"Wie in einem kleinen Dorf"

Die Münchner Genossenschaft Wogeno schafft mitten in der teuersten deutschen Stadt bezahlbaren Wohnraum. Aber es geht um mehr: Auch der Solidaritätsgedanke und ökologische Aspekte gehören zum Konzept.

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  • Das Wogeno-Haus in der Johann-Fichte-Straße in München: 30 Parteien leben hier unter einem Dach. Das Konzept ist so begehrt, dass die Genossenschaft auf inzwischen 2000 Mitglieder angewachsen ist. Fotos: Wogeno 1/2
    Das Wogeno-Haus in der Johann-Fichte-Straße in München: 30 Parteien leben hier unter einem Dach. Das Konzept ist so begehrt, dass die Genossenschaft auf inzwischen 2000 Mitglieder angewachsen ist. Fotos: Wogeno
  • Der Hof kann von allen Bewohnern genutzt werden. Er bietet auch Platz für ein großes Hausfest - wie dieses bei der Einweihung. 2/2
    Der Hof kann von allen Bewohnern genutzt werden. Er bietet auch Platz für ein großes Hausfest - wie dieses bei der Einweihung.
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Vier Zimmer, vier Personen, 86 Quadratmeter. Andere würden womöglich sagen: die Familie Kremer wohnt ganz schön beengt. Aber gut, München ist teuer. Diese Stadt, die sich gerne damit rühmt, deutsche Hitlisten anzuführen, ist eben auch Spitzenreiter bei den Mieten. Bei über 13 Euro liegt der durchschnittliche Quadratmeterpreis, in Schwabing, wo die Kremers wohnen, sind es laut Mietspiegel sogar mehr als 16 Euro. Nun ist der Preis allein nicht der Grund, warum sich die Familie in der Johann-Fichte-Straße mit vergleichsweise wenigen Quadratmetern begnügt. Die Nummer zwölf ist ein ganz besonderes Haus, vor zwölf Jahren erbaut von der Wogeno, einer Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, auf dem zunehmend von Existenzkämpfen geprägten Wohnungsmarkt neue Zeichen zu setzen und solidarische Alternativen zu bieten. Für die Johann-Fichte-Straße heißt das: sparsamer Umgang mit Wohnflächen, ressourcenschonende Bauweise, Nutzung von Sonnenenergie und Brauchwasser, Carsharing und gemeinschaftliche Einrichtungen.

Für die Kremers und die anderen 29 Parteien, die hier unter einem Dach leben, heißt das: Der eigene Wohnraum endet nicht an der eigenen Wohnungstür. Es gibt einen Gemeinschaftsraum im Tiefgeschoss - den "Tobekeller", wie Thomas Kremer ihn nennt, wo allerdings nicht nur Kinder spielen, sondern sich auch die Älteren etwa zum Tischtennis treffen. Dann gibt es den Hof, die Dachterrasse und sogar ein Gästeappartement mit kleinem Bad und Küchenzeile, das von jedem Hausbewohner für zwölf Euro pro Person und Nacht gemietet werden kann. "Wenn die Schwiegereltern zu Besuch kommen, ist das also auch kein Platzproblem", sagt der Familienvater.

Es sei vor allem aber die besondere Atmosphäre dieses Hauses, warum sich die Kremers hier so wohl fühlen. "Diejenigen, die einziehen, sind meist stark am Gemeinschaftsleben interessiert", sagt Kremer. Einen Hausmeisterdienst gibt es nicht, die Arbeiten werden auf die Bewohner aufgeteilt und mit den Betriebskosten verrechnet. Es besteht daher keine Pflicht zum Putzen - wer es übernimmt, bekommt es allerdings vergütet. Dafür aber gibt es ungewöhnliche Angebote einer Hausgemeinschaft: einen Leseklub und wöchentliche Yoga-Abende, zudem ein Nachbarschaftsnetzwerk für gegenseitige Hilfe. Man kennt sich auch dadurch untereinander. Kremer findet: "Es ist ein bisschen wie in einem kleinen Dorf, in dem man sich auf dem Dorfplatz trifft."

