Anschlag auf den BVB-Bus: Der perfide Plan des Technikers

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Zerstörte Scheibe: Der BVB-Bus nach dem Anschlag.  Foto: 

Selbst die routinierten Ermittler brauchten eine gewisse Portion Fantasie. Doch als auch das letzte Teil in diesem skurrilen Puzzle aus Anhaltspunkten und Fakten passte, war der Fall für sie klar: Sergej W. ist der Mann, der am Dienstag der vergangenen Woche den Bombenanschlag auf den Bus der Fußballer von Borussia Dortmund verübt hat. Der Zugriff der Elitepolizisten aus der Sondereinheit GSG9, die den 28-Jährigen gestern morgen auf dem Weg von seinem Wohnort Rottenburg am Neckar zur Arbeit in Tübingen überwältigten, verlief nach Plan.

Erste Hinweise auf ein Verbrechen der ungewöhnlichen Art hatte es bereits am Tag nach dem Attentat gegeben. An der Frankfurter Börse wurden offenbar auffällige Vorgänge rund um die Aktie der Borussia Dortmund GmbH und Co. KGaA registriert. Kurz bevor die Sprengsätze vor dem Mannschaftsbus explodierten, hatte jemand über hochspekulative Finanzoptionen auf den fallenden Kurs der Aktie gesetzt. Die Verantwortlichen des einzigen deutschen Klubs, der an der Börse notiert ist, gaben die Informationen an das Bundeskriminalamt weiter. An die Theorie, der oder die Täter könnten den Mordanschlag auf die Profikicker verübt haben, um damit Geld zu verdienen, mochte im Verein aber keiner so recht glauben.

Seit 2003 in Deutschland

Die Ermittler verfolgten die Spur, über eine Anzeige der Bankenaufsicht erhielten sie den entscheidenden Tipp: Sergej W., der in Russland geboren wurde und im Jahr 2003 mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hatte über ein Tochterunternehmen der Commerzbank sogenannte Put-Optionen auf die BVB-Aktien erworben, die meisten am Tag des Attentats. Um die riskanten Bankgeschäfte bezahlen zu können, nahm er offenbar einen Verbraucherkredit in Höhe von rund 40 000 Euro auf.

Belastend wirkte zudem, dass Sergej W. am Tag des Anschlags im „l’Arrivée“, dem Mannschaftshotel der Dortmunder wohnte. Er hatte bereits im März für die beiden in Frage kommenden Termine rund um das Viertelfinale der Champions League gebucht und laut Hotelangestellten ausdrücklich auf ein Zimmer mit Straßenblick bestanden. Wie kaltblütig er agierte, belegt auch sein Verhalten in der Zeit kurz nach dem Attentat. Da spazierte er offenbar seelenruhig durch das Hotel, während andere Gäste in Angst und Panik geraten waren. Er ließ sich auch von der Polizei befragen. In den Tagen danach stellten die Ermittler fest, dass er kurz vor dem Anschlag seine Aktiengeschäfte über die Internet-­Leitung des Hotels getätigt hatte.

Laut Auskunft der Ermittler verfügte Sergej W. auch über die Kenntnisse, die er zum Bau der Bomben benötigte. Er ist im technischen Bereich der Tübinger Universität beschäftigt. Er hat eine Ausbildung zum Elektroniker absolviert, vor zwei Jahren erhielt er an der Berufsschule einen Sonderpreis für Elektrotechnik. Seinen Wehrdienst leistete er im Lazarettregiment in Dornstadt bei Ulm ab. Er wurde dort in einer Übungseinheit eingesetzt, die damit beschäftigt war, die technischen Geräte zu reparieren und funktionstüchtig zu halten.

Drei Bomben, mit Nägeln gefüllt

Die drei Sprengsätze, die auf der Route des Dortmunder Busses vom Mannschaftshotel zum Stadion platziert waren, aktivierte Sergej W. vermutlich per Funk von seinem Dachzimmer aus. Frauke Köhler, die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, beendete Spekulationen, wonach die Sprengsätze eine Sekunde zu spät gezündet worden seien und deshalb nur relativ geringen Schaden anrichten konnten. Tatsächlich sei die Detonation der drei Bomben „zeitlich optimal“ erfolgt.

Die Sprengstoffpakete waren mit sieben Zentimeter langen und 15 Gramm schweren Metallstiften bestückt. Die BVB-Spieler hatten offenbar Glück, weil der mittlere Sprengsatz so hoch platziert gewesen war, dass die meisten der Nägel nach oben in die Luft flogen und den Bus verfehlten. Ein Metallstift steckte in der Lehne eines Sitzes der letzten Reihe. Welcher Sprengstoff bei dem Anschlag verwendet wurde, bleibt vorerst ein Rätsel, weil nach der Wucht der Explosionen selbst für die Experten der Kriminalpolizei keine brauchbaren Überreste aufzufinden waren.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler gibt es keine Anhaltspunkte für andere Motivlagen. Direkt nach dem Anschlag, bei dem der Abwehrspieler Marc Bartra am Arm verletzt und der Mannschaftsbus der Dortmunder zerstört worden war, waren mehrere Schreiben aufgetaucht, die einen islamistischen Terroranschlag oder links- wie rechts­­-
extreme Motive hingedeutet hatten. Offenbar hatte auch Sergej W. drei identische Bekennerbriefe am Tatort hinterlegt, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken. Den Ermittlern schien jedoch relativ schnell klar, dass sie gezielt abgelenkt werden sollten. Sie sammelten klare Hinweise und Indizien. Zehn Tage nach dem Attentat griffen sie zu.

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