Amok: David S. wollte unbedingt ein Deutscher sein

Hass auf Ausländer scheint den Münchner Amoktäter David S. getrieben zu haben. Davon gehen die Ermittler aus. Der Gewalttäter wollte unbedingt ein Deutscher sein.

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Mit Schutzweste und Verbandsmaterial versucht das bayerische Kabinett sein Sicherheitskonzept zu demonstrieren.  Foto: 

Wer war David S. – jener 18-jährige Deutsch-Iraner, der am vergangenen Freitag in München vor dem Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen niederschoss? Nur eines ist klar: Ein islamistischer Selbstmordattentäter war er nicht. Vielmehr ergibt sich bislang das Bild eines psychisch wohl schwer angeschlagenen Menschen mit einer ausländerfeindlichen, rechtsextremen Gesinnung. S. hat sich nach dem Amoklauf selbst erschossen.

Den Behörden liegt ein zweiseitiges Papier von ihm vor, das in den Medien als „Manifest“ bezeichnet wird. „Den Attentäter hat es sehr belastet, dass er die Hürde für die Realschule nicht geschafft hat und deshalb auf die Mittelschule musste“, sagt Florian Weinzierl von der Staatsanwaltschaft München I über den Inhalt gegenüber dieser Zeitung. Die Mittelschule ist in Bayern die frühere Hauptschule. Es kam zu Streit mit Mitschülern und vor einiger Zeit auch zu Mobbing.

Insgesamt sei das Papier gekennzeichnet von einem „sehr unsteten Gedankenfluss“. Ein konkretes Motiv für die Bluttat wird darin nicht genannt, so der Sprecher. Eine rassistische Einstellung von David S. lässt sich aber aus „auffälligen Einschätzungen bezüglich der Nachbarschaft und des sozialen Umfelds“ interpretieren. S. habe „durchaus Wert darauf gelegt, dass er Deutscher ist und sich gegenüber Türken abgrenzt“.

Auf einem Video, das ihn nach der Tat auf dem Dach eines Parkdecks zeigt, ruft er „Scheißtürken“. Weiter sagt er, dass er Deutscher und hier geboren sei. Auffällig ist, dass alle neun Ermordeten Migranten sind, acht von ihnen waren zwischen 14 und 21 Jahre. Ist das ein Zufall oder hat er sich nur Opfer gewählt, deren ausländische Herkunft man erkennen konnte? Die Menschen im Iran, dem Herkunftsland seiner Eltern, wurden in der nationalsozialistischen Rassenlehre als „Arier“ angesehen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bestätigte auf einer Kabinetts-Klausur in St. Quirin am Tegernsee, dass David S. den rechtsextremen norwegischen Attentäter Anders Breivik bewundert hatte. Dieser hatte vor fünf Jahren in Oslo und hauptsächlich auf der Insel Utoya insgesamt 77 Menschen getötet. Die meisten davon waren Jugendliche eines Zeltlagers der sozialdemokratischen Jugendorganisationen. Auf den Tag genau fünf Jahre später, am 22. Juli, beging S. seinen Amoklauf. Das dürfte kein Zufall sein. Herrmann sagte weiter, dass Sympathien für Rechtsextremismus auch darin zu erkennen sind, dass David S. seinen Geburtstag als „positives Schicksal“ angesehen habe. Es handelt sich um den 20. April – was ebenfalls der Geburtstag Adolf Hitlers ist. Zu rechtsextremistischen Gruppierungen in München oder anderswo gab es aber keine Beziehungen.

Dafür bestand ein Kontakt mit einem 15-jährigen aus Gerlingen unweit von Stuttgart. Dieser sitzt in Untersuchungshaft. Berichten zufolge soll er einen Amoklauf in seiner Schule vorbereitet und sich später dann aber wieder davon distanziert haben. Die Ermittler sind überzeugt, dass von „einer erheblichen Gefährdungssituation“ ausgegangen werden musste.

Im Netz fanden sich demnach Fotos von Waffen. Der Dialog über Amoktaten zwischen dem Deutsch-Iraner und dem 15-Jährigen erfolgte angeblich unter der Bezeichnung „teuflische Psychopathen“. Bei der Zimmerdurchsuchung im Elternhaus des Gerlingers fand die Kripo Munition, Waffen, Chemikalien für Sprengstoffe und Fluchtpläne seiner Schule. Bei den Ermittlungen soll nun die Herkunft dieser Beweismittel herausgefunden werden. Dazu gehören dem Vernehmen nach auch eine Schutzweste und Maskierungen.

Den Wohnort des 15-Jährigen und seine Schule halten Polizei und Staatsanwaltschaft geheim. Die Deutsche Presseagentur will jedoch aus Sicherheitskreisen erfahren haben, dass es sich um Gerlingen handelt. Die Stadt mit 19 000 Einwohnern ist eine von elf Kommunen des Landkreises Ludwigsburg, für die die Staatsanwaltschaft Stuttgart zuständig ist.

Der Jugendliche hat sich nach den derzeitigen Erkenntnissen nicht über den Amoklauf in Winnenden informiert. Sein Münchner Chat-Partner dagegen schon. Gemeinsam ist den Jugendlichen offenbar, dass sie schulische Probleme hatten.

Unterdessen warnt die Münchner Polizei vor Amoklauf-Trittbrettfahrern. So seien nach der Tat von München zehn Amokläufe im Internet angekündigt worden. Das hat strafrechtliche Folgen, auch werden die Kosten für Polizeieinsätze in Rechnung gestellt. „Manch einer wird ein Leben lang abzahlen“, sagt die Polizei.

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