Auf der Jagd nach neuen Rekorden

Heute Abend beginnen in London die Spiele der Sportler mit Behinderung. Es sind die größten, die es jemals gab. Deutschland hat ehrgeizige Ziel: Es will im Medaillenspiegel unter die besten zehn Nationen.

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Wojtek Czyz konzentriert beim Training: Der 32-Jährige möchte bei den Paralympics in London mindestens drei Medaillen holen. Foto: dpa

Für Londons Stadtoberhaupt Boris Johnson waren die Olympischen Spiele nur die "Vorspeise" für die "Paralympics". Tatsächlich verspricht der Wettbewerb behinderter Athleten ebenso großartig und erfolgreich zu werden. Rein zahlenmäßig sind es die größten paralympischen Spiele, die jemals stattgefunden haben. 4200 Sportler aus 165 Nationen - 16 davon zum ersten mal - kämpfen um die Medaillen. Auch das Interesse ist gewaltig. Das Kontingent von 2,6 Millionen Karten ist fast völlig ausgeschöpft.

So werden beispielsweise die deutschen Rollstuhl-Basketballer, die meist vor nur ein paar hundert Zuschauern antreten, morgen Abend ihr erstes Spiel gegen den Gastgeber und Mitfavoriten Großbritannien vor 16 000 Zuschauern bestreiten. Christoph Küffner, der in Bamberg lebende Manager des Teams, ist sicher, dass bei aller Aufregung letztlich die Begeisterung überwiegen wird. Schon jetzt sei die Stimmung unter den Sportlern im Olympischen Dorf überwältigend.

Die Eröffnungs- und Schlusszeremonien sollen ebenso beeindruckend werden, wie die Spektakel bei den Olympischen Spielen. Wahrscheinlich wird die Queen auch die paralympischen Spiele 2012 heute Abend eröffnen. Jenny Sealey und Bradley Hemmings, die künstlerischen Direktoren der Eröffnungsfeier, streben einen "spektakulären und zutiefst menschlichen Charakter" der Veranstaltung an. Sie beginnt um 21.30 Uhr deutscher Zeit und hat den Titel "Enlightment". Das bedeutet sowohl "Aufklärung" als auch die geistesgeschichtliche Periode der Zeit der Aufklärung. In der ersten Bedeutung soll es "eine spektakuläre Feier der Bedeutung der paralympischen Spiele werden, die die Vorstellungen menschlicher Möglichkeiten herausfordert".

In der zweiten Bedeutung ist es eine Huldigung an den britischen Erfindergeist und die Pionierrolle in den Naturwissenschaften seit dem frühen 18. Jahrhundert. Eine "Star-Rolle" ist dabei für den schwer behinderten Astrophysiker Stephen Hawking reserviert. Die Show mit 100 professionellen Künstlern und 3000 Laienspielern wird von einer Flugparade behinderter Piloten eingeleitet und hat atemberaubende Zirkusartistik von ebenfalls behinderten Akrobaten zum Höhepunkt.

Wie bei der Eröffnungszeremonie für die Olympischen Spiele ist ein Zitat aus William Shakespeares "Der Sturm" das Leitmotiv für diese Veranstaltung: "O Wunder! Wie viel feine Geschöpfe gibt es hier! Wie schön ist das menschliche Geschlecht! O brave neue Welt, die solche Leute hat!" Die Rolle der Miranda, die diese unsterblichen Zeilen spricht, wird von der Schauspielerin Nicola Miles Wildin im Rollstuhl verkörpert.

Das Zeichen für den Beginn der elftägigen Wettbewerbe ist das Entzünden der paralympischen Feuerschale. Der Fackellauf dafür begann unweit von London in Stoke Manderville. Hier hatte Professor Ludwig Guttmann, der vor den Nazis nach England geflohen war, 1948 die ersten paralympischen Spiele für Rollstuhlfahrer begründet. Der deutsche Arzt leitete in Stoke Manderville eine Rehabilitationsklinik für querschnittsgelähmte Kriegsopfer. Seine Tochter Eva Loeffler, die damals bei der Organisation mitwirkte, ist nun die "Bürgermeisterin" des paralympischen Dorfes für die Athleten in London.

Wie ihre Sportskameraden bei den Olympischen Spielen will auch das paralympische "Team Großbritannien" einen Medaillenrekord. Großbritannien stellt rein zahlenmäßig die stärkste Mannschaft und rechnet mit mindestens 103 Medaillen. In das Training wurden über 50 Millionen Euro investiert. Die Briten profitieren auch von den Spezialprogrammen für Armeeangehörige, die bei den Kriegseinsätzen im Irak und in Afghanistan schwer verwundet wurden.

Doch wie wohl alle Teilnehmer an diesen Spielen, wünschen sich die britischen Athleten, dass sie nicht an ihrer Behinderung sondern an ihrer sportlichen Leistung gemessen werden.

Das wünschen sich auch die deutschen Athleten. Sie haben sich für die diesjährigen Paralympics viel vorgenommen und sind auf der Jagd nach neuen Rekorden: "Ich fahre nicht nach London, um Zweiter zu werden", sagte der Sprinter und Weitspringer Heinrich Popow. Nach Triple-Bronze 2004 in Athen und einmal Silber in Peking 2008 ist der 29-Jährige bereit für den großen Coup: "Es ist einfach der richtige Zeitpunkt, um Gold zu holen."

Neben Popow geht in der Leichtathletik Marianne Buggenhagen, die von Paralympics bislang neun Gold-, eine Silber- und zwei Bronzemedaillen mitgebracht hat, aussichtsreich an den Start. Nachdem das Internationale Paralympische Komitee (IPC) das Diskuswerfen in ihrer Klasse aus dem Programm genommen hat, kann die querschnittsgelähmte 59-Jährige ihr Medaillenkonto aber lediglich im Kugelstoßen aufstocken. "Ich bin schwer enttäuscht und fühle mich immer noch betrogen", sagte Buggenhagen dem ZDF.

Dagegen tanzt der viermalige Paralympics-Champion Wojtek Czyz auf mehreren Hochzeiten. "Ich möchte bei meiner letzten Teilnahme an den Paralympics unbedingt in jeder meiner Disziplinen eine Medaille gewinnen", sagte der 32-Jährige. Er muss sich in London über die 100 Meter und im Weitsprung mit Popow messen und tritt zudem über die 200 Meter an. Czyzs Ehrgeiz steht sinnbildlich für die Zielsetzung des DBS. "Wir haben den Anspruch, uns als Topnation zu etablieren", sagte Karl Quade, der bereits zum neunten Mal als deutscher Chef de Mission fungiert. Vom Medaillenspiegel lässt er sich allerdings nicht die Sicht auf die Dinge vernebeln. "Der Maßstab sind persönliche Bestleistungen."

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