Annette Schavan: Mit Gottvertrauen und Neugierde in eine neue Lebensphase

Die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan spricht im Interview über ihre Zeit in Rom als Botschafterin des Heiligen Stuhls.

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Es ist ein ungewöhnlich milder Frühwintertag. Annette Schavan öffnet die Tür zu ihrem neuen Domizil, der deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl im römischen Stadtteil Parioli. Die Räume des vom Münchner Architekten Alexander von Branca entworfenen Hauses zieren Gestecke aus braun-rotem Herbstlaub. Vor dem Fenster zeigt sich die Natur zum Jahresende noch in Grün.

War für Sie 2014 mehr ein Jahr des Abschieds oder des Aufbruchs?
ANNETTE SCHAVAN: Mehr ein Jahr des Aufbruchs. Aber klar ist auch, wer aufbricht, muss auch Abschied nehmen.

Ist der Abschied schwergefallen?
SCHAVAN: Aufbruch ist das lachende Auge, zum Abschied gehört das weinende Auge. Ich habe 18 Jahre als Ministerin leidenschaftlich gestaltet, so lange wie wenige andere, erst im Land, dann im Bund. Das legt man nicht ab wie einen Mantel an der Garderobe. Am letzten Tag im Parlament habe ich deutlich gespürt, dass ein Abschied von Menschen bevorsteht, mit denen ich lange zusammengearbeitet habe. Da hat man viel diskutiert, auch Konflikte ausgetragen. Dafür, dass ich dabei hart in der Sache war, aber mit Respekt für die politische Konkurrenz, wurde mir am Ende viel Anerkennung entgegengebracht.

Ist ein Abschied in der Öffentlichkeit schwerer als ein privater?
SCHAVAN: Der öffentliche Abschied ist vielfältiger: von Menschen, von einer bestimmten Tätigkeit, von einer bestimmten Weise des Gestaltens, von Berlin und von mancher Gewohnheit im Alltag.

Wie hat sich nach dem Abschied aus der Bundespolitik Ihr Alltag verändert? War es schwierig, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen?
SCHAVAN: Das ist mir ganz leicht gefallen. Ich habe keine Sekunde unter Bedeutungsverlust gelitten. Da stand der Aufbruch im Vordergrund - und der Zugewinn an Lebensqualität. Vielleicht spielte auch das Wissen darum eine Rolle, dass ich diese Form des Lebens lange gehabt habe. Jetzt hat eine neue Lebensphase begonnen. Und eine der größten Veränderungen ist der neue Umgang mit der Zeit.

Was bedeutet für Sie Lebensqualität?
SCHAVAN: Die Möglichkeit, Themen stärker vertiefen zu können. Anfangs hatte ich noch eine innere Uhr, die immer nach einer Stunde auf den nächsten Termin hindeutete. Jetzt sitze ich manchmal eine Stunde in einem Gespräch und kann weiterreden. Dadurch ist eine größere innere Ruhe eingekehrt. Das setzt neue Kräfte frei, die mich kreativer sein lassen.

Sie verfügen jetzt wieder mehr über sich selbst?
SCHAVAN: Eindeutig. Ich muss mich nicht jede Stunde, jeden Tag äußern. Jedes öffentliche Amt heißt, wie jeder berufliche Alltag auch, dass über einen öffentlich verfügt wird. Jetzt gibt es mehr Raum, der nicht getaktet ist. Der dem, womit ich mich beschäftige, mehr Raum gibt.

Hat es die innere Ruhe schwer gehabt zurückzukommen oder war sie schlagartig da?
SCHAVAN: Nein, sie kommt nicht schlagartig. Sie ist ja auch kein Schlag. Vielmehr entwickelt sie sich. Das ist gut gelungen, weil ich mir auch in den politischen Zeiten einen Raum der inneren Unabhängigkeit erhalten habe. Der konnte jetzt aktiviert werden.

