Absturz von Smolensk wird neu untersucht

War es doch kein Unglück, sondern ein Anschlag? Polens neue Regierung will noch einmal die Flugzeugkatastrophe von Smolensk untersuchen, bei der Präsident Kaczynski und 95 weitere Menschen gestorben waren.

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Die Unfallstelle in Smolensk: Vor sechs Jahren kam hier der damalige polnische Präsident Lech Kaczynski ums Leben.  Foto: 

"Allein 400 Meldungen vom Tag der Katastrophe sind vernichtet worden. Viele weitere Informationen wurden gefälscht und die gesamte Untersuchung einer fremden Macht überlassen." Polens neuer Verteidigungsminister Antoni Macierewicz erhob schwere Vorwürfe gegen seine Vorgänger, als er vor wenigen Tagen eine Kommission benannte.

Die von dem national-konservativen Hardliner berufenen Experten sollen den Flug der TU 154, die am 10. April 2010 im Nebel vor dem Militärflughafen Smolensk zerschellt war, noch einmal unter die Lupe nehmen. Dabei scheint von vornherein klar, in welche Richtung die Ermittlungen gehen. Denn sowohl Macierewicz als auch zahlreiche Mitglieder der Kommission vertreten seit Jahren die Auffassung, dass auf die Maschine des früheren Präsidenten ein Anschlag verübt worden sei.

Zur Erinnerung: Der damalige Präsident Lech Kaczynski, seine Ehefrau Maria und Dutzende Vertreter aus Polens politischer und militärischer Elite waren auf dem Weg in das Dorf Katyn. Dort sollte an die Ermordung von tausenden polnischen Offizieren durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD während des Zweiten Weltkriegs erinnert werden.

Doch über dem Militärflughafen im Norden von Smolensk lag an jenem Aprilmorgen so dichter Nebel, dass die russischen Fluglotsen der polnischen Besatzung empfahlen, auf andere Landeplätze auszuweichen. Auf Anweisung des mit an Bord befindlichen Generals der polnischen Luftwaffe, in dessen Blut russische Ermittler später Alkohol feststellten, setzen die Piloten dennoch zur Landung an. Dass der selten genutzte Flugplatz mit veralteten Instrumenten ausgerüstet war und die Piloten zu spät auf Warnsignale reagierten, sollen die Hauptgründe gewesen sein, weshalb die Maschine kurz vor der Landebahn gegen Bäume stieß und zerschellte.

So steht es jedenfalls in zwei offiziellen Berichten, die von einer russischen Kommission, wie auch im Auftrag des früheren polnischen Innenministers angefertigt worden waren. Zwar gibt der polnische Bericht auch den russischen Fluglotsen eine Mitschuld am Absturz. Sämtliche Theorien über einen möglichen Anschlag auf die Maschine wurden jedoch zurückgewiesen.

Im Laufe der Zeit waren diese Theorien immer abenteuerlicher geworden. Sie reichen vom künstlich erzeugten Nebel über Laserstrahlen bis zu Sprengstoff, der sich an Bord befunden haben und kurz vor der Landung gezündet worden sein soll. Für zusätzliche Zweifel sorgte, dass das Wrack der Maschine bis heute nicht an Polen übergeben wurde und dass bei der Überführung der Toten einige Särge verwechselt worden waren.

Die von Jaroslaw Kaczynski, dem Zwillingsbruder des früheren Präsidenten geführte Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) warf der früheren Regierung bis zum Exzess vor, polnische Interessen verraten zu haben und mit den Russen unter einer Decke zu stecken. Antoni Macierewicz, der schon aus der Opposition heraus eine Untersuchungsgruppe gegründet hatte, tat sich dabei besonders hervor. Der frühere Außenminister Radoslaw Sikorski bezeichnete ihn als "Hysteriker und Stümper, der Polen und Russen sowie unsere beiden Länder gegeneinander aufhetzt". In Erinnerung an das Datum des Unglücks finden bis heute am 10. Tag jedes Monats Demonstrationen vor dem Warschauer Präsidentenpalast statt.

Inzwischen ist Macierewicz Verteidigungsminister und die von ihm berufene Kommission angetreten, das von der PiS gegebene Versprechen einzulösen, der Katastrophe auf den Grund zu gehen. Der Fraktionschef der liberalen Bürgerplattform, Rafal Grupinski, bezeichnete diese Wendung als "bösen Traum".

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