Amoklauf löst Debatte über Sicherheitsgesetze aus

Nach dem Amoklauf von München fordern Politiker schärfere Waffengesetze. Der 18-jährige Schütze hatte die Tatwaffe im Darknet erworben.

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München trauert: Am Tatort legen Menschen Blumen nieder und gedenken der Opfer des Amoklaufs vom Freitagabend.  Foto: 

Der Amoklauf von München hat eine Debatte über schärfere Sicherheitsgesetze ausgelöst. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach sich für Bundeswehreinsätze in besonderen Terrorlagen aus: „Die Bundeswehr muss, wohlgemerkt immer unter Federführung der Länder, die für die innere Sicherheit zuständig sind, in Fällen akuter, extremer Bedrohung auch im Inneren zum Schutz der Bürger eingesetzt werden können.“ Während des Amoklaufs in München wurden Feldjäger in Bereitschaft versetzt. Bundeswehreinsätze im Inland bei Terroranschlägen sind umstritten. Seit Jahren wird über eine Grundgesetzänderung diskutiert.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach sich dafür aus, die Einsatzkonzepte der Polizei noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) will nach dem Amoklauf die Polizei besser ausstatten. Am Freitagabend waren etwa 2300 Polizisten im Einsatz gewesen.

In den Blick rückten auch die Waffengesetze. De Maizière sagte, zunächst müsse ermittelt werden, wie der Amokläufer an die Tatwaffe gelangt sei. „Dann müssen wir sehr sorgfältig prüfen, ob und gegebenenfalls wo es noch gesetzlichen Handlungsbedarf gibt.“ Auch Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) betonte im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Wir müssen weiter alles tun, um den Zugang zu tödlichen Waffen zu begrenzen und streng zu kontrollieren.“ Der Amokläufer hatte sich die Tatwaffe im Darknet beschafft.

Der 18-jährige Schüler David Ali S. hatte am Freitagabend beim Münchner Olympia Einkaufszentrum (OEZ) neun überwiegend jugendliche Menschen und sich selbst erschossen. Er litt unter psychischen Problemen und hatte seine Tat ein Jahr lang vorbereitet. Einen politischen Hintergrund schließen die Behörden aus. Am Sonntagabend gab die Polizei bekannt, sie habe einen Freund des Amokläufers als mutmaßlichen Mitwisser festgenommen. Es bestehe die Möglichkeit, dass der 16-Jährige von der geplanten Tat gewusst haben könnte, teilte ein Polizeisprecher am Sonntagabend mit: „Wir wollen abklären, ob er das wusste.“

Der 16-Jährige hatte sich am Freitag unmittelbar nach dem Amoklauf bei der Polizei gemeldet, weil er den Täter kannte. „Er wurde in Bezug auf seine Beziehung zum Täter vernommen“, teilte die Polizei mit. Die Ermittlungen hätten dann aber Widersprüche in seinen Aussagen aufgedeckt. Ein Sondereinsatzkommando habe den Jugendlichen gegen 18.15 Uhr festgenommen. Gegen ihn soll Haftbefehl beantragt werden. Die Ermittler prüfen, ob der Jugendliche auch für einen Facebook-Aufruf zu einem Treffen am Sonntag in einem Kino in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs verantwortlich ist. Dieser Aufruf hatte ein ähnliches Muster wie der Facebook-Aufruf des 18-jährigen Amokläufers, der über das soziale Netzwerk eine Einladung in ein Schnellrestaurant verschickt hatte, wo er dann den Amoklauf startete.

Der Amoklauf sorgt weltweit für Entsetzen und Anteilnahme. In Paris erstrahlte der Eiffelturm am Samstagabend in Gedenken an die Opfer in den deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold.
 

Ein Kommentar von Ulrich Becker: Gesetze helfen nicht

Langsam lichtet sich das Dunkel über der Tat von München und allmählich schält sich heraus, was den 18-jährigen David S. dazu trieb, neun Menschen  kaltblütig zu erschießen. Je näher wir der Wahrheit kommen, desto klarer wird, dass der Chor derer, die politische Konsequenzen nach den Schüssen von München fordern, schlicht daneben liegt.

Weder schärfere Waffengesetze noch ein Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorabwehr lassen sich aus dem Amoklauf von München ableiten. All das hätte die Tat nicht verhindert, keines der Opfer wäre dadurch gerettet worden. Thomas de Maizière, Joachim Herrmann oder Sigmar Gabriel verdeutlichen letzten Endes nur die Hilflosigkeit der Politik gegenüber einem verstörten und offensichtlich psychisch kranken Einzeltäter. Wir wollen, wir müssen etwas tun, scheint die Devise. Nutzen wird es am Ende gar nichts. Unsere Gesetze sind nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden längst verschärft worden. Gegen die kriminelle Beschaffung einer Waffe im kaum kontrollierbaren Darknet, wie es offensichtlich David S. getan hat, bleiben sie ohnehin wirkungslos.

Es gibt keine Patentrezepte, keine Formel oder gar Gesetze, die die Radikalisierung eines solchen Attentäters verhindern könnten. Hunderttausende Jugendliche wachsen in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen wie David S. auf. Sie sind fasziniert von den gleichen Egoshooterspielen, schauen die gleichen TV-Serien, sind tagtäglich mit virtueller Gewalt konfrontiert. Dennoch werden sie nie zu Tätern. Es bedarf endlos vieler Puzzleteile, bis aus einem unauffälligen jungen Menschen ein potenzieller Attentäter wird, der fähig ist, eine so unendlich grausame Tat wie David S. zu begehen.

Selbst die so oft beschworene Prävention ist an dieser Stelle überfordert. Sie kann nur helfen, Verhaltensweisen zu deuten  und erste Symptome zu entschärfen. Dazu muss sie aber auch die Betroffenen erreichen – was oft nicht gelingt. David S. drehte dieses Prinzip sogar um: Das bei ihm gefundene Buch „Amok im Kopf“ beschreibt die Psyche von „Schoolshootern“ und soll helfen, sie zu verstehen und eben diese Taten zu verhindern. Der junge Deutsch-Iraner nutzte offensichtlich dieses Werk, um die Schüsse von München vorzubereiten.

Ein eindeutiges Erklärungsmuster wird es für diese Tat nicht geben und deshalb ist es so schwer, mit ihr umzugehen. Wir alle – Eltern, Pädagogen, Freunde –  sind aufgefordert, genauer hinzusehen. Wenn jemand stumm wird, sich von allem abwendet, sich zurückzieht. Diese Pflicht kann uns kein Gesetz abnehmen.

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