Man bricht nicht nur ab und ist dann mit einem großen Schritt im Neuen. Es gibt ja auch ein Dazwischen, wie zwischen Neujahr und Silvester Monate liegen. Wie haben Sie diese Zwischenphase erlebt?
SCHAVAN: Ich hatte am 29. Juni den letzten Tag im Deutschen Bundestag mit meiner letzten Rede. Schon am 7. Juli bin ich in Rom eingetroffen. Da gab es in Wirklichkeit keine längere Zeit des Schon und Noch-Nicht. Doch seit ich wusste, dass ich nach Rom gehe, habe ich mich natürlich damit beschäftigt, habe mich gefragt, was wird mir in dieser Zeit wichtig sein. Da hat sich immer stärker herauskristallisiert: Jetzt kann ich mich dem Thema Religion in seiner spirituellen, kulturellen und politischen Dimension sehr viel unmittelbarer und intensiver widmen. Das heißt, die letzten Monate waren davon geprägt, das eine gut zu Ende zu bringen und mich auf das andere vorzubereiten, wie man sich auf eine neue Lebensphase vorbereitet.

Wie macht man das? Mit Bedacht oder mit Schwung?
SCHAVAN: Ich bin eindeutig der Typ, der sich konzentriert auf das, was kommt und nicht hadert mit dem, was war. Das war auch in früheren Lebensphasen so: Beim Wechsel vom beruflichen Leben in die Politik um meinen 40. Geburtstag herum, anschließend beim Wechsel von der Landespolitik in die Bundespolitik um die 50. Jetzt, zehn Jahre später, war es wieder eine große Zäsur. Ich muss jedoch nicht so tun, als sei das bisherige Leben uninteressant geworden. Noch immer verfolge ich sehr genau, was in Ulm und im Alb-Donau-Kreis geschieht, lese jeden Morgen den Pressespiegel aus Berlin. Das interessiert mich nach wie vor. Spätestens um 9 Uhr sage ich mir aber auch: Jetzt steht etwas anderes an.

Was hilft beim Aufbruch, wenn man so große Schritte vor sich hat?
SCHAVAN: Gottvertrauen und Neugierde. Vertrauen darin, dass dieser Aufbruch sinnvoll ist; dass er mich in guter Weise beansprucht mit allen Sinnen. Dass damit neues Leben verbunden sein wird. Und die Neugierde bewahrt einen davor, nur die Vergangenheit in die Zukunft ziehen zu wollen. Damit kann manches von dem was war, eingebracht werden in die neue Lebensphase. Die Neugierde hilft auch, bei sich selbst Raum zu schaffen für das Neue.

Woher nehmen Sie die ruhige Kraft, um aufzubrechen, ohne am Alten zu haften?
SCHAVAN: Ich erinnere mich oft an die Zeilen von Hilde Domin: "Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest." Das bedeutet mir viel. Dass ich ein Mensch aus dem Rheinland bin, mit der Mentalität, die man Rheinländern zuschreibt, ist schon wahr. Und dann gibt es immer wieder das Bemühen zu verstehen, dass Gott die Welt und mich geschaffen hat. Und ich irgendwann ihm gegenüber Rechenschaft abzugeben habe. Das zu verstehen ist etwas, das einen in jeder Lebensphase anders begleitet und fordert, in Zweifel stürzt, wieder Kraft schöpfen lässt.

Können Sie uns die rheinische Mentalität in wenigen Sätzen beschreiben?
SCHAVAN: Für den rheinischen Katholizismus, aus dem ich komme, ist die Religion auch eine Lebensart. Und zwar eine lebens- und weltzugewandte. Die Welt und die Menschen sind nicht meine Gegner. Auf diesen Gedanken bin ich auch in der Politik nie gekommen. Vieles von dem habe ich übrigens in Oberschwaben wiedergefunden.

Sie sind eine engagierte Christin, gleichzeitig waren Sie Wissenschaftsministerin mit intensivem Kontakt zu Natur- und Biowissenschaften. Was ist für Sie Gott nach dieser Zeit? Ist von ihm etwas übrig geblieben?
SCHAVAN: Er ist kein bisschen kleiner geworden. Er ist für mich der, der alles ermöglicht, der sich aber entschieden hat, nicht alles selbst zu tun.

