Armut als Quelle der Gewalt

In Nigeria brennen Kirchen. Doch ein bloßer Religionskonflikt ist die neue Gewaltwelle nicht. Das sagt der katholische Priester und politische Berater George Ehusani. Die Dinge seien sehr viel komplizierter.

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Viele Nigerianer protestieren: 60 Prozent haben keinen Job. Foto: afp

Herr Ehusani, immer neue Anschläge, immer neue Gewalt. Tobt in Nigeria ein Krieg der Religionen?

GEORGE EHUSANI: Vom Kern her nicht. Es gibt viele Faktoren, die zur augenblicklichen Gewalt beitragen: ethnische Konflikte, Religion, regionale Streitereien. Die inakzeptable Regierungsführung während der vergangenen 50 Jahre und die wirtschaftliche Rezession mit den Folgen von Arbeitslosigkeit. Das hat die Menschen orientierungslos gemacht. Sie suchen eine neue Identität. Das kann heute eine ethnische sein, morgen ist es eine politische, übermorgen eine religiöse. Auch Europa kennt das. In Zeiten der Rezession rücken manche zusammen gegen Ausländer, die als Ursache des Übels dargestellt werden. In Nigeria gibt es keinen Rechtsstaat. Das macht die Sache komplizierter.

Aber warum sieht es so aus, als ob Kirchen das Ziel der Gewalt seien?

EHUSANI: Die radikal-islamistische Boko Haram hasst die westliche Zivilisation und das Christentum. Sie zielt auf Kirchen - aber auch auf Polizeistationen und Sicherheitskräfte, die gegen ihre Anhänger vorgehen. Doch Boko Haram steht nicht für die Mehrheit der islamischen Bevölkerung. Nur die Islamisten wollen die Scharia im Norden des Landes einführen. Dem werden die Christen nie zustimmen. Deshalb werden sie zu Feinden erklärt. Die Fanatiker von Boko Haram gehen in ihrem Hass wahllos vor. Sie brannten in Nigeria Kirchen nieder, weil in Dänemark eine blasphemische Karikatur erschienen war. Es gibt in Nordnigeria eine lange Tradition von Unfreundlichkeit gegenüber Christen, zum Beispiel von Radikalen des Stammes der Hausa. Dennoch existierte eine Art friedliche Koexistenz zwischen Christen und Muslimen. Kollabiert ist sie wegen des wirtschaftlichen Einbruchs, wegen der Politik und wegen massiver Korruption.

Steckt in diesen Punkten die wahre Ursache für die Gewalt?

EHUSANI: Es gibt Menschen, die glauben, die Gewalt sei ausgebrochen weil mit Goodluck Jonathan ein Christ zum Staatspräsidenten gewählt wurde. Dem stimme ich nicht zu. Denn schon unter seinem Vorgänger gab es Gewalt durch die Extremisten. Natürlich gibt es Muslime, die keinen Christen als Staatsoberhaupt wollen. Diese Muslime unterscheiden nicht zwischen Religion und Politik. Unterliegt dann ein muslimischer Kandidat einem christlichen, wird das religiös instrumentalisiert. Doch es ist komplizierter. 60 Prozent der Nigerianer sind arbeitslos. Und ohne Hoffnung, dass es im nächsten Jahr besser wird. Sie richten ihre Wut gegen eine Identität, die sich von ihrer unterscheidet - und die klarste Identität im Norden ist die Religion, nicht die Stammeszugehörigkeit. Wenn es wie bei uns keine übergeordnete Identität gibt, wie beispielsweise ein Nationalbewusstsein, wird es schwer, Frieden zu schließen.

Gibt es Gruppen, die davon profitieren, wenn die jetzige Gewalt als religiös motiviert erscheint?

EHUSANI: Ja. Für Politiker ist es nicht leicht, breite Unterstützung zu erhalten. Das Thema interessiert viele nicht. Doch wenn Religion mitspielt, sind die Menschen emotional beteiligt. Religion kann Menschen dazu bringen, die Arme hochzureißen. Im Norden hat Religion diese emotionale Dimension. Im Süden ist die Situation anders. Da ist die ethnische Identität stärker. Wir haben im Norden zudem ein Defizit in den Familien zu beklagen. Manche Kinder werden im Alter von sechs bis acht Jahren aus den Familien genommen und muslimischen Lehrern übergeben. Viele Selbstmordattentäter sind so aufgewachsen - ohne Sinn für Humanität und Freundlichkeit.