Als sich die Wogeno 1993 gründete, wollten die zehn Initiatoren die Genossenschaftsidee wiederbeleben und strebten anders als die alten Genossenschaften, die überwiegend Bestandpflege betreiben, auch Neubauten an, bei denen die zukünftigen Bewohner in der Planung mitwirken können. 1500 Euro Einlage zahlt, wer Mitglied werden will, zudem 70 Euro Beitrittsgeld. Schnell fanden sich rund 200 Mitglieder, heute ist die Wogeno bei gut 2000 angelangt. Seit zwei Jahren sei der Zulauf enorm, sagt Kremer, der auch einer von drei Vorstandsmitgliedern der Genossenschaft ist. Es sei so schwierig geworden, in München eine Wohnung zu finden, dass allein 300 Leute eingetreten seien, die in den nächsten zwei Jahren eine Wohnung suchten. Anders als bei anderen Genossenschaften wird jeder aufgenommen, man muss weder bezeugen, dass man von der Idee überzeugt ist noch richtet sich die Anzahl der Mitglieder nach dem Wohnungsbestand.

Den Genossenschaftsgedanken der stabilen Mieten und dem Recht auf lebenslanges Wohnen will die Wogeno erhalten, deshalb gibt es keine Möglichkeit, die Wohnungen zu kaufen. Sie bleiben im Besitz der Genossenschaft. Ihr erstes Haus kaufte die Wogeno vor 15 Jahren in der Agnesstraße, ebenfalls in Schwabing. Die Hausgemeinschaft des Altbaus hatte sich zuvor jahrelang gegen die Übernahme durch Spekulanten gewehrt. Heute zahlen die Bewohner Mieten zwischen acht und 9,50 Euro pro Quadratmeter. 14 Objekte mit 300 Wohneinheiten besitzt die Wogeno inzwischen, ein Drittel davon sind Neubauten.

Wird eine Wohnung frei, können sich die Mitglieder bewerben, dabei gilt: ein Zimmer pro Person plus ein Zusatzraum. "Ein Pärchen bekommt bei uns keine Fünfzimmerwohnung", erläutert Kramer das Konzept. Die Vergabe richte sich zudem nach der Wartezeit, der sozialen Dringlichkeit, der Nähe des Arbeitsplatzes, der Verwurzelung im Stadtviertel und dem Kontakt zur Hausgemeinschaft. Jeder Bewerber erhält ein Protokoll, in dem festgehalten ist, warum, wer die Wohnung bekommen hat. "Wir legen großen Wert auf Transparenz", betont Kremer. Die Genossenschaft besitzt sowohl Sozialwohnungen als auch geförderte und frei finanzierte Wohnungen. Ungewöhnlich: In manchen Objekten existieren alle drei Formen unter einem Dach.

Altbauten kauft die Wogeno momentan keine mehr. Obwohl derzeit Höchstpreise erzielt würden, verkaufe kaum einer in München seine Immobilie, sagt Kramer. "Und wenn, dann können wir das nicht mehr bezahlen." Daher setzt die Genossenschaft nunmehr auf Neubau. Jahrelang hatte es keine Flächen gegeben, doch mit dem Förderprogramm "Wohnen in München V" stärkt die Stadt jetzt die Genossenschaften, indem sie bis zum Jahr 2016 zwischen 20 und 40 Prozent der Grundstücke für sie und andere Baugruppen vorsieht. Bis 2014 will die Wogeno so 150 neue Wohnungen schaffen, bis 2016 nochmals 100. Darunter ein Mehrgenerationenhaus in Gern, das gemeinsam mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewofag gebaut wird: 60 Prozent der Wohnungen sind als Ein- und Zweizimmer-Appartements für Senioren gedacht, die größeren Wohnungen vor allem für Familien. Umgesetzt wird auch dieses Projekt im Sinne der Genossenschaft, die weiß: Das Modell kann nur funktionieren, wenn die künftigen Bewohner von Anfang an bei den Planungen dabei sind.

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