Kann man unbeschwert aufbrechen, wenn man noch offene Baustellen im Leben hat?
SCHAVAN: (lacht) Ist nicht das Leben bis zum Ende eine einzige offene Baustelle? Womit soll man denn wirklich fertig sein? Aufgaben kann man nur abschließen oder sich davon verabschieden. Ich habe in Berlin bewusst abgeschlossen.

Haben Sie einen Preis für den Aufbruch bezahlt?
SCHAVAN: Ich kann nicht mehr so oft den Ulmer Münsterturm sehen, der für mich auch in stürmischen Zeiten Stabilität und Orientierung ausgestrahlt hat. Jetzt sind es die Kuppeln von Rom.

Hatten Sie für den Neuanfang in Rom ein Zeichen, einen Ritus?
SCHAVAN: Der Beginn des Neuen ist am ehesten festzumachen an zwei, drei langen Stadtspaziergängen durch Rom. Ich habe begonnen, die Stadt zu ergehen, neue Bilder aufzunehmen, die nicht nur zu dieser Stadt, sondern auch zu meiner neuen Aufgabe gehören. So bin ich in einer stillen Stunde vor Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtina gesessen. Dabei habe ich zu entdecken geglaubt, dass dieser Christus zu tanzen beginnt, und ich habe mir vorgestellt, dass sich diese Bewegung auf das ganze Bild überträgt. Das gehört für mich zum Beginn der Zeit in Rom.

Gibt es einen Satz, den Sie mitnehmen, wenn Sie aufbrechen?
SCHAVAN: Es gibt nicht die Zeile schlechthin. Aber im Moment ist es die Übertragung eines Psalms durch Huub Oosterhuis: Gib mir Raum, weit wie der Himmel.

Was durfte vom bisherigen Leben mit nach Rom?
SCHAVAN: Wichtig waren mir einige Bilder - Franz Bernhard - dann das farbenfrohe Bild "Der Dornbusch", nur wenige Bücher und die Kreuzblume des Ulmer Münsters, die mir zum Abschied geschenkt wurde. Der Aufbruch sollte mit einer gewissen Leichtigkeit verbunden sein. Ich habe nur mitgenommen, was ich wirklich brauche.

Sind Sie nach rund einem halben Jahr an Ihrem neuen Platz angekommen?
SCHAVAN: Ja. Ich bin angekommen in diesem Haus, in der Stadt und in der neuen Aufgabe.

Was wünschen Sie sich für das kommende Jahr 2015?
SCHAVAN: Mein persönlicher Wunsch ist Wohlergehen für die Menschen, die mir nahe stehen. Ulm wünsche ich ein tolles Münsterjubiläum und Papst Franziskus Erfolg bei seinem Bemühen um die Erneuerung der Kirche.

Lange politische Karriere

Person Annette Schavan zählte lange zu den einflussreichsten CDU-Politikern, zuerst in Baden-Württemberg, später im Bund. Von 1995 bis zu ihrem Einzug in den Bundestag, 2005, gestaltete die Rheinländerin an der Seite des damaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel als Kultusministerin die Bildungspolitik in Baden-Württemberg. Die Einführung des 8-jährigen Gymnasiums ist mit ihrem Namen verbunden.

Bundespolitik 2005 wird die heute 59-Jährige als Ministerin für Bildung und Forschung in die Bundesregierung berufen. In ihre Amtszeit fallen viele Reformen wie die Hightech-Strategie und die Exzellenzinitiative. Als Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die CDU-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Ulm Einfluss über ihren Themenbereich hinaus.

Plagiatsvorwürfe Im Zusammenhang mit ihrer Dissertation "Person und Gewissen" aus dem Jahr 1980 werden Täuschungsvorwürfe erhoben. Sie beenden die bundespolitische Karriere der Politikerin. Nach der Aberkennung ihres Doktorgrades tritt Annette Schavan im Februar 2013 von ihrem Amt als Bundesbildungsministerin zurück.

Rom Seit Juli 2014 ist die engagierte Reform-Katholikin, die von 1994 bis 2005 auch eine der vier Vizepräsidenten des Zentralkomitees deutscher Katholiken war, Botschafterin am Heiligen Stuhl. eth

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