Unterscheidet sich der jetzige Konflikt von früheren Gewaltwellen?

EHUSANI: Mit Sicherheit. Wir haben eine ganz andere Dimension von Gewalt. In diesen Konflikten kannten wir bisher weder Bomben noch koordinierte Anschläge. Auch dass Sicherheitskräfte ins Visier genommen werden, ist neu.

Sie sind Priester. Wie reagieren die Menschen in den Gemeinden?

EHUSANI: Sie sind empört, verängstigt. Manche rufen nach Selbstverteidigung. Andere fordern mehr Schutz von der Regierung. Aber ich kenne keinen einzigen Bischof, der sagt: Wir wollen Revanche. Wir sehen auch die Ohnmacht der Polizei. Sie können ja nicht einmal sich selbst schützen. Wie sollen sie dann die Kirchen schützen? Wir haben zum Glück noch keine ernsthaften Gewaltakte von christlicher Seite. Wenn das geschieht, ist das Land wirklich in Not. Das könnte den Zusammenhalt gefährden.

Boko Haram stellte den Christen im Norden ein Ultimatum. Sie sollten die Region verlassen. Will Boko Haram die ethnische Trennung?

EHUSANI: Im Norden leben 95 Prozent Muslime, der Süden ist christlich dominiert. Doch wir nehmen das Ultimatum nicht ernst. Boko Haram ist keine Autorität für uns. Das ändert nichts daran, dass die Bomben Menschen in die Flucht getrieben haben.

Wäre Separation eine Lösung?

EHUSANI: Das wäre eine schreckliche Vorstellung. Religiös lässt sich das Land nicht trennen. Es gibt keine abgeschlossenen Gebiete. Ich wüsste nicht, in wie viele Länder man Nigeria aufsplitten müsste. Sehen Sie: Meine Vorfahren mütterlicherseits sind muslimisch, die meines Vaters christlich. Wie wollen Sie das trennen? Niemand, der die geopolitische Lage Nigerias kennt, würde eine Separation fordern. Wir sind nicht der Sudan. Dort waren die Zuordnungen klarer.

Was kann dann eine Lösung sein? EHUSANI: Ein nationaler Dialog. Wer soll daran teilnehmen?

EHUSANI: Alle. Auch wenn Boko Haram unter ausländischem Einfluss steht. Die Gruppe hat Sympathisanten im Land, unter der Polizei und auch in der Politik. Deshalb müssen alle einbezogen werden, die ein Anliegen haben. Darüber müssen wir reden. Allerdings werden wir keinen Frieden haben, wenn die Gesetze des Landes nicht respektiert werden.

Wer unterstützt Boko Haram mit Geld und Waffen?

EHUSANI: Ich wünschte, ich wüsste das. Offensichtlich ist, dass es Verbindungen zu Al-Kaida gibt. Dann muss es mächtige Geldgeber geben nicht nur in Nigeria. Möglicherweise im Iran, im Jemen und Saudi-Arabien, wo viele junge Radikale studierten. Sie haben dort zumindest eine ideologische Schulung erhalten und Hass auf die westliche Zivilisation gelernt. Westliche Zivilisation ist für sie des Teufels. Und der muss zerstört werden.

Sie führen gerade Gespräche in Berlin. Kann Deutschland ihrem Land helfen?

EHUSANI: Deutschland kann Nigeria in Fragen der inneren Sicherheit unterstützen. Wir haben nicht die Kapazität, die Herausforderung durch Boko Haram zu bestehen. Hilfe kann aus Technologie und Rat bestehen. Unterstützung brauchen wir auch für die entwurzelten Menschen und in guter Regierungsführung. Dann können die Ressourcen des Landes dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht werden: im Kampf gegen die Armut. Mit Arbeit bekommen wir die jungen Leute weg von der Straße - und weg von den Radikalen. Wir dürfen nicht vergessen: die Quelle der Gewalt in Nigeria ist Armut.

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