Afrika verdorrt

In Afrika hungern immer mehr Menschen. Die Kombination aus Krieg und Dürre verschärft die Situation. Wegen des Klimaphänomens El Ni·o bleibt in vielen Staaten südlich der Sahara der Regen aus.

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    Steht alles andere als gut da: Das Maisfeld von William Machingo, 400 Kilometer südlich von Harare. Mais ist in der gesamten Region Grundnahrungsmittel. Foto: 
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Es ist eine Hungersnot mit Ansage: Seit mehr als zwei Jahren tobt im Südsudan ein entsetzlicher Bürgerkrieg zwischen den beiden größten Stämmen des Landes. Fast drei Millionen Menschen wissen derzeit nicht, wie sie das Jahr überleben sollen, heißt es im jüngsten Bulletin des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP).

Mindestens 40.000 Menschen seien akut vom Hungertod bedroht. In weiten Teilen des erst 2011 unabhängig gewordenen Landes liegen wieder einmal die Felder brach. Schlimmer noch: Mit Beginn der Trockenzeit dürften nun die Kämpfe wieder aufflammen, die zuletzt durch den Regen und die unpassierbar gewordenen Straßen unterbrochen waren.

Trotz aller Bemühungen westlicher Hilfsorganisationen bleibt die Lage verzweifelt: Viele der rund eine Million Kinder, die der Krieg vertrieben hat, ernähren sich nach Auskunft des UN-Kinderhilfswerks bereits jetzt überwiegend von Fischen und den Wurzeln von Wasserlilien, doch selbst diese letzte Nahrungsquelle geht wegen des sinkenden Wasserpegels allmählich zur Neige. Nirgendwo ist ein Ende des Mordens in Sicht, das bereits jetzt zehntausende Menschenleben gekostet hat. Vieles deutet stattdessen darauf hin, dass im jüngsten Staat der Welt erst noch viel mehr Menschen durch Krieg und Hunger sterben müssen, ehe Regierung und Rebellen womöglich doch noch zu Vernunft kommen.

Im Südsudan ist die Lage wegen des Zusammenspiels von Dürre und Krieg besonders dramatisch. Aber auch für eine Reihe anderer afrikanischer Länder, darunter die langjährigen Krisenstaaten Somalia und Simbabwe, hat die Uno Alarm geschlagen. Zurückgeführt wird das Ausmaß der Dürre unter anderem auf das Klimaphänomen El Ni·o, auch wenn nicht wenige Experten einen direkten Zusammenhang zwischen der warmen Pazifikströmung vor der Westküste Südamerikas und der Dürre in weiten Teilen Afrikas bezweifeln.

In Simbabwe hat sich die Lage zuletzt vor allem deshalb verschärft, weil hier der große Nachbar Südafrika wegen eigener Engpässe als Nahrungsmittellieferant ausfällt. Denn auch dort hat El Ni·o für einen drastischen Einbruch der Ernteerträge gerade bei Mais, dem Grundnahrungsmittel der Region, gesorgt. In der südafrikanischen Zentralprovinz Free State, dem größten Anbaugebiet für Mais, hat es seit drei Monaten kaum mehr geregnet, während die Temperaturen zuletzt Rekorde von über 40 Grad erreichten.

Für das von dem 91-jährigen Autokraten Robert Mugabe abgewirtschaftete Simbabwe bedeutet die Missernte in Südafrika, dass es trotz leerer Staatskasse große Mengen Mais auf dem internationalen Markt kaufen muss. Erst in der vergangenen Woche hatte Mugabe daraufhin den Notstand erklärt - und zugleich diese Gelegenheit genutzt, die vom Westen gegen sein Regime verhängten Sanktionen für die drohende Hungersnot verantwortlich zu machen.

Dabei war es die von Mugabe angeordnete massenhafte Enteignung und Vertreibung fast aller weißen Farmer, die Simbabwes einst blühende Landwirtschaft ruiniert hat. Besonders hart betroffen sind nun auch die ländlichen Gebiete, in denen die vielen schwarzen Kleinbauern fast nur für den Eigenbedarf produzieren.

Eskaliert ist die Lage aber auch beim neuen afrikanischen Hoffnungsträger Äthiopien, wo die Regierung die Dürre und ihre Folgen lange Zeit leugnete, um ihr Wachstumsmodell nicht in Misskredit zu bringen. Inzwischen spricht man jedoch selbst in der Hauptstadt Addis Abeba von der schlimmsten Dürre seit mehr als 30 Jahren. Zwischen 1983 und 1985 waren hier bei einer Jahrhundertdürre, die durch die Gewaltherrschaft des damaligen Diktators Mengistu noch verschlimmert wurde, rund eine Million Menschen verhungert. Mittlerweile wird die Zahl der von der Dürre betroffenen Äthiopier fast wöchentlich nach oben korrigiert: Sprach die Uno noch zu Jahresbeginn von acht Millionen Äthiopiern, sind es nun bereits mehr als zehn Millionen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Diese Zahl könne sich ohne weiteres noch verdoppeln, warnen Experten des WFP. Möglicherweise könnten bis zur Jahresmitte 2016 bis zu einem Viertel der 85 Millionen Äthiopier vom Hunger betroffen sein.

Der ehrgeizigen Regierung des Landes kommt die Krise äußerst ungelegen. Schließlich versucht sie seit langem, ausländische Investoren davon zu überzeugen, dass die Wirtschaft des Landes mit zweistelligen Raten wächst und Äthiopien schon bald den Sprung vom traditionellen Agrarstaat in die Moderne schafft. Nichts symbolisiert dieses Vorhaben besser als die in nur drei Jahren für fast 500 Millionen Dollar (440 Millionen Euro) aus dem Boden gestampfte und vor einem halben Jahr in Betrieb genommene Metro von Addis Abeba. Sie ist - mit Ausnahme des Sonderfalls Südafrika- das erste städtische Nahverkehrssystem südlich der Sahara.

Trotz der Dürre gibt es somit auch Hoffnung: Je besser organisiert ein Staat ist, desto sicherer ist seine Bevölkerung vor dem Hungertod. Anders als im Südsudan und Simbabwe versucht das Regime in Äthiopien seit Jahren vorzusorgen und hat zuletzt knapp 400 Millionen US-Dollar (352 Millionen Euro) im Staatshaushalt für 2016 umverteilt, um damit die erwartete Hungersnot zu bekämpfen - ein gigantischer Posten im kleinen Haushalt. Ob Äthiopiern dadurch ein größerer Einbruch des Wachstums erspart bleibt und es die Dürre kontrollieren kann, werden die nächsten vier Monate zeigen. Denn erst im Juni beginnt am Horn von Afrika die nächste Regenzeit.

El Ni·o

Klima Das globale Klimaphänomen El Ni·o führt zu extremen Wetterbedingungen. Wegen des alle paar Jahre auftretenden Phänomens verschieben sich aufgrund von veränderten Luft- und Meeresströmungen weltweit die Wetterbedingungen. Grund für den ausbleibenden Regen in Teilen Afrikas sind Hochdruckgebiete über dem südlichen Afrika, die Tiefdruckgebiete, die Niederschlag bringen, blockieren. 

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