Angela Merkel im Wahlkampf: Routiniert bis gereizt

Sechs Wochen dauert die Tour, mit der sich die Kanzlerin um eine vierte Amtszeit bewirbt. Auf öffentlichen Plätzen im ganzen Land trifft sie auf viele Gegendemonstranten.

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Viel Jubel, aber auch Buh-Rufe und Pfiffe: Angela Merkel bei einem Wahlkampfauftritt in Bitterfeld, Sachsen-Anhalt.  Foto: 

Die Sonne steht schon tief an diesem Nachmittag in Bitterfeld. Angela Merkel (63) muss blinzeln, ihre Augen hat sie zu Sehschlitzen zusammengekniffen. Außerdem ist es ohrenbetäubend laut am Goitzsche­see, die Verstärker sind hochgefahren, damit die Stimme der Bundeskanzlerin die Schreihälse übertönt, die sich weiter hinten postiert haben. Während die Rednerin etwas ins Mikrophon ruft, von dem die Demonstranten wohl nur Bruchstücke verstehen, schallt es wütend zurück: „Hau ab! Merkel muss weg!“ Dazu Buh-Rufe und ein schrilles Pfeifkonzert.

Etwas abseits der brüllenden Störer stehen zwei Frauen mittleren Alters, die mit dem Fahrrad zum Stadthafen gekommen sind. Auch sie geben sich als entschiedene Gegnerinnen der CDU-Frontfrau zu erkennen: „Die muss weg!“ Eine vorsichtige Annäherung an die weder aggressiv noch abweisend anmutenden Zuschauerinnen ergibt: Beide haben früher CDU gewählt, also Angela Merkel. Doch jetzt ist Schluss. „Und, wer soll’s dann machen – Schulz?“ Vier Augen verdrehen sich: „Nee, der nu ooch nich!“

Kaum hat die Kanzlerin ihre halbstündige Standardrede in einem dissonanten Klanggemisch von Beifall, Gejohle und Sirenengeheul beendet, schwingen sich ihre enttäuschten Ex-Anhängerinnen aufs Rad und entschwinden nach Hause. Derweil singt Angela Merkel noch gemeinsam mit der Mehrheit des Publikums die Nationalhymne – schon gewagt bei einer Parteiveranstaltung. Wieder hat sie erlebt, was zur ständigen Begleitmusik ihrer sechswöchigen Wahlkampftour 2017 gehört: Protest und Widerspruch bis hin zu Hass.

Das Leitmotiv in Stein gemeißelt

Gewiss ist die Zahl derer, die „nur rumbrüllen“, wie sich die Kanzlerin echauffiert, im Osten des Landes merklich höher als etwa in Bremen oder Dortmund. Was sich da in Apolda und Anna­berg, in Greifswald und in Brandenburg an der Havel Luft macht, ist ein ebenso auffälliger wie offenbar organisierter Teil jenes rechten Spektrums, das sich spätestens im Schatten der Flüchtlingskrise von der zur „Volksverräterin“ erklärten Angela Merkel abgewandt hat. Der brandenburgische CDU-Generalsekretär Steeven Bretz nennt hdiese Leute „professionelle Störer von AfD und NPD“.

Die Kanzlerin reagiert bei ihren Auftritten mitunter gereizt und unbeholfen auf die Quertreiber mit den diffamierenden Transparenten: „Deutschlands Zukunft mit Pfeifen bauen, ich glaube, das wird nichts.“ Für ihre traditionelle Sommerpressekonferenz in Berlin hat sie sich eine elegantere Formulierung ausgedacht: „Ich finde es wichtig, in vielen Städten der neuen Bundesländer aufzutreten und Flagge gegen das Gebrüll zu zeigen. Ich zeige auch da mein Gesicht, wo es nicht so einfach ist.“ Einschüchtern lässt sich Angela Merkel jedenfalls nicht – weder von roher Sprache noch von zwei Tomaten, mit denen sie am Dienstag in Heidelberg beworfen wird.

Schon gar nicht ändert die CDU-Vorsitzende wegen ein paar Chaoten ihren einstudierten Vortrag, den sie landauf, landab nur mäßig variiert. Das Leitmotiv ihrer Kampagne steht seit Monaten wie in Stein gemeißelt: „Damit wir in einem Deutschland leben, in dem wir alle gut und gerne leben.“  Der Slogan stammt übrigens von den smarten Werbetextern der Agentur Jung von Matt, die sonst für Autos, Bier oder Baumärkte Reklame machen. In Angela Merkel sehen die Kreativen aus Hamburg nach eigenem Urteil ein „dem Wettbewerb überlegenes Produkt“.

Auf die doch eher ausbaufähige Rhetorik der Pfarrerstochter aus der Uckermark kann sich dieses Lob aus der PR-Branche eigentlich nicht beziehen. Auch nach über zwei Jahrzehnten in der Politik tut sich die promovierte Physikerin unverändert schwer damit, ihre Zuhörer in ihren Bann zu schlagen. Sie reiht Sätze aneinander, vorfabrizierte Textbausteine. Keine fließenden Übergänge, kein Knalleffekt. Deutschland geht es gut. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit der Einheit nicht mehr. Wir erhöhen keine Steuern. Die Flüchtlingskrise von 2015 darf sich nicht wiederholen. Wir tun etwas für Familien. Deutschland braucht gute Schulen und Spitzentechnologie. Schenkt mir Vertrauen in dieser irritierenden Welt. Einfache Botschaften, die offenbar ankommen, selbst wenn vieles nebulös bleibt. Merkels Sprache, meint der Lyriker Durs Grünbein, sei „präzise, doch ungenau“, sie wolle „nie zu viel verraten“.

