensee mit ihr tanzte.

2008 mobbte die Truppe den damaligen Chefchoreographen Alex Ratmanski mit einem Probenstreik weg. 2011 erschienen im Internet massenhaft montierte Pornofotos des Solisten Gennadi Janins, der für denselben Posten vorgesehen war, aber wegen des Skandals kündigte. Damals verdächtigten viele Sergei Filin hinter diesen Aktionen. Er bekam den Job. Aber im Dezember hagelte es im Internet getürkte Mails Filins, die ihn als schwul hinstellten. Er wurde mit Telefonanrufen und zerstochenen Autoreifen terrorisiert, dann spritzte ihm jemand die Schwefelsäure ins Gesicht.

"Sergeis Unglück ist kein Zufall", bloggt Ratmanski. "Eine widerliche Kloake macht sich an die Künstler ran: Spekulanten, die mit Eintrittskarten handeln, halbverrückte Fans, die bereit sind, den Konkurrenten ihrer Idole die Kehle durchzuschneiden, Internethacker und eine verlogene Presse."

Die 2011 vollendete Rekonstruktion der Großen Bühne des Theaters kostete statt geplanter 500 Millionen Euro über 800 Millionen. Starsolist Nikolai Ziskaridse schimpfte hinterher, die Übungssäle seien so niedrig, dass man keine Tänzerin heben könne. Ziskaridse gilt als Haupt der Opposition im Theater gegen Direktor Anatoli Iksanow, den auch berühmte Regisseure und Schauspieler anderer Theater mit einem offenen Brief an Putin angriffen.

Diese Schlacht ist noch nicht entschieden. "Kein Wunder, dass im Fall Filin die absurdesten Verdächtigungen laut werden", sagt der Ballettkritiker Pawel Jaschtschenkow. Als Täter werden beleidigte schwule Liebhaber gehandelt, Solisten, denen Filin angeblich lukrative Auslandsauftritte verbot, aber auch Ziskaridse oder Iksanow. Der Theater-Direktor hat gestern den Meistertänzer indirekt für die Säureattacke auf den Ballettchef verantwortlich gemacht. Ziskaridse habe die Atmosphäre geschaffen, die zu dem Angriff auf Filin geführt habe, sagte er. Was passiert ist, ist das natürliche Ergebnis des Chaos", das vor allem von Nikolai Ziskaridze gesät wurde", sagte Iksanow. Der Direktor beschrieb den Startänzer als "Mann mit verrücktem Ehrgeiz". Nachdem er bei der Besetzung des Postens des Ballettchefs übergangen worden sei, habe er den Job des Generaldirektors haben wollen. Es gebe zudem "keinen Zweifel", dass Ziskaridze in die Kampagne gegen den Tänzer Janin verwickelt war.

Ziskaridze wies die Vorwürfe zurück. Er habe keine Verbindung zu dem Säureangriff auf Filin "außer Mitgefühl für Sergei", sagte er. Auch mit der Schmutzkampagne gegen Janin habe er nichts zu tun, er sei vielmehr lange Jahre mit dem Tänzer befreundet gewesen.

Gut möglich, dass demnächst auch Filins vorläufiger Ersatz Galina Stepanjenko verdächtigt wird. Denn sie profitiert nicht nur von seinem Unglück, zumindest für ein paar Monate. Sie ist auch noch seine Exgattin. "Die Ethik, die unserem Theater mangelt", klagt Pressesprecherin Jekaterina Nowikowa öffentlich, "scheint dem ganzen Land zu fehlen."

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