Alle 18 Meter ein toter Arbeiter

Am Ende des Zweiten Weltkriegs bauten KZ-Häftlinge in Überlingen einen Stollen für die Rüstungsindustrie. Am heutigen Tag vor 70 Jahren wurde das Barackenlager aufgelöst. Die Franzosen rückten an.

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Ob fliehen oder bleiben, beides ist lebensgefährlich. Die Häftlinge Wassili Sklarenko und Adam Puntschart wissen das. Rund 800 Männer waren sie Anfang Oktober 1944 hier am Bodensee gewesen, im Außenkommando des Konzentrationslagers (KZ) Dachau. Ihr Auftrag: Bau einer unterirdischen Produktionsanlage, die Rüstungsunternehmen vor Bombenangriffen der Alliierten schützt. Seit Baubeginn war fast täglich ein Mithäftling an Krankheit, Erschöpfung, SS-Schikanen oder bei einem Arbeitsunfall gestorben. Einer hatte auch probiert zu flüchten - erfolglos. SS-Schergen schlossen ihn zur Strafe mit den Wachhunden im Waschraum ein. Irgendwann waren keine Schreie mehr zu hören.

Sklarenko und Puntschart legen sich an diesem 22. März 1945 trotzdem in eine Kipplore. Mit Dieselöl haben sie sich zuvor übergossen, damit die Hunde sie nicht riechen. Ein Kamerad bedeckt die zwei mit Holz und Aushub. Die Lore rollt los.

"Nur ihnen ist die Flucht geglückt", sagt Oswald Burger 70 Jahre später. Burger ist Vorsitzender des Vereins "Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen". Ein Foto zeigt den Ukrainer Sklarenko und den Österreicher Puntschart. Die Schweizer Polizei im 50 Kilometer entfernten Schaffhausen hat es am 26. März 1945 geschossen. Vier Tage hatten die beiden in ihrer gestreiften Sträflingskleidung für den Weg gebraucht, nachdem sie samt Aushub am Seeufer ausgekippt worden waren. Bahngleisen folgend, waren sie bis in die Freiheit gelaufen.

Für die Zurückgebliebenen wie den Slowenen Anton Je ging das Leiden weiter. "Die Arbeit im Goldbacher Stollen war wegen der Arbeitsunfälle und vor allem wegen der mangelhaften Ernährung mörderisch!", schreibt der heute 89-Jährige der SÜDWEST PRESSE in einer Mail. In zwölf-Stunden-Schichten mussten sie rund um die Uhr schuften, um Adolf Hitlers Befehl auszuführen. Am 30. April 1944 hatte er angeordnet, dass innerhalb von 100 Tagen eine bombensichere, 100.000 Quadratmeter große Produktionsfläche für Friedrichshafens Rüstungsindustrie geschaffen werden müsse.

Zwei Tage zuvor hatten Alliierte die Betriebsflächen in Friedrichshafen bombardiert und zerstört. "Maybach produzierte dort Panzermotoren", sagt Burger, "die ZF-Zahnradfabrik Getriebe für zum Beispiel Lastwagen, Loks oder Schiffe, die Firma Dornier Flugzeuge und ,Luftschiffbau Zeppelin' Hüllen für Raketen, Torpedos oder Fesselballons zur Wetterbeobachtung."

Hitlers Zeitplan konnte nicht eingehalten werden, doch alles ging sehr schnell. Nachdem Geologen die Felsformation in Steinwurfweite zum Bodensee auserkoren hatten, erhielt die Siemens Bauunion den Auftrag, Geheimprojekt "Magnesit" umzusetzen. "Drei Unterkunftsbaracken sind für die mehr als 800 Menschen gebaut worden", sagt Burger, "und ein Versorgungshaus. Drumherum wurde ein doppelter Stacheldrahtzaun errichtet und zwei Dutzend SS-Männer passten auf."

