"Wir sollten uns von Öl unabhängig machen "

Der niedrige Ölpreis wird als Waffe eingesetzt, verleitet zur Verschwendung und kann auf Dauer auch unsere Wirtschaft treffen. Das sagt Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in unserem Interview.

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Claudia Kemfert: Weiter in Nachhaltigkeit investieren.  Foto: 

Frau Professor Kemfert, die Ölpreisproduzenten liefern sich einen gnadenlosen Preiskrieg. Was ist der Hauptgrund dafür?
KEMFERT: Der niedrige Ölpreis ist politisch gewollt, Öl wird als Waffe eingesetzt. Es geht um Macht, Marktanteile, um Einfluss auf Preise und Gewinne. Auslöser des Preisverfalls ist der Ölboom in den USA, erzeugt durch die Technik des Frackings. Die Opec-Staaten und Russland haben ihre Förderung daraufhin nicht gedrosselt, sondern sie sogar noch hochgefahren - auch mit dem Ziel, die USA mit der teuren Fracking-Technik in die Knie zu zwingen. Das alles bei sinkender Nachfrage vor allem aus China.

Die Verbraucher freuen sich. Sie tanken und heizen billiger. Sie hingegen warnen, dass der niedrige Ölpreis gefährlich werden kann. Warum?
Die ölexportierenden Staaten erleiden alle herbe Einbußen - mit der Folge, dass sie wirtschaftlich stark angeschlagen sind. Die wirtschaftliche Stabilität ganzer Regionen steht auf dem Spiel. Das kann Exportnationen wie Deutschland empfindlich treffen - auch wenn wir als Ölimporteure zunächst vom niedrigen Ölpreis profitieren. 2015 haben Bürger und Unternehmen hierzulande zwölf Milliarden Euro Energiekosten gespart. Der niedrige Ölpreis ist aber eine Gefahr für die Energiewende.

Sie befürchten, dass der Innovationsdruck nachlässt?
Ja, der niedrige Ölpreis verleitet zu Verschwendung und lässt das Gefühl aufkommen, die Vorräte seien unendlich. Das kann dazu führen, dass der Umstieg auf nachhaltige Mobilität, weg von Benzin und Diesel hin zu alternativen Antriebstechniken, und vor allem das Energiesparen selbst, etwa im Gebäudebereich, verschoben werden. Wer aber nötige Investitionen in neue, klimaschonende Technik zurückstellt, verspielt wirtschaftliche Chancen der Zukunft.

Wie kann die Politik gegensteuern?
Da wir das Spiel um Macht und Öl nicht beeinflussen können, sollten wir uns konsequent unabhängig davon machen. Die Politik muss antizyklisch handeln, also trotz des niedrigen Ölpreises in Nachhaltigkeit investieren. Mehr noch: Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um verkehrte Förderpolitik abzubauen - etwa die Dieselsubventionierung mit mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Geld kann in die Entwicklung zukunftsfähiger Technologien gesteckt werden.

Wie lange bleibt der Ölpreis niedrig?
Viel hängt davon ab, ob die USA weiter so viel Öl mittels Fracking fördern. Ich vermute, dass die Produktion zurückgehen wird, weil das Verfahren ein sehr teures ist. Relativ unwahrscheinlich ist auch, dass Russland und die Opec-Länder auf Dauer hohe Mengen für derart wenig Geld auf den Markt bringen. Weil aber inzwischen die Spekulation mit Öl an den Märkten eine zentrale Rolle spielt, kann sich der Ölpreis in alle Richtungen entwickeln.

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