Manipulation von Statistiken: „Tricksereien mit Zahlen gibt es überall“

Mit Statistiken lässt sich alles beweisen – und das Gegenteil, sagt Gerd Bosbach. Umso wichtiger, die Kniffe zu kennen, die nicht nur Politiker beherrschen.

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Gerd Bosbach (63) lehrt Statistik und Empirie an der Hochschule Koblenz. Er arbeitete mehrere Jahre im Statistischen Bundesamt. Gemeinsam mit dem studierten Politologen und Werbetexter Jens Jürgen Korff veröffentlichte er nach „Lügen mit Zahlen“ jetzt das Buch „Die Zahlentrickser“ (Heyne-Verlag).  Foto: 

Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten. Diesen Satz des 2003 verstorbenen ehemaligen demokratischen US-Senators Daniel Patrick Moynihan zitiert Gerd Bosbach besonders gern. Eine Mahnung, vor allem auch in den Zeiten des Wahlkampfs, redlich zu bleiben. Der Koblenzer Statistik-Professor will Populisten und anderen Vereinfachern, die versuchen, mit Zahlen zu tricksen und zu täuschen, das Leben schwer machen. Sein Rat: „Genau zuhören, genau hinschauen und stets kritisch hinterfragen, was Zahlen als vermeintlich objektive Größe zu belegen scheinen.“ Das gilt letztlich für alle Lebenslagen. Politiker, Wirtschaftsleute und Lobbyisten beherrschten die Kunst der Manipulation zwar am besten. Letztlich  aber gelte: Es wird überall getrickst.

Herr Bosbach, man muss nicht lange in Ihrem neuen Buch „Die Zahlentrickser“ lesen, um mit der irritierenden Botschaft konfrontiert zu werden, dass wir Deutschen, anders als gedacht, gar nicht die Zahlmeister der EU sind. Wie kann das sein?
Gerd Bosbach:
Nehmen wir das Beispiel des Eurorettungsschirms. Betrachtet man die absoluten Beträge, zahlen wir am meisten ein. Setzen wir die Zahlungen in Relation zur Bevölkerungsgröße, dann liegen die Luxemburger ganz vorn, gefolgt von den Iren und Niederländern. Deutschland  findet sich erst auf Platz 4. Jetzt allerdings könnte man fragen: Ist die Bezugszahl die richtige?

Sie zweifeln daran?
Man könnte auch die Wirtschaftsleistung der Staaten heranziehen. Frei nach der Idee: Wer mehr erwirtschaftet, weil er besonders von der EU profitiert, kann auch mehr schultern, also mehr zahlen. Rechnen wir so, belegen wir nur noch Platz 12. Bleibt noch die Frage: Von wie vielen Plätzen?

Man könnte meinen von 28, weil die EU so viele Mitglieder zählt.
Stimmt aber nicht, weil hier nur die
19 Euroländer einzahlen. Platz 12 von 19 klingt schon nicht mehr so gut, oder?

Aber tricksen Sie nicht auch, wenn Sie nur die Zahlungen in den Eurorettungsschirm untersuchen?
Natürlich gibt es noch andere EU-Töpfe, in welche die Mitglieder einzahlen. Aber dann wird es richtig kompliziert, dann müssen Sie auch die Auszahlungen gegenrechnen plus den wirtschaftlichen Nutzen, den das jeweilige Land aus der EU zieht. Das ist kaum zu stemmen.

Das Jonglieren mit Zahlen macht Ihnen Spaß, stimmt’s?
Ja, vor allem zeige ich gerne, wie Zahlen benutzt werden, um bestimmte Effekte zu erzielen. Diese
Effekte sollen in der Regel einen Zweck erfüllen, sollen etwas verschleiern, schöner aussehen lassen, als es ist, oder als Begründung für bestimmte Forderungen herhalten.

