Afghanistan: Ende einer Kampfmission

13 Jahre haben Nato-Soldaten in Afghanistan gekämpft. Über den Erfolg der Mission wird gestritten. Derweil zeigen sich die Taliban angriffswillig. Mit Kommentar von Christoph Faisst: Bittere Bilanz.

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Mit einer feierlichen Zeremonie hat die Nato nach 13 Jahren ihren Kampfeinsatz in Afghanistan beendet. "Der heutige Tag markiert das Ende einer Ära - und den Beginn einer neuen", sagte der Kommandeur der internationalen Truppen in Afghanistan, US-General John Campbell, bei einer Übergabezeremonie in Kabul. Die bisherige Kampfmission Isaf wird durch den neuen Ausbildungseinsatz "Resolute Support" (Entschlossene Unterstützung) ersetzt.

Die Nato war in den vergangenen 13 Jahren zeitweise mit 140.000 Soldaten in Afghanistan, unter ihnen mehr als 5000 Deutsche. 55 deutsche Soldaten ließen dort ihr Leben. Insgesamt wurden rund 3500 Isaf-Soldaten in Kämpfen mit den radikalislamischen Taliban und bei Anschlägen getötet.

Für die neue Mission zur Ausbildung und Beratung der afghanischen Streitkräfte sollen 12.000 Soldaten im Land bleiben, unter ihnen 850 Deutsche. Obwohl sie keinen Kampfauftrag mehr haben, bleibt es gefährlich. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in diesem Jahr verschlechtert. In den ersten elf Monaten zählte Uno 3188 getötete Zivilisten - mehr als je zuvor.

Ob der Kampfeinsatz ein Erfolg war, ist umstritten. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagte, die Bundeswehr habe einen wichtigen Beitrag zur Stabilität des Landes geleistet. In den vergangenen 13 Jahren habe sich die Situation vieler Menschen verbessert. Auch US-Präsident Barack Obama würdigte das Ende des Nato-Kampfeinsatzes als "Meilenstein". In der deutschen Bevölkerung sagen nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov aber 60 Prozent der Befragten, dass sich der Einsatz nicht gelohnt hat.

Kritik kommt auch aus Afghanistan. "Wir haben die Aufstockung der Soldaten 2009 nicht verstanden, und wir verstehen jetzt den Rückzug nicht", sagte die Leiterin der afghanischen Menschenrechtskommission in Kabul, Sima Samar. Die internationale Gemeinschaft sei sehr oberflächlich an Afghanistan herangegangen, beklagt die Trägerin des Alternativen Nobelpreises.

Die Taliban kündigten unterdessen weitere Anschläge an. "Ich versichere unserem Volk, dass seine Mudschaheddin weiter gegen die Eindringlinge kämpfen werden", erklärte Taliban-Sprecher Zabihullah Mudschahed.

Kommentar von Christoph Faisst: Bittere Bilanz

Nach 13 Jahren endet zum Jahresende der Kampfeinsatz der Nato in Afghanistan. Aus deutscher Sicht bedeuten diese 13 Jahre einen fatalen Mentalitätswandel: die jahrzehntelang undenkbare Normalisierung des Krieges in den Köpfen und in der politischen Praxis. Beharrlich gegen diese Entwicklung gestemmt hat sich alleine die Linkspartei, der aufgrund ihrer Haltung nur zu gerne die Regierungsfähigkeit abgesprochen wird. Die anderen politischen Kräfte äußern dagegen immer lauter den Wunsch, militärische Expeditionen in alle Teile der Welt als regulären Bestandteil deutscher Außen- und Bündnispolitik zu begreifen.

Dabei ist die Bilanz dieses Einsatzes so bitter, dass sie allen künftig als Lehre dienen müsste: Aus deutscher Sicht sind das 55 Tote, unzählige verwundete und noch mehr traumatisierte Soldaten, der verheerende Luftangriff von Kundus und eine bizarre Debatte, die den Begriff des Helden wieder salonfähig gemacht hat. Es gibt ein Ehrenmal und die Einsicht, dass die Bundeswehr für die Pläne so manchen Verteidigungspolitikers schlecht gerüstet ist.

Ob dieser Kampfeinsatz zumindest den Afghanen geholfen hat, wird die Zukunft zeigen. Trotz einzelner Erfolge stehen die Zeichen schlecht: Die Korruption blüht wie der Schlafmohn, von echter Demokratie, die der Westen mit militärischen Mitteln exportiert, ist das Land weit entfernt. Der Abzug kommt deshalb spät. Zu spät. Doch das ist immer noch besser als nie.

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