Alternative Streckenpläne: Wird der Südwesten abgehängt?

Bei Ulmer Wirtschaftsvertretern schrillen die Alarmglocken. Allein die Erwägung, dass sich der Bund aus dem Projekt Stuttgart 21 zurückziehen könnte, verursacht Debatten. Wird der Südwesten abgehängt?

|
In großem Bogen am wirtschaftsstarken Süden vorbei? Könnte die geplante, rot markierte Straßburg-Budapest-Magistrale, die an Stuttgart, Ulm und München vorbeiführt, durch die blau markierte Alternativstrecke Frankfurt-Linz-Budapest ersetzt werden?  Foto: 

Ulmer Wirtschaftsvertreter sind in Sorge, und diese Sorgen sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie befürchten, dass bei einem Scheitern des Bahnprojekts Stuttgart 21 die Wirtschaftsregion Südwesten das Nachsehen hat. Alternative Streckenpläne ruhen bereits in der Schublade. Seit vergangenem Jahr gibt es für die transeuropäische Bahnachse von Paris über Stuttgart, Ulm und München nach Budapest eine Alternative.

Denn die EU-Kommission hat einen europäischen Kernkorridor Straßburg-Donauraum definiert, der über die bisherige Südschiene hinaus eine gleichwertige nördlich verlaufende Streckenführung über Frankfurt, Nürnberg, Passau und Linz vorsieht. Die Industrie- und Handelskammern in Ulm und Augsburg sehen darin die Gefahr, dass die künftige West-Ost-Magistrale an einem der wirtschaftsstärksten Räume vorbeiführt und im späteren Verlauf auch die Einbindung des Flughafens München in die Magistrale ausschließt.

Der Ulmer IHK-Präsident Peter Kulitz - derzeit in seiner Eigenschaft als Präsident des Industrie- und Handelskammertags Baden-Württemberg unterwegs auf Delegationsreise mit Forschungsministerin Annette Schavan in Südafrika - untermauerte gestern die Einschätzung der Kammer, dass die nördliche Korridor-Variante eine "Bedrohung" für den Süden darstellt: "Es gibt eine alternative Strecke."

Vor diesem Hintergrund ist es aus Sicht von Kulitz entscheidend, mit S 21 und der neuen Schnellbahntrasse das Nadelöhr des bisherigen Südkorridors zwischen Stuttgart und Ulm zu beseitigen. Dann erledigt sich nach dem Dafürhalten der Kammer der Nordkorridor von selbst. Auch nach dem nun bekannt gewordenen Dossier des Bundesverkehrsministeriums, das S 21 wegen der Kostenexplosion in Frage stellt, hält Kulitz das Großprojekt nicht für erledigt. Es sei nun Sache der Landesregierung, dafür zu sorgen, dass die Bahn nicht am Land vorbeifährt, und das Votum des Bürgerentscheids vom November 2011 umzusetzen: "Natürlich zu erträglichen Kosten." Kulitz hatte die Kostensteigerungen bei S 21 in Milliardenhöhe zuletzt als "ärgerlich" bezeichnet. Das lasse sich aber "wieder einfangen", betonte er noch einmal.

Der Ulmer IHK-Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle sieht im vom Bundesverkehrsministerium lancierten gleichwertigen Nordkorridor ebenfalls ein "erhebliches Risiko" für den Süden. Bei zusätzlicher Verwirklichung der so genannten Mottgers-Spange lasse sich die Trasse problemlos mit der Schnellbahnstrecke Würzburg-Kassel verbinden: "Der Aufwand ist viel geringer."

Für die Akteure in Baden-Württemberg und Bayern sei der Nordkorridor mit der Spange ein "Riesen-Thema". Es gehe letztlich um die Frage, welche Bedeutung der südliche Wirtschaftsraum von Stuttgart bis München habe: "Man muss eine klare Infrastruktur-Entscheidung treffen." Da komme es auch auf eine Milliarde Euro mehr oder weniger nicht an. Vielmehr sei die Politik aufgerufen, einem der zukunftsfähigsten Räume die adäquate Infrastruktur zu geben.

Sälzle vertritt in der Sache nicht nur die Ulmer Interessen. Auch Ostwürttemberg, der Bodenseeraum und Bayerisch-Schwaben profitierten von einer Magistrale in der bisherigen Südversion. Das Dossier des Berliner Ministeriums wertet er schlicht als ein "Beamtenpapier: "Wer nicht will, findet Gründe."

Wenn die Zuschüsse für S 21 nicht abgerufen würden, werde das Geld "anderswo vergraben". Andere Regionen würden die Finanzmittel am liebsten für sich reklamieren: "Und die lachen dann über die dummen Schwaben."

Zusätzlich befeuert werden die Befürchtungen, der Südosten Baden-Württembergs und Bayerisch-Schaben mit dem ebenfalls an der Strecke liegenden Augsburg könnten von der schnellen Schiene abgehängt werden, durch eine pikante politische Konstellation: Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium ist Andreas Scheuer. Er hat seinen Wahlkreis ausgerechnet in der Stadt an der Donau, die durch die Nord-Trasse angebunden werden würde: Passau.

