Infrastruktur: Baustart nach 43 Jahren Warten

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Nicht gesetztSekt auf dem Friedhof: Das gibt es auch nicht so oft. Doch nach 43 Jahren Wartezeit auf den Bau einer Aussegnungshalle in Glatt herrschte am Mittwoch im zweitkleinsten Sulzer Stadtteil an einem Ort der Trauer durchaus Freude.
„Ein Spatenstich wäre dem Ort nicht so angemessen“, befand Bürgermeister Gerd Hieber und kündigte in Sichtweite der Gräber stattdessen etwas an, „das zur Würde und dem Rahmen der Örtlichkeit passt“ – konkret gab‘s zur Feier des Tages Sekt. „Nach einer so langen Wartezeit kann man mit Sekt anstoßen“, meinte Hieber in Anspielung auf mehr als vier Jahrzehnte seit dem Versprechen bei der Eingemeindung im Jahr 1975.
Unzählige Male forderten Bürger und Ortschaftsräte seither die Realisierung des Projekts, doch mal fehlte das Geld, mal erschwerte die Topographie die Planung, und bei den Ausschreibungen lief es ebenfalls nicht rund. Als Entschuldigung, weshalb es mit dem Baubeginn so lange dauerte, erklärte Gerd Hieber: „Die Halle musste häufig anderen Projekten weichen und geriet immer wieder ins Hintertreffen“ und versicherte: „Der Gemeinderat hat sie aber nicht aus den Augen verloren.“
Für die Planung zeichnet Stadtbaumeister Reiner Wössner verantwortlich. „Die geplante Aussegnungshalle wird dem Ort in puncto Funktionalität und Topographie gerecht“, lobte Hieber.
Nachdem in Glatt von einigen Bürgern und Ortschaftsräten in Frage gestellt worden war, ob die Glatttalgemeinde überhaupt eine Aussegnungshalle benötige, betonte der Sulzer Bürgermeister: „Ein solches Bauwerk ist für die Glatter Infrastruktur von großer Bedeutung. Eine Aussegnungshalle gehört zu einem Friedhof.“
In Bezug auf die Kubatur sagte Hieber, die Einrichtung sei nicht überdimensioniert, sondern entspreche dem Bedarf der Ortschaft. Der Gemeinderat hatte im März eine intensive Diskussion über die auf aktuell 430000 Euro gestiegenen Kosten geführt. Der Sulzer Bürgermeister verwies darauf, dass die Topographie und die Zugänglichkeit eigentlich zwei Projekte notwendig gemacht hätten: Die Aussegnungshalle und den Bau einer neuen Zufahrt. Die Hälfte der Summe wird in die Außenanlagen investiert.
Helmut Pfister als dritter Glatter Ortsvorsteher, der sich mit dem Projekt Aussegnungshalle befassen musste, erinnerte an die erste Planung im Jahr 1991, die ein Gebäude mit Kühlzelle und Umkleideraum für den Pfarrer vorsah. „Zum Glück hat es damals nicht geklappt“, meinte Pfister und scherzte in Bezug auf die Lage am Hang oberhalb des Glatttals: „Jeder, der hier mal zum Liegen kommt, hat eine tolle Aussicht – er hat nur nichts mehr davon.“ Mit der Aussegnungshalle bestehe bald die Möglichkeit, jedem, der in Glatt beerdigt werde, eine würdevolle Bestattung zuteil werden zu lassen. Bislang fanden die Aussegnungen teils im Freien statt.
Armin Siedler vom Stadtbauamt erklärte anhand eines Papiermodells die genaue Bauausführung. Das Gebäude soll mit der Rückwand parallel zur Straße gebaut werden. Im hinteren Teil befinden sich ein geschlossener Flachdachbau mit einer barrierefrei zugänglichen Toilette und eine Mauer aus Sichtbeton. Die eigentliche Halle mit einem Pultdach aus Vollholz mit Platten ist bis auf zwei Seitenwände im hinteren Teil als Windschutz bewusst offen gehalten – auch wegen der schönen Aussicht aufs Glatttal.
Der Boden wird mit Pflastersteinen ausgelegt, zudem wird die Außenanlage noch begrünt. Unterhalb der Aussegnungshalle entstehen drei weitere Parkplätze. Einige Nachbarn mussten dafür Teile ihrer Grundstücke abtreten. Die Fertigstellung der gesamten Anlage ist im Juli geplant.
Weitere Aussegnungshallen gibt es in Dürrenmettstetten, Fischingen, Holzhausen, Hopfau, Mühlheim und Sigmarswangen. Nur Bergfelden und Renfrizhausen haben keine. Die Friedhöfe liegen dort jedoch neben der Kirche.
Langes Warten auf den Baubeginn – eine Chronologie:
1975: Eingemeindung von Glatt nach Sulz. Im Vertrag steht bei den Aufgaben „Neubau einer Leichen- und Aussegnungshalle“ – allerdings wird keine Zeitvorgabe vereinbart.
1986: Der Ortschaftsrat besichtigt verschiedene Aussegnungshallen in der Umgebung von Glatt.
1991: Erste Pläne sehen einen Bau mit Kühlzelle, Toilette und einem Umkleideraum für den Pfarrer vor. Das Projekt wird nicht realisiert.
2006: Mittel für den Bau einer
Aussegnungshalle werden im Haushalt eingestellt – ohne Jahreszahl.
September 2014: Eine erneute Grobplanung ist fertig.
Oktober 2014: Der Ortschaftsrat Glatt besichtigt auf dem Friedhof in Dettingen die Aussegnungshalle.
Mai 2015: Der ATU beschließt, eine Aussegnungshalle nach Plänen des Stadtbauamts zu bauen.
September 2015: Der Baustart soll sich bis 2016 verschieben.
Februar 2016: Der Grundriss muss verändert werden. Der neuer Start für den Bau soll im Mai 2016 sein, die Fertigstellung im September 2016.
Juli 2016: Die EnBW fordert, zur Hochspannungsleitung, die über das Grundstück verläuft, einen Mindestabstand einzuhalten und bietet an, für 21600 Euro die Strommasten zu erhöhen. Seit März 2018 baut das Unternehmen die Hochspannungsleitung ganz ab und verlegt stattdessen eine Ringleitung. Die Bau-
gewerke können wegen dieses
Problems nicht ausgeschrieben
werden. Der Baustart verschiebt sich vage auf das Jahr 2017.
Oktober 2016: Ein Bauantrag für die Aussegnungshalle wird gestellt.
März 2017: Der Baustart wird für Juli 2017 angekündigt.
Juli 2017: Der Gemeinderat stimmt Mehrkosten von 128000 Euro wegen der Höhenunterschiede zu. Der Baustart wird für September und die Fertigstellung für Dezember des
Jahres 2017 angekündigt
September 2017: Die Angebote auf die Ausschreibung der Rohbau- und Zimmerarbeiten liegen um 36000 Euro über den üblichen
Preisen. Die Zuschlagsfrist auch für Angebote zum Tiefbau wird bis Ende Oktober verlängert. Die Rohbau-
und Zimmererarbeiten werden neu
ausgeschrieben. Der Zeitpunkt für den Baustart ist wieder offen.
März 2018: Stadtbaumeister
Reiner Wössner kündigt den Bau-
beginn für Ende des Monats und die Fertigstellung im August an.
April 2018: Der Bau der Glatter Aussegnungshalle beginnt – genau 43 Jahre nach der Vereinbarung im Eingemeindungsvertrag. Die
Fertigstellung des 438000 Euro
Projekts soll im Juli 2018 sein.