Ein bisschen wie Rocky . . .

Am Mittwoch steigt Stefan Mappus zum achten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg auf. Lange gab der 43-Jährige den kantigen Konservativen. Doch dem Amt nähert er sich erstaunlich sanft.

Einen Cessna-Flug von Stuttgart nach Brüssel hat der designierte Ministerpräsident Stefan Mappus (43) dem scheidenden Amtsinhaber Günther Oettinger (56) zum Abschied vermacht - mit Hobbypilot Mappus am Steuer. Sie werden also gemeinsam abheben, Seit an Seit, der eine den anderen befördernd. Es ist ein schönes Bild für die Geschlossenheit, mit der die lange in ein Oettinger- und ein Anti-Oettinger-Lager gespaltene CDU diesen vom Kanzleramt eingefädelten Wechsel bislang vollzieht. Nach Stuttgart wird Mappus alleine zurückfliegen, ohne einen Nebensitzer, der den Kurs vorgibt, den Steuerknüppel fest in der Hand und die Regierungszentrale im Visier.

Für Mittwoch ist, wenn man die Vergleiche mit der Fliegerei noch ein wenig strapazieren will, Mappus politische Punktlandung terminiert. Da CDU und FDP 84 Abgeordnete stellen, aber SPD und Grüne nur 55, ist die Wahl zum Regierungschef Formsache. Aber natürlich ist mit ihr mehr als ein Namenswechsel an der Landesspitze verbunden.

Ein Wintertag im Januar. Die CDU hat zu einem Bürgerempfang ins Auto- und Technik-Museum in Sinsheim geladen. Mappus ist gekommen und seine beiden Vorgänger sind irgendwie auch anwesend. Draußen ragt eine Concorde in den Himmel, vor dem Eingang bewirbt ein Plakat eine Lesung von Altministerpräsident Erwin Teufel, sein Buch heißt "Gewissen für das Ganze". Nebenan hatte Oettinger 2005 als neuer Regierungschef ein "Messehotel" eingeweiht. Es stellte sich bald heraus, dass ihm seine Beamten verschwiegen hatten, dass die Messen, auf deren Gäste das Hotel zählte, nach Stuttgart abziehen würden. Es war Oettingers erstes Fettnäpfchen.

500 Menschen sind gekommen, um sich ein Bild von Mappus zu machen. Es gibt Freibier und Frikadellen, und der Musikverein spielt "Gonna Fly Now", ein Stück aus dem Film "Rocky", in dem sich ein Außenseiter nach oben boxt. Dann redet Mappus, und was er sagt, erinnert an seinen Mentor Teufel: Dass Baden-Württemberg neben Bayern das "erfolgreichste Bundesland" sei und, dass sich Politik an Werten orientieren müsse. Vertrauen, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit seien Begriffe, auf die es in der Politik "künftig wieder mehr denn je ankommt". Es ist in einem Satz die Botschaft des Teufel-Buchs, und angesichts Oettingers Sinsheimer Vorgeschichte ist es auch ein bisschen gemein.

Die Gegeninszenierung hat Mappus lange gepflegt. Er kämpfte für die Merkel-Vertraute Annette Schavan als Ministerpräsidentin, doch Oettinger setzte sich 2005 per Mitgliederentscheid durch. Als Fraktionschef beendete er 2006 per Interview Spekulationen über ein schwarz-grünes Bündnis, als Oettinger noch sondierte. Er betonte konservative Positionen, wenn der liberalere Regierungschef Konsens suchte. Mappus kommt aus einem eher unpolitischen Elternhaus, der Vater Schumacher, die Mutter Arbeiterin. Oettinger kommt aus bürgerlichem Hause, der Vater machte für die FDP Politik. Mappus musste sich nach oben boxen, ein bisschen wie Rocky, dem talentierteren Oettinger flog vieles zu.

Gegensätze zwischen Fraktions- und Regierungschef gab es in der Südwest-CDU immer, so erledigt sie einen Teil der Oppositionsarbeit mit und kann dem Wähler eine Alternative zu ihrem Ministerpräsidenten anbieten, wenn der, wie einst Lothar Späth, zurücktritt, oder, wie nun Oettinger, weggelobt wird. Mappus hat, von Teufel gefördert, früh Karriere gemacht. Mit 32 Staatssekretär, mit 38 Umweltminister, mit 39 Fraktionschef. Eine Zeit lang sah es so aus, als könne er den nächsten Karriereschritt nicht abwarten. Aber als Oettinger nach seiner Filbinger-Rede wackelte, sprang ihm Mappus bei. Machtinstinkt hat er gleichwohl. Als ihn Oettinger am 31. Oktober 2009 gegen 10.20 Uhr anrief, wuchtete Mappus gerade Koffer ins Auto. Mit seiner Frau Susanne (47) und den Söhnen Leon (7) und Lukas (5) wollte er nach München. Oettinger berichtete, er gehe nach Brüssel. Mappus packte sogleich seinen Koffer aus. Während seine Familie gen Bayern fuhr, versicherte er sich flugs seiner Unterstützer und bekundet als Erster Interesse an der Nachfolge. Er blieb dann der Einzige.

Seither bemüht sich die Opposition, das alte Bild vom "konservativen Hardliner" Mappus am Leben zu halten. Kostproben hat sie zur Genüge im Archiv, der Pforzheimer hat oft ausgeteilt. Den Christopher Street Day beschrieb er als "karnevaleskes Zurschaustellen von sexuellen Neigungen". Und als Umweltminister rügte er seine Beamten, ihre Rechtschreibung würde "nicht mal den hinteren Rängen der Pisa-Studie" genügen. "Vorm Stefan haben viele Angst. Das nutzt ihm", sagt ein CDU-Minister. Der 43-Jährige merkt sich genau, wer ihm wann zur Seite steht - und wer nicht. Einstecken ist seine Stärke nicht. Ein SPD-Abgeordneter hatte mal gesagt: "Wäre die Erde eine Scheibe, würde Mappus über den Rand fallen - so weit rechtsaußen steht er." Man sah sich dann vor Gericht.

Doch das einseitige Bild, hat Mappus erkannt, können nicht Richter, sondern nur er selbst korrigieren. So lobt er seit geraumer Zeit die Gewerkschaften und die progressive Familienpolitik der früheren Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Ein konservatives Image, weiß Mappus, besitzt er schon. Jetzt gilt es, die Basis zu erweitern, um das für 2011 ausgegebene Wahlziel "40 Prozent plus X" zu erreichen. Die Regierungspolitik wird er daher ein Jahr vor der Wahl nicht groß ändern, nur den Stil. "Klare Entscheidungen, verlässliche Zusagen, keine Skandale", fasst ein CDU-Präside die Erwartungen zusammen.

"Der frisst Kreide", wettern SPD und Grüne. Vielleicht findet er sich auch nur in die neue Rolle ein. Vielleicht war vieles in der Vergangenheit Taktik, das Besetzen einer Nische, schließlich ist der private Mappus gar nicht so konservativ. Seine Ehefrau, mit der er sich auch politisch berät, ist berufstätige Mutter, trägt einen Doppelnamen, hat schon eine Ehe und eine eigene Karriere als CDU-Landesgeschäftsführerin hinter sich. "Bisher", sagt ein Vertrauter, "haben viele ein nur Schwarz-Weiß-Bild von ihm. Jetzt gewinnt es Farbe, das wirkt gleich viel freundlicher."


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