Mehr als die Hälfte der aus KZ herangeschafften "Fachkräfte" kam aus Italien, etliche aus Russland, Polen oder Slowenien wie Je. "Rund 60 Prozent trugen einen roten Winkel auf der Kleidung und waren politische Gegner oder sogenannte Nacht- und Nebel-Häftlinge, Partisanen zum Beispiel, die Anschläge gegen die Wehrmacht verübt hatten", sagt Burger. Auch Kriminelle, Landstreicher, Drogenabhängige oder Homosexuelle waren im Lager.

Bis 20. April 1945 bohrten und sprengten die Männer vier Kilometer Stollenstränge in den Fels. Doch die Franzosen rückten näher und so wurde das Lager an Hitlers letztem Geburtstag aufgelöst. Wachen trieben die Häftlinge in einen Zug gen Dachau, am Ende landeten sie im Außenkommando Allach bei München. Dort wurden Je und die Übrigen am 29. April von US-Truppen befreit. 222 Tote hat Burger gezählt, das heißt, umgerechnet kostete der Stollen alle 18 Felsmeter einen Häftling das Leben.

Die Franzosen nahmen Überlingen am 25. April ein. Da waren die Baracken bereits von der örtlichen Feuerwehr verbrannt worden. Die Franzosen fanden in einem Wäldchen ein Massengrab mit 97 Leichen. Ein Jahr später sprengten die Franzosen alle Stolleneingänge. Der heutige wurde neu angelegt.

Wer die aktuelle Homepage der Luftschiffbau Zeppelin GmbH ansieht, findet keinen Hinweis auf den Goldbacher Stollen. "Wir verheimlichen nichts", heißt es vom Unternehmen, "Historikern stehen zum Beispiel unsere Archive offen." Bei ZF ist im Internet ebenfalls kaum etwas zu finden, aber zum 100-jährigen Firmenjubiläum hat ein Historiker auch diesen Aspekt beleuchtet, sagt ein Sprecher. Burger, der seit den 80ern die Geschichte des Stollens aufarbeitet, sagt, "früher haben die Unternehmen mit diesem Geschichtsabschnitt mehr Probleme gehabt, aber inzwischen sind sie offen". Die Arbeit seines Vereins wurde durch Spenden der Unternehmen unterstützt.

Anton Je sieht große Fortschritte, was die Aussöhnung anbelangt - auch Dank des Engagements der Überlinger Bürger. Auf Deutsch schreibt er: "Aussöhnung bedeutet für mich eine Wahrheit, dass es nach dem Totalkrieg eigentlich keinen Sieger gibt!"

Spielkarten als Zeugnis

Relikt Fotos gibt es aus dem Barackenlager in Überlingen-Aufkirch am Bodensee nicht, auch keine von der Arbeit der Häftlinge im Stollen. Doch es existiert ein beeindruckendes Tarock-Kartenspiel. Die Spielkarten zeigen die brutale Grausamkeit des Lagerlebens: Häftlinge in Sträflingskleidung, die nackte, tote Kameraden halten oder zerfledderte Gestalten vor Stacheldrahtzäunen, Stiefel die einem Zwangsarbeiter ins Kreuz treten. Arbeiter liegen unter Steinen begraben im Stollen, ein Wachhund beißt einen Mann in die Wade.

Urheber Boris Kobe hat diese Zeichnungen angefertigt. Der Slowene wurde 1905 in Ljubljana geboren. Dort schloss er 1929 ein Architekturstudium als Diplomingenieur ab, anschließend studierte er Malerei in Paris. Im Krieg war er bei der "slowenischen Befreiungsfront gegen die Okkupation" aktiv, heißt es im Buch "Der Stollen" von Oswald Burger. 1945 wurde Kobe verhaftet. Was er im KZ Dachau und dessen Außenkommandos Überlingen-Aufkirch und Allach sah, hielt er am Ende in Allach fest, wo er von US-Truppen befreit wurde. Später war er als Künstler erfolgreich und lehrte an der Fakultät für Architektur der Universität Ljubljana. Er starb 1981.

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