"Ohne zusätzliches Personal wird man nicht auskommen"

Die meisten behinderten Kinder machen in der Regelschule größere Fortschritte als in der Förderschule. Deshalb hält Bildungsforscher Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen die Inklusion für eine gute Sache.

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Klaus Klemm: Wichtig ist, die Lehrer gut vorzubereiten. Foto: Universität Duisburg-Essen

Herr Professor Klemm, Sie haben in einer Studie für die Bertelsmann-Stiftung den Stand der Inklusion in Deutschland untersucht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

KLEMM: Seit Deutschland vor fünf Jahren der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten ist, gibt es eine rasante Beschleunigung der Inklusion. 28 Prozent aller behinderten Kinder werden inzwischen in Regelschulklassen unterrichtet. Das ist ein beachtlicher Anteil. Allerdings gibt es von Bundesland zu Bundesland große Unterschiede.

Wer liegt ganz vorne, wer hinten?

KLEMM: Der Spitzenreiter unter den Flächenstaaten ist Schleswig-Holstein mit 57,5 Prozent. Schlusslicht ist Niedersachsen mit 14,7 Prozent. Baden-Württemberg liegt mit knapp 28 Prozent im Bundesschnitt, Bayern mit 24,8 etwas darunter. Festzuhalten ist auch, dass man vielfach nur von Integration statt von Inklusion sprechen kann.

Was meinen Sie damit?

KLEMM: Das heißt, dass die behinderten Kinder im Unterricht mit einbezogen werden, ohne dass im Kern die Pädagogik in der Klasse geändert wird. Bei der Inklusion hingegen besteht der Anspruch, dass der Unterricht in hohem Maße individualisiert stattfindet, dass also das leistungsstarke Kind ebenso gefördert wird wie das behinderte. Ich halte die gemeinsame Erziehung unter den gegebenen Umständen dennoch für sinnvoll. Aber es bleibt noch einiges zu tun.

Woher rühren die Unterschiede im Ländervergleich?

KLEMM: Es hängt vor allem davon ab, wie aufgeschlossen die Landesregierungen gegenüber Neuerungen sind - ob sie lange an einem System der Auslese festgehalten haben und das heute noch tun oder ob sie sich dem Modell des gemeinsamen Lernens früh geöffnet haben.

Was muss Maßstab der Inklusion sein?

KLEMM: Das Wohl des Kindes und der Wille der Eltern. Für den Fall Henri heißt das: Dem Kind muss laut UN-Konvention ein Platz in einer Regelschule gegeben werden, weil seine Eltern das wollen. Dabei besteht kein Anspruch auf eine bestimmte Schulart wie etwa das Gymnasium. Henri wird in einer gut ausgestatteten Gemeinschaftsschule, wenn diese in seinem Wohngebiet läge, vermutlich am besten zurechtkommen. Alle Studien zum Lernerfolg zeigen, dass die Mehrheit der behinderten Kinder in der Regelschule größere Fortschritte macht als in der Förderschule - und öfter einen Schulabschluss erreicht, der berufliche Perspektiven eröffnet.

Welche Voraussetzungen braucht Inklusion, damit sie gelingt?

KLEMM: Wichtig ist, dass die Lehrkräfte der allgemeinen Schulen, aber auch die mitarbeitenden Sonderschulpädagogen gut auf die Inklusion vorbereitet werden. Ohne zusätzliches Personal wird man nicht auskommen, das betrifft sowohl die Lehrerversorgung als auch Assistenten, die etwa körperlich behinderte Kinder unterstützen. Das alles verursacht bundesweit Zusatzkosten von rund 700 Millionen Euro pro Jahr.

Nun gibt es nicht wenige Stimmen, die meinen: Nicht jedes Kind ist für den Unterricht an einer Regelschule geeignet. Sehen Sie das auch so?

KLEMM: Auch die Staaten, die mit der Inklusion weiter sind als Deutschland, haben eine Gruppe von rund 20 Prozent der behinderten Schüler, für die Inklusion nicht der beste Weg ist. Das sind meist mehrfach behinderte Kinder, die etwa nicht sprechen, nicht hören und sich nicht kontrolliert bewegen können. Daher kann man auch nicht sagen, dass nun alle Förderschulen aufgelöst werden sollten.

Warum gibt es mancherorts so heftige Gegenwehr gegen die Inklusion?

KLEMM: Dahinter steht die Befürchtung, dass leistungsstarke Kinder ausgebremst werden könnten, was bei einer funktionierenden Inklusion nicht der Fall sein darf. Übersehen wird häufig, dass die nichtbehinderten Kinder in hohem Maß soziale Kompetenzen erwerben, die ihnen ihr Leben lang von Nutzen sein werden. Bezeichnend ist, dass in den Gegenden, in denen es viel Inklusion gibt, die Akzeptanz und der Zulauf zu diesen Schulen höher ist als dort, wo man die Inklusion zumeist nur vom Hörensagen kennt.

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