Anti-Pomp im Vatikan

Bescheiden im Auftreten und Klartext nicht scheuend: Der Jesuit auf dem Papststuhl verblüfft nicht nur die Katholiken mit seiner offenen und herzlichen Art. Heute ist Franziskus 100 Tage im Amt.

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Ein Papst, der die Nähe zu den Menschen sucht: Franziskus lässt die Öffentlichkeit immer wieder staunen. Foto: afp

Als Papst Franziskus nach seiner Wahl am 13. März in schlichter Soutane auf die Loggia des Petersdoms trat und die jubelnden Pilger mit einem "Buona sera" begrüßte, begann im Vatikan eine neue Ära. Der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires erteilte von Beginn an Pomp, Machtentfaltung und Selbstgerechtigkeit in der Kirche eine klare Absage. Heute ist Jorge Mario Bergoglio 100 Tage im Amt.

Unter dem Eindruck der Missbrauchs-Skandale hatte das Ansehen der katholischen Kirche trotz der Aufklärungsbemühungen unter Benedikt XVI. stark gelitten. Dessen Sprache und Auftreten vermittelte einen vor allem in Deutschland als nicht mehr zeitgemäß empfundenen Autoritätsanspruch. Franziskus distanzierte sich von den unter Benedikt häufigen Klagen über ein zunehmend säkularisiertes Umfeld. Er forderte die katholische Kirche vielmehr auf, sich bei der Verkündigung des Evangeliums für die Welt von heute zu öffnen und dabei auch Risiken einzugehen.

Dem priesterlichen Armutsgebot entspricht der 76-Jährige, indem er auf den Umzug in die päpstliche Wohnung im Apostolischen Palast und auf Luxuskarossen verzichtet. Bergoglio trägt schwarze statt rote Papstschuhe, einen Fischerring aus Eisen statt aus Gold. Nach dem Ende des Konklaves holte er sein Gepäck selbst in der Priesterherberge in der römischen Altstadt ab und beglich die Rechnung persönlich. Auch auf den Sommerurlaub in Castel Gandolfo will er verzichten.

Sein Auftreten und sein Ruf nach einer neuen Armut der Kirche wecken hohe Erwartungen. Erst kurz im Amt beauftragte Franziskus eine Kardinalskommission unter Beteiligung des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx mit der Vorbereitung einer Kurienreform. Diese könnte zu einer Verschlankung der Vatikanbehörden führen.

In moralischen und theologischen Fragen vertritt Franziskus indes äußerst konservative Auffassungen. Bei Themen wie Homosexualität, Abtreibung, Verhütung, Zölibat und Frauenpriestertum sind von dem ehemaligen Jesuiten-Leiter kaum Veränderungen zu erwarten. Der Verzicht auf Prunk macht seine Kritik an der "Diktatur der gesichtslosen Wirtschaft" und der "Abfallkultur", die den Menschen zur Ware mache, jedoch pointierter als die seines Vorgängers Benedikt.

In der Öffentlichkeit überrascht noch immer das Abweichen vom strengen Protokoll, etwa wenn der Papst Gästen bei Audienzen die vorbereitete Rede überreichen lässt, um mit ihnen ein ungezwungenes Gespräch führen zu können. "Sie werden sich noch wundern, was Franziskus ausrichtet", sagte der Befreiungstheologe Leonardo Boff kurz nach der Papstwahl. Einer persönlichen Tradition getreu vollzog dieser in der Karwoche den Ritus der Fußwaschung denn auch nicht an Priestern sondern an jungen Straftätern, darunter eine Muslimin. Er demonstrierte so auch seine Auffassung vom Dialog mit anderen Religionen.

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