Wer trickst am häufigsten?
Es wird überall getrickst. Allerdings beherrschen Politiker, Wirtschaftsleute und Lobbyisten das Spiel besonders gut. Sie tun so, als würden sie gar nicht ihre persönliche Meinung vertreten, sondern sich von einem Sachzwang leiten lassen. Aber Achtung: Viele Politiker nennen auch belastbare Zahlen. Alles Lüge, diese Parole sollten wir Populisten wie Trump und der AfD überlassen. Mein Anliegen ist es, Sensibilität für die Problematik der Manipulation zu wecken.

Warum sind Zahlentricksereien so schwer zu durchschauen?
Wir zweifeln Zahlen als objektive Größen nicht an, dabei lässt sich mit ihnen alles beweisen – und das Gegenteil davon. Da gilt es, jedes Mal kritisch nachzuforschen, ob sich nicht noch anderes Material findet. Ganz genau hinschauen sollte man auch bei der Interpretation von Zahlen, die man so oder anders deuten kann.

Zum Beispiel?
Nehmen Sie die Demographie: Wofür die nicht alles herhalten muss. Da heißt es etwa, die alternde Gesellschaft führe dazu, dass es zu wenige Ärzte gebe, so als ob es sich hier um ein demographisches Problem handele.

Und dem widersprechen Sie?
Ja, Tatsache ist: Wir haben einen hohen Numerus Clausus, nur ein kleiner Teil  der jungen Leute, die Medizin studieren wollen, kann das auch tun. Der wahre Grund ist, dass der Staat  kein Geld für zusätzliche Medizinstudienplätze ausgeben will. Im  Zweifel ist ihm die schwarze Null wichtiger. Umso ärgerlicher, dass nebenbei auch noch der Eindruck entsteht, die alternde Gesellschaft sei ein Problem an sich.  Dabei sind es weltweit gesehen die Länder mit überproportional vielen jungen Leuten, die als arme Länder gelten und deren Probleme weitaus existenzieller sind als unsere.

Bekannt geworden sind Sie mit Ihrer These, dass die tatsächliche Arbeitslosigkeit in unserem Land viel höher liegt, als die Politik uns das glauben machen will.
Ja, denn die Vorgaben zur Erfassung der Arbeitslosenstatistik sind in den vergangenen 20 Jahren immer wieder verändert worden – in der Regel so, dass Menschen ohne Job aus der Statistik herausfallen, etwa weil sie über 58 Jahre alt sind, als unversorgte Lehrstellenbewerber einen Schulplatz annehmen müssen oder in geförderter Fortbildung nicht als arbeitssuchend gelten. So steht die Politik besser da und kann sich einer effektiven Arbeitsmarktpolitik entziehen.

Warum halten Sie Langzeitprognosen für unsinnig?
Weil sie oft genug moderne Kaffeesatzleserei sind. Lassen Sie uns nur 30 Jahre zurückgehen: Damals regierte Helmut Kohl, und wir konnten nicht ahnen, was alles geschehen sollte: der Mauerfall, die Auflösung des Ostblocks, Kriege im Irak, in Libyen und Syrien mit all den Folgen für uns, aber auch Google, Wikipedia, Facebook, WhatsApp, die ganze Digitalisierung und vieles mehr. Wer heute behauptet, er könne prognostizieren, was in
50 Jahren ist, der lügt.

Welche Rolle spielt die Demoskopie beim Jonglieren mit Zahlen?
Eine wichtige, deshalb sollte man wissen, dass dabei vieles von der Art der Frage, den Antwortoptionen und der Gesprächsatmosphäre abhängt. Frage ich Sie, wie Ihr jüngster Urlaub war, und bitte dann um eine Bewertung von Martin Schulz oder Angela Merkel, werden Sie die beiden in milderem  Licht betrachten, als wenn ich Sie vorher nach Ungerechtigkeiten im Job frage. Schindluder wird auch bei der Interpretation von Ergebnissen getrieben, und daran ist leider mancher Journalist nicht unbeteiligt.

Wir bitten um Fakten.
Es gab mal die Meldung: Merkels Griechenland-Politik gefällt vielen Grünen-Anhängern.

Und das war nicht so?
Die einzige Alternativantwort war ein Hinauswurf Griechenlands aus dem Euro. Aber keine Sorge, nicht nur andere machen Fehler, sondern ab und zu auch wir Statistik-Experten.

