"Mit den Waffen des Friedens"

Die Erwartungen an den zweiten Besuch eines Papstes im sozialistischen Kuba sind hoch. Staatschef Castro lehnt weitere Reformen ab, Oppositionelle landen im Gefängnis. Kann Benedikt XVI. Einfluss nehmen?

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Dieser Dissident wurde nach Parolen gegen Kommunismus und Diktatur unmittelbar vor Beginn der Papstmesse abgeführt. Foto: afp

Die Bischöfe wirken einsam und verlassen auf dem Rollfeld. Zusammen mit handverlesenen staatlichen Würdenträgern und einer kubanischen Ehrenformation bilden sie das Empfangskomitee für Benedikt XVI. in Santiago de Cuba. Das Volk der sozialistischen Republik bleibt bei dessen Ankunft in sicherem Abstand auf einer Dachterrasse des Flughafengebäudes. Die ohnehin gedämpften Sprechchöre sind auf dem Rollfeld kaum zu hören.

Umso lauter dafür fünf Geschütze, die 21 Salutschüsse abfeuern. Ihr Qualm verbreitet einen Geruch von faulen Eiern. Ein denkwürdiger Empfang, den eine der letzten Hochburgen des Marxismus dem Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche bereitet. "Ich komme als Pilger der Liebe", sagt Benedikt XVI. zur Begrüßung. Zu verstehen waren seine Worte allerdings kaum. Die Mikrofonanlage war auf das polternde Organ von Präsident Raúl Castro eingestellt.

Castro selbst dürfte das nicht unlieb gewesen sein, denn was der Papst zu sagen hatte, war wohl nicht unbedingt das, was er sich erhofft hatte. Benedikt XVI. sprach das Thema Menschenrechte schon zu Beginn seiner Reise an. Der Glaube ermutige zur Verteidigung und Förderung humaner Lebensbedingungen und der Grundrechte, sagte der Papst. Er komme mit den "verständlichen Erwartungen und berechtigten Hoffnungen" aller Kubaner im Herzen.

In seiner vom Staatsfernsehen übertragenen Begrüßungsrede erwähnte der Papst auch die Häftlinge auf Kuba und ihre Familienangehörigen. Und in fehlerfreiem Spanisch sagte er, Kuba sei in einem besonders wichtigen Moment seiner Geschichte und erblicke bereits das Morgen. Damit ging Benedikt XVI. über das hinaus, was sein Vorgänger Johannes Paul II. zu Beginn seiner historischen Kuba-Reise 1998 zu dem Thema gesagt hatte. Damals kam das Wort Menschenrechte nicht vor. Ein Treffen mit Dissidenten ist jedoch bei Benedikt XVI. ebenso wenig vorgesehen wie seinerzeit bei Johannes Paul II.

Castro wiederum nutzte seine Ansprache für eine Generalabrechnung mit dem Erzfeind Amerika und beklagte sich bitter über das Handelsembargo, unter dem sein Land seit rund 50 Jahren leidet. Lobende Worte fand er hingegen für das Verhältnis zur katholischen Kirche. Diese genieße auf Kuba vollständige Religionsfreiheit, sagte er. Anschließend nahm Castro - unangekündigt - an der ersten Messe des Papstes in Santiago de Cuba mit Zehntausenden Gläubigen teil - darunter auch Exilkubaner aus den USA, die Spezialvisa für den Papst-Besuch bekommen hatten. Dort rief der Papst zum Aufbau einer erneuerten und offenen Gesellschaft auf und appellierte er an die katholischen Gläubigen, sich "mit den Waffen des Friedens, der Vergebung und des Verständnisses" am politischen Leben zu beteiligen.

Ein offizielles Treffen mit Raúl Castro war gestern Abend (MEZ) im Palast der Revolution in Havanna geplant. Offen blieb, ob der Papst auch mit Raúls Bruder Fidel Castro zusammentreffen wird. "Im Programm nicht vorgesehen, aber durchaus möglich", lautete die Sprachregelung des Vatikan dazu.

Bis heute verweilt der Papst in Kuba. Die Erwartungen an den 48-stündigen, von mehreren hundert Journalisten beobachteten Aufenthalt waren hoch. Nach oben geschraubt wurden sie zuletzt noch durch Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, die Nummer zwei in der Hierarchie der katholischen Kirche. Dieser zeigte sich in einem Interview überzeugt, der Besuch Benedikts werde die Demokratisierung Kubas fördern. Mit Spannung wird nun verfolgt, ob sich der Papst explizit zu politischen Fragen äußert. Während seines Flugs nach Mexiko, wo er die vergangenen Tage verbrachte, hatte er den Marxismus in Kuba als nicht mehr zeitgemäß kritisiert und zur Suche nach "neuen Modellen" aufgerufen.

Der Papstbesuch fällt in eine Zeit wachsender politischer Spannungen im Karibikstaat Kuba. Präsident Castro hat zwar wirtschaftliche Reformen begonnen. Aber die Forderung, auch aus Kreisen der Kirche, nach weitergehenden Reformen lehnt er ab. Die kubanischen Sicherheitskräfte nahmen nach Oppositionsangaben in den vergangenen Tagen mehr als 150 Regierungsgegner fest. Zudem sollen Dissidenten am Verlassen ihrer Häuser gehindert worden sein, um nicht an Papstmessen teilnehmen zu können.

Rund 50 bis 60 Prozent der Kubaner sind katholisch getauft. Bis zum Besuch von Papst Johannes Paul II. 1998 litt die Kirche unter starken Einschränkungen der Religionsfreiheit. Die sozialistischen Revolutionäre von 1959 ließen Priester verfolgen und Kirchen schließen. Dabei hatte Fidel Castro selbst in seiner Jugend eine Jesuitenschule besucht. Wohl auch aufgrund des guten persönlichen Verhältnisses, das sich bei Gesprächen während des damals einwöchigen Papstbesuchs zwischen Castro und Johannes Paul entwickelte, lockerte die Regierung danach die Restriktionen. Die Kirche kann wieder soziale Einrichtungen wie Seniorenheime betreiben. Ihre Gläubigen dürfen in Prozessionen durch die Straßen ziehen und ihre Bischöfe, wenn auch beschränkt, in den Medien auftreten.

Zufrieden ist Nachfolger Benedikt XVI. mit der Entwicklung aber nicht. In seiner Begrüßungsansprache auf Kuba forderte er auch mehr Freiraum für die Kirche. Trotz vieler Verbesserungen gebe es "viele Bereiche, in denen es Fortschritte geben kann und muss".

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