"Wir sind Spielball der Politik"

48 Stunden Zittern um die Zukunft der Schlecker-Beschäftigten. Die 52 Mitglieder des Gesamtbetriebsrats bangten in Ulm. Bis zuletzt hofften sie auf eine Auffanggesellschaft und eine berufliche Perspektive.

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Bis zum Schluss gekämpft: Schlecker-Betriebsratchefin Christel Hoffmann.

Mit trotzigen Gesichtern, Protestplakaten und Trillerpfeifen zogen 52 Gesamtbetriebsräte von Schlecker gestern über die Donaubrücke ins bayerische Neu-Ulm, auch wenn ihnen eher zum Heulen zumute war: Drei Tage haben die Schlecker-Frauen im Ulmer Maritimhotel um den Interessenausgleich gerungen und noch einmal die Listen mit tausenden Mitarbeitern durchforstet. Die Aufmerksamkeit galt aber auch der Stuttgarter Verhandlungsrunde, in der die Bundesländer um Garantien für eine Transfergesellschaft rangen. Am Ende vergebens.

Gestern, nach tagelangem Nervenkrieg, waren die Frauen fertig - physisch und mental. Als die Listen mit den 11 000 Namen derjenigen, die in den nächsten Tagen ihre Kündigung erhalten, besiegelt werden, musste Betriebsseelsorger Alfons Forster eine der Betriebsrätinnen an die frische Luft begleiten. Sie erlitt einen Weinkrampf.

Aus ganz Deutschland waren die Betriebsrätinnen nach Ulm gereist, um an dieser Sitzung teilzunehmen. Es war so etwas wie das letzte Treffen in dieser Runde. Die letzten Wochen seien ihr vorgekommen wie ein Dreivierteljahr, sagt die Berliner Betriebsrätin Katrin Wegener. Sie fühle sich um zehn Jahre gealtert.

Es war klar: Am Ende dieser Tagung kommt die Stunde der Wahrheit: Entweder müssen 11 000 Kündigungen ausgestellt werden oder die meisten dieser 11 000 Schleckermitarbeiter können in eine Transfergesellschaft wechseln, in der sie fit gemacht werden sollen für einen anderen Arbeitsplatz in der Wirtschaft.

"Es ist so emotional, da steckt ja unser Herzblut drin. Wir haben die Läden mit aufgebaut und können es nicht verstehen, dass es soweit gekommen ist", sagt Birgit Gericke. Die Betriebsrätin aus Zerbst in Sachsen-Anhalt ist seit 20 Jahren im Unternehmen. "Wir haben alle immer voll hinter Schlecker gestanden. Es ist schade, dass die Politik keine Einsicht hat." Sorgen macht sie sich vor allem um die älteren Mitarbeiterinnen der Belegschaft. Viele von ihnen seien um die 50. "Auf dem Arbeitsmarkt sind sie nicht zu vermitteln", sagt Gericke.

Besonders schwer ist die Situation für Christel Hoffmann. "Wir sind absolut wütend, enttäuscht und verletzt. Ich habe keine anderen Worte dafür", sagt die Gesamtbetriebsratsvorsitzende, der die Niedergeschlagenheit deutlich anzumerken ist. Für alles gebe es in dieser Republik einen Rettungsschirm, auch ein Ehrensold werde ausbezahlt. "Aber es gibt kein Geld für die Frauen von Schlecker."

Bis zum Schluss haben sie sich an die Hoffnung geklammert: "Nils Schmid hat mir einen persönlichen Brief geschrieben und versprochen, dass Baden-Württemberg nicht untätig bleibt und dass die Transfergesellschaft zustande kommt, betont Hoffmann. Nicht nachvollziehen könne sie das Verhalten der FDP. "Haben die denn vergessen, dass die nächste Bundestagswahl kommt?"

"Die Nachrichten aus Stuttgart werden immer schlechter", gab Verdi-Gewerkschafter Bernhard Franke am Morgen den Zwischenstand an die Betriebsrätinnen weiter. Das blieb nicht ohne Folgen: "Wir sind stinksauer auf die Politiker, die nichts auf die Reihe kriegen und kriegen wollen." Sie habe kein gutes Gefühl, sagt die Duisburger Betriebsrätin Regine Liebich. "Wir sind Spielball der Politik".

Um 14.39 Uhr dann die endgültig Entscheidung: Bayern will sich nicht an der Transfergesellschaft beteiligen. Vielen Frauen steigen die Tränen in die Augen. Sie hatten umsonst gezittert und gebangt. Die Wut richtete sich vor allem gegen die FDP und deren Bundesvorsitzenden Philipp Rösler, der schon zuvor verkündet hatte, dass die Bundesagentur für Arbeit die richtige Anlaufstelle für die Schlecker-Frauen sei. "Es ist unerträglich, dass sich diese Politiker auf dem Rücken der Schlecker-Frauen profilieren wollen", schimpfte Verdi-Vertreter Bernhard Franke. Zu diesem Zeitpunkt war alle Hoffnung gewichen.

"Die Schlecker-Frauen werden zwei Mal Opfer: Erst vom unfähigen Unternehmer, jetzt von kaltschnäuzigen FDP-Politikern", sagte Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier.

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Die Schlecker-Pleite

2012 meldete Schlecker, Europas ehemals größte Drogeriemarktkette, Insolvenz an. Damals hatte Schlecker noch 7000 Filialen und etwa 30.000 Mitarbeiter.

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