Bleibt die Frage: Welche Interessen vertreten Sie?
Ich bin ein gewerkschaftlich aktiver Mensch  ohne Parteizugehörigkeit, der eine gute Sozialpolitik für wichtig hält. Das hindert mich nicht daran, meinen Job korrekt zu machen. Aber natürlich habe auch ich schon getrickst.

Details, bitte.
Ich habe eine Fünf in Englisch eine Woche vor meinen Eltern geheim gehalten, weil ich wusste, dass sie bald Weihnachtseinkäufe machen wollten, habe also ein Zahlen­ergebnis bewusst verschwiegen. Mit Erfolg: Ich wurde nicht bestraft, sondern reich beschenkt.

Alles eine Frage der Definition
Über Generationengerechtigkeit lässt sich trefflich streiten. Doch wo endet das Jungsein, und wann beginnt das Alter? Wer hierzulande schon heute eine „Herrschaft der Alten“ unter den Wahlberechtigten konstruieren will, müsste die Grenze zum Altsein laut Autorenteam Bosbach/Korff  bei knapp über 50 Jahren ansetzen. Hinterfragen kann man auch manche Definition von Armut und Reichtum.

Fragwürdige Rankings
Keine Frage: Ranglisten machen neugierig, sind unterhaltsam und sind dennoch mit Vorsicht zu genießen. Wer ist am fleißigsten? Hier liegen die Deutschen 2015 im Mittelfeld der 35 OECD-Staaten, allerdings nur, wenn man allein die Wochenarbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten misst. Berücksichtigt man die Feiertage und errechnet den Durchschnitt aller jährlich geleisteten Arbeitsstunden (auch Teilzeit), liegen wir auf dem letzten Platz. Dass der Sieger nun ausgerechnet Mexiko heißt, kann man glauben – oder auch nicht.

Zweifelhafte Grafik
Häufig genutzt wird der y-Achsen-Trick. Lässt man die senkrechte Achse eines Diagramms nicht bei Null beginnen, sondern deutlich darüber, kann eine Entwicklung dramatischer aussehen, als sie es tatsächlich ist.

Absolut ohne Wert
Wenig Aussagekraft haben absolute Zahlen ohne Bezug. Rühmt sich eine Landesregierung, 500 neue Lehrer eingestellt zu haben, muss die Frage lauten: Für wie viele Schulen? Für 5000? In diesem Fall erhält jede zehnte Schule einen einzigen neuen Lehrer, die übrigen neun gehen leer aus. Wirklich ein Ruhmesblatt?  Ein anderer Trick:  Nur den Ausschnitt hervorheben, der zur eigenen Weltsicht passt. Wenn 42 Prozent der Hartz-IV-Empfänger keinen Berufsabschluss haben, könnte man meinen: Selbst Schuld. Dabei heißt das auch: 58 Prozent haben einen Abschluss – und sind dennoch arbeitslos.      

Irreführende Kausalitäten
Hier geht es um das Ursache-Wirkung-Prinzip: Kinder, die Sport treiben, so die scheinbare Gewissheit, sind erfolgreicher in der Schule als andere. Oder sind sie einfach cleverer und erkennen deshalb die Bedeutung ausreichender Bewegung? Oder könnte es sogar sein, dass sie einen „Heimvorteil“ haben, weil ihre Eltern sie insgesamt besser fördern?

Keine runde Sache
Auf den ersten Blick scheint alles klar: 81 Prozent der Bundesbürger haben sich wegen der Zeitumstellung schon mal schlapp gefühlt. Doch das Kreisdiagramm zeigt nur einen Ausschnitt der Thematik und bildet ausschließlich jene Gruppe ab, die überhaupt schon einmal gesundheitliche Probleme mit der „geklauten Stunde“ hatte. 71 Prozent aller Befragten stecken sie nämlich gut weg. Unter dem Strich finden sich also unter allen Befragten nur schlappe 23 Prozent.   

Alle Beispiele entnommen aus „Die Zahlentrickser“ von Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff

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