Für die Kanzlerin aber läuft es, demoskopisch wie publizistisch betrachtet, derzeit ziemlich gut. Ihre Inszenierungen auf den Marktplätzen und in den Medien sind professionell geplant und verfehlen ihre beabsichtigte Wirkung nicht. Ihre Sympathisanten sind weniger an programmatischen Details interessiert als an digitalen Schnappschüssen von oder mit „Angie“. Merkel zehrt sichtbar von ihrem Amtsbonus und dem Nimbus der angeblichen Unschlagbarkeit, den sie sich seit 2005 drei Mal hintereinander gegen wechselnde SPD-Kontrahenten erworben hat. Wo sie sich zeigt, umgibt sie eine Aura von institutioneller Macht und persönlicher Unangreifbarkeit.

„Da müssen wir weiter dran arbeiten“

Auch viele Beobachter liegen der Kanzlerin inzwischen zu Füßen. Wird die Regierungschefin irgendwo auf Fehlentscheidungen oder Versäumnisse angesprochen, verspricht sie knapp: „Da müssen wir weiter dran arbeiten in den nächsten vier Jahren.“ Das sei, rühmte jüngst ein Berliner Reporter, „eine ziemlich raffinierte Methode, sich Kritik vom Leib zu halten“. Mit dieser Taktik könne Majestät „ewig Bundeskanzlerin bleiben“. Auf eine erfolgreiche Titelverteidigung („Merkel IV“) richten sich augenscheinlich viele Schmeichler im Pressekorps der Hauptstadt bereits ein. Selbst die linksalternative „taz“ gibt sich geschlagen: „Sieben Gründe, warum die Kanzlerin wahrscheinlich wieder klar gewinnen wird.“

Kaum zu glauben, dass es eine Phase zu Beginn dieses Jahres gab, in der Angela Merkel wankte. Der Dauerzwist mit CSU-Boss Horst Seehofer, das Damoklesschwert eines nicht versiegenden Flüchtlingsstroms, der Hype um SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz – die Zukunft der vermeintlichen Dauerkanzlerin stand auf der Kippe. Plötzlich gab es eine Alternative zur CDU-Regentin jenseits der AfD. Die Popularität der mächtigsten Frau der Welt bröckelte, eine Sehnsucht nach Veränderung brach sich für einen Moment Bahn. Auch im innersten Zirkel des Kanzleramts wich die satte Selbstgewissheit einem Hauch von Nervosität.

Vorbei, vorbei. Unterdessen ist die Zuversicht in der Union wieder so groß, dass beflissene Funktionäre die Parteibasis davor warnen, im voreiligen Sieges­taumel den Urnengang am 24. September zu verpassen. Nebenbei ist von konkreten Überlegungen in Merkels Umfeld zu hören, was nach der Wahl zu geschehen habe. Erste Telefonkontakte zu möglichen Koalitionspartnern werden diskret vorbereitet, Konzepte für Verhandlungen mit FDP und/oder Grünen in Auftrag gegeben. Zwei wegweisende Personalentscheidungen stehen dann unmittelbar an: Wer führt die neue CDU/CSU-Fraktion, wer wird Bundestagspräsident? Die „Chefin“ hat alles im Blick, wird geraunt. Und im Griff.

Was daraus spricht? Eine Hofberichterstatterin malt das Bild einer „Kanzlerin, die offenbar keine Zweifel an ihrer Wiederwahl hat“. Angela Merkel auf den Spuren Helmut Kohls. Das „Mädchen“ will den „Patriarchen“ überholen. Die Kunst des Überlebens lernte sie als Heranwachsende in einem autoritären System: „Von Kindesbeinen an hat sie einen intelligenten Opportunismus im Verhältnis zur DDR eingeübt“, so beschreibt der Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz Merkels Arrangement mit den realen Gegebenheiten. Das unprätentiöse Auftreten der Kanzlerin, ihre glaubwürdig verkörperte „Unscheinbarkeit“ verberge „einen gewaltigen Willen zur Macht“, meint der Berliner Professor und erinnert an Niccolò Macchiavelli, den Altmeister eiskalter Herrschaftspolitik. Außer Kohl haben auch schon Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz oder Roland Koch diese Rigorosität Merkels zu spüren bekommen.

Als „besonders genial“ bezeichnet Bolz den Schachzug der CDU-Chefin, durch eine „konsequente Sozialdemokratisierung und Vergrünung“ ihrer Partei den beiden Konkurrenten das Wasser abzugraben, wenngleich um den Preis einer inhaltlichen Entkernung der Union. Wie es aussieht, kann Angela Merkel die Abwanderung eines Teils der konservativen Stammkundschaft zur AfD durch Bodengewinn auf rot-grünem Terrain kompensieren. Das sichert einstweilen ihre Machtposition, und mindestens in den eigenen Reihen wagt noch niemand zu fragen, was denn aus der CDU nach „Mutti“ wird.

Sie selbst gibt sich auf entsprechende Vorhaltungen zugeknöpft. Die offizielle Lesart lautet so: „Ich kandidiere für weitere vier Jahre. Darauf können sich die Wähler verlassen.“ Lange ist es her, dass Angela Merkel in einem seltenen Augenblick der Geschwätzigkeit einer Gesprächspartnerin offenbarte, sie wolle einst nicht als „halbtotes Wrack“ abtreten. Und selbstbestimmt den richtigen Zeitpunkt für den Abschied aus dem Amt erwischen. Doch zur Stunde ist weder abzusehen, wann die Uhr für die Kanzlerin abläuft noch wer sie beerben soll. Ziemlich sicher dagegen scheint, dass die Diskussion darüber schon am Tag nach der Wahl beginnen wird.

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