Kein Wunder, dass ein paar hundert Kilometer donauaufwärts in Ulm offen eine politische Verschwörung gegen Südwürttemberg und zugunsten Niederbayerns befürchtet wird.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

08.02.2013 08:12 Uhr

Ulmer S21-Befürworter unsachlich

"...und wir fahren dann in den nächsten 150 Jahren weiter mit dem Pferdegespann das Filstal rauf" (der Ulmer Freie-Wähler-Stadtrat Karl Faßnacht, http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/KOePFE-KLATSCH-KURIOSES-vom-6-Februar;art4329,1838930).
Es sind seit Jahren in Ulm die S21-Befürworter, die mit solch unsachlichen Werturteilen so tun, als sei die Fahrt mit der Bahn von Ulm nach Stuttgart eine einzige Zumutung. Die Fakten sind anders: die Strecke UL - S ist 94 km lang, die Fahrzeit der IC und ICE liegt bei 55 bzw. 56 Minuten. Bei Verspätungen ist die Strecke in 49 min zu schaffen. An der Geschwindigkeitsanzeige im ICE kann man sehen, dass auf dem größten Teil der Strecke mit 140 km/h bis 160 km/h gefahren wird.
Die ICE sind zwischen UL und S deutlich schlechter ausgelastet als z.B. zwischen S und Mannheim. Falls die DB einmal auf die Idee kommen sollte, den Fernverkehr zwischen UL und S auszudünnen, dann sind daran nicht zuletzt Leute wie Herr Faßnacht schuld.

Antworten Kommentar melden

07.02.2013 00:40 Uhr

haben wir heute den 1. April? oder warum serviert uns die SWP nur Jux-Meldungen?

...

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 14:44 Uhr

Selten so einen Unsinn gelesen!

1) Der TEN-Korridor X beginnt nunmal in Straßburg (und heißt folgerichtig Straßburg-Donauraum). Das hat übrigens auch die IHK selbst schon geschrieben und steht überdies im Artikel. Wieso die Skizze der SWP nicht in Straßburg beginnt und von dort ersteinmal einen Riesen-Umweg über Mannheim nimmt, bleibt wohl SWP-Geheimnis.

2)Der TEN-Korridor beinhaltet mind. drei Verkhersträger. Wie sollen denn Schiffe vom Rhein an die Donau kommen, wenn nicht über den Main und den Main-Donau-Kanal?!

3)Die Pläne der EU-Kommission sehen keine Schnellbahn zwischen Frankfurt und Würzburg vor. Das ist auch ganz logisch, denn dieser Zweig dien dem Güterverkehr! Die böse EU hat also vor, den Güterverkehr mit dem Hochgeschwindigkeitsnetz zu kreuzen? Fasching ist erst nächste Woche!

4)Selbst wenn der Korridor morgen ganz verschwindet, ändert sich dadurch nichts. Korridore dienen der Vergabe von Fördermitteln - und die NBS Ulm-Stuttgart hat die Zusage schon.

5)Für "Stuttgart 21" gibt es keine EU-Zuschüsse!

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 11:48 Uhr

SWP wie üblich einseitig

Eine Online-Umfrage der SWP mit immerhin über 600 Teilnehmern hatte ergeben, dass eine Mehrheit der Umfrageteilnehmer gegen S21 ist. In der Druckausgabe der SWP ist diese Umfrage nie erwähnt worden, auch nicht am Rande. Auch auf swp.de ist das Ergebnis der Umfrage kaum zu finden (http://www.swp.de/stuttgart21./Kretschmann-droht-der-Bahn%3Bart4319,1774460#kommentare; irgendwo in den Kommentaren versteckt ist das Umfrage-Ergebnis).

Eine Umfrage, die für das "Kommunikationsbüro Bahnprojekt Stuttgart - Ulm" durchgeführt wurde, also für einen nicht neutralen Auftraggeber, wird dagegen in der SWP als "repräsentativ" bezeichnet und bekommt einen großen Artikel (http://www.swp.de/stuttgart21./Stuttgart-Ulm-Kulitz-freut-die-hohe-Zustimmung;art4329,1742994).

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 11:05 Uhr

weiter

Sind sie von Stuttgart oder München abgeflogen.

Und daseine (angebliche) Parkschützerin (Parkschützer ist nur eine Internetseite mit Anmeldung - ähnlich Facebook) in keiner Behörde an Telefons darf ist nach 58 Jahren absolutistsicher Totalverteilung aller wichtigen Positionen an Parteimitgleider der Schavan-Partei nun wirklich lächerlich. Wir hatten schon alte Nazis als Ministerpräsidenten!

Ich wette das Herr Thierer in der CDU/FDP ist- wie sonst könnte so ein Mann IHK-Präsident werden!!

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 10:59 Uhr

Von vorgestern und hinter dem Mond

Immer die gleiche frei erfundene, durch nichts belegte Litanei. Korridor, abghängt vom Verkehr und so weiter. Das sind doch die platten Angst und Pseudolegitimationskampagnen des Befürworterfilzes der nur an seine Macht und Aufträge denkt. Koste es die Bürger was es wolle.

