"Nur eine Minute"

Für die einen ist es längst Geschichte, für die anderen bleibt es ein Trauma. Das IOC kanzelte die Witwen der ermordeten Israelis in London ab.

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Schon im Vorfeld der diesjährigen Olympischen Spiele in London, die 40 Jahre nach dem Attentat von München stattfanden, bahnte sich ein heftiger Konflikt an: Das Internationale Olympische Komitee und dessen Präsident Jacques Rogge weigerten sich, den Witwen und Angehörigen der Ermordeten den seit Jahren geäußerten Wunsch nach einer Schweigeminute bei der Eröffnungsfeier zu erfüllen.

Bereits im April hatte der Vize- Außenminister Israels, Danny Ayalon, dem IOC-Präsidenten geschrieben: Es gehe nicht darum, Israel eine Sonderstellung einzuräumen, geschweige denn um Politik. Vielmehr sei das Attentat gegen die ganze internationale Gemeinschaft und gegen die olympische Idee der Brüderlichkeit gerichtet gewesen.

Vor allem, wie das IOC seine Ablehnung begründete, stieß in Israel auf Empörung. "Eine Gedenkminute hat bei einer fröhlichen Eröffnungsfeier keinen Platz", sagte Rogge und vergaß dabei wohl, dass er genau diese Zeremonie bei den Winterspielen 2010 in Vancouver abgehalten hatte. Damals war ein Mitglied des georgischen Teams beim Training verunglückt

Ayalon nannte die Ausführungen Rogges "inakzeptabel" und kam wie einige Witwen der Ermordeten zu dem Schluss, für Israel gälten offensichtlich, wie so oft, andere Maßstäbe. Aufgeben wollen der Politiker und die Frauen nicht. "Nur eine Minute" heißt ihre Kampagne, die erreichen soll, dass die Zeremonie bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro stattfindet. 110 000 Menschen haben bereits eine Petition unterschrieben, darunter US-Präsident Barack Obama.

Manche Israelis allerdings halten die Diskussion für aufgebauscht - vor allem die Jüngeren. "Es ist 40 Jahre her, wie lange soll man sich an etwas erinnern?", fragt etwa die 28-jährige Alona Cohen, die in einer Bar in Tel Aviv jobbt.

Andere wie Yoram Dori, Ex-Berater von Staatspräsident Schimon Peres, erinnerten in persönlichen Schilderungen an das Attentat in München. Er habe zu Beginn der Eröffnungsfeier in London den Bildschirm seines Fernsehers verdunkelt und an die getöteten Athleten gedacht: "Wie sie damals in ihren blau-weißen Sportkleidern fröhlich ins Münchner Stadion einmarschierten - und wie sie in elf Särgen vom Flughafen in Tel Aviv abgeholt wurden." Man könne das Attentat nicht von den Olympischen Spielen trennen: "Es gehört zu ihrer Geschichte."

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