Die Mottgersstange wurde bisher absichtlich zurückgestellt (obwohl verkehrlich viel, viel sinnvoller durch Streckenverkürzung in den Süden) um Stuttgart 21 + NBS wirtschaftlicher erschein zu lassen. Trotzdem wurde die Wirtschaftlcihkeit nur durch die üblichen Rechntricks hingedreht (z.B. Leichtgüterzüge). Doch diese völlig unwirtschftlichen Kostentricks interessieren IHK- Chefs nicht, den die zahlt die Allgemeinheit. Derweilen ist man mit Frau Schavan auf Dienstreise in Südafrika - man kennts sich ja gut ! Wie so eine Vergnüngsreise mit der Bildungsminsiterin (nicht Wirtschftsministerin) möglich ist bei einer solchen schlechten Anbindung an den internationalen Fernverkehr ist mir schleierhaft.

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 10:38 Uhr

aus der Vergangenheit gelernt

Verzögerungen bei Bahnprojekten von 3 - 5 Jahren sind nicht ungewöhnlich, entsprechend steigen die Mehrkosten. Bsp SFS Mannheim - Stuttgart. Siehe „Widerstand aus der Bevölkerung:“ http://de.wikipedia.org/wiki/Schnellfahrstrecke_Mannheim%E2%80%93Stuttgart
Natürlich haben beide Seiten aus der Vergangenheit gelernt, das heißt die DB machte bereits während der Planfeststellung 2001 - 2005 weitere Zugeständnisse in Puncto Umwelt.- und Denkmalschutz. Während die Gegner ständig neue Forderungen stellten, die teilweise unerfüllbar waren, um das Projekt zu beenden. Somit ist der gestrige Tag nur ein weiterer Akt in diesem Bühnenstück, allerdings ist erstmals eine Regierungspartei gegen das Verkehrsprojekt, wenn nicht offiziell - aus Rücksicht auf die SPD - allerdings lassen das handeln des Verkehrsminister keine anderen Schlüsse zu. Das versorgen mit Dienstposten für „Parkschützer“ im Verkehrsministerium u.a. am Stuttgart 21 Infotelefon, sprechen eine deutliche Sprache.

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 10:07 Uhr

Von vorgestern und hinter dem Mond

IHK Präsidenten haben sich in der Debatte um S21 einen einwandfreien Ruf als verkehrsplanerisch inkompetente Lobbyisten erworben.
Der Südwesten erhält durch S21 mit der Reduktion der Kapazität von über 50 auf max 32 Züge/h und dem vollständigen AUSSCHLUSS des Güterverkehrs und der Neubaustrecke einen Engpass, der dafür sorgen wird, daß der SW von einem Teil des Personen- und Güterverkehrs umfahren werden muß.
Die Regionallobbyisten inUlmumUlmundumUlmherum rechnen sich Vorteile für ihren Wirtschaftsstandort aus. Sie sollten lieber einmal über ihre Nasenspitze hinausgucken und die mit S21 geplante Infrastruktur objektiv untersuchen.
Sonst brüllt die Republik vor Lachen über die kurzsichtigen Provinzleute. So wie über die Anrainer der Südbahn, die kräftigste Befürworter von S21 waren, als ihnen aber die Mittel zur Elektrifizierung der Bahn gestrichen wurden (warum wohl?) war das Geheule groß.

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 09:28 Uhr

Abhängen? Wo bitte?

Kann es sein, dass die Zukunftsfähigkeit von Baden-Württemberg von einem zu klein geratenen Bahnhof abhängt? Wohl kaum. Die Wirtschaftsleistung von Baden-Württemberg wird von den Bürger und den Betrieben gestemmt. Und zwar so gut, dass unsere Arbeitslosenzahlen konkurrenzlos niedrig sind. Wer mit uns Schwaben und Badenern Geschäfte machen will, der hat schon immer den Weg zu uns gefunden. Trotz Kopfbahnhof und Geislinger Steige. An Baden-Württemberg führt nämlich kein Weg vorbei.

Antworten Kommentar melden

06.02.2013 09:07 Uhr

Magistrale

Ach, Herr Thierer bemüht wieder einmal die Magistrale. Bereits in der Schlichtung wurde klar gemacht, dass die Magistrale für das Vorhaben S21 irrelevant ist.
Leider schafft es die SWP auch im Angesicht der neuen Informationslage nicht, von ihrer Pro-S21-Seite abzurücken und bemüht , dank an die Autoren Thierer, Böhme und Muschel, olle Kamellen um das Projekt weiter hochzuhalten.

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 und die Neubaustrecke

Die Bahn preist Stuttgart 21 und die Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm als zukunftsweisendes Projekt an, Kritiker widersprechen. Auf dieser Seite finden Sie alle Artikel zur Neubaustrecke und Stuttgart 21.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ende der möglichen Jamaika-Koalition kam für viele Ulmer überraschend

Umfrage: Einige Passanten hätten sich eine Einigung gewünscht, manche finden das Handeln der FDP jedoch konsequent. weiter lesen