"Istanbul United"

Jahrzehntelang haben sie ihre Feindschaft ausgelebt, nun führen die Proteste in Istanbul die Fans der drei großen Fußballklubs der Stadt zusammen. Der türkischen Polizei geht derweil das Tränengas aus.

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Fußballfans protestierten vereint mit: In diesem Fall ist es ein Fan des Vereins Fenerbahce Istanbul. Foto: dpa

Es ist eine ungewöhnliche Allianz, die sich in der Protestbewegung in Istanbul gebildet hat. Ein fast surreales Bild der Einheit, das selbst Einheimische überrascht. "Viele Fußballfans würden sich eher den Tod wünschen, als sich mit einer Fahne des Stadtrivalen zu zeigen", sagt Ismail Tipi und meint es so martialisch wie es klingt.

 Seit Ende Mai protestieren Fans der Istanbuler Großklubs Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas Seite an Seite mit den Gegnern des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan  gegen die geplante Bebauung des Gezi-Parks, der grünen Oase in Beyoglu. Sie nennen sich "Istanbul United".

Für Tipi, den integrationspolitischen Sprecher der CDU im hessischen Landtag und gebürtigen Türken, ist es ein Zeichen der Hoffnung. "Das hat Symbolcharakter. Die türkische Jugend hat gesehen, dass in Fragen der Meinungsfreiheit sogar die verfeindeten Fußballfans Arm in Arm gehen", sagt er.

Trotz Jahrzehnten innig gelebter Feindschaft versammeln sich die Fans nun unter einem Banner: Der Wappenumriss von Besiktas dient als Hintergrund, aus dem Schriftzug von Galatasaray wächst das Eichenblatt von Fenerbahce. Im Gezi-Park und auf dem angrenzenden Taksim-Platz war es vor der Räumung überall zu sehen, aber auch jetzt taucht es weiter auf.

Die Bilder vom Kampf um den Park gingen in der vergangenen Woche um die Welt: Demonstranten und Sicherheitskräfte stießen zusammen, Gummigeschosse und Tränengaskapseln flogen in Richtung der Protestler. Doch inzwischen gibt es eine neue Protestform. Immer mehr Menschen stehen stundenlang einfach nur still. Initiiert wurde dies von einem Choreographen. In der westanatolischen Stadt Eskisehir ging die Polizei allerdings auch gestern mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Demonstranten vor, wie Aktivisten berichteten.

Der Polizei geht unterdessen offenbar das Tränengas aus. Bei den Demonstrationen der vergangenen drei Wochen habe sie 130 000 Patronen mit Reizgas verschossen, berichtete eine türkische Zeitung. Es sei nun geplant, kurzfristig 100 000 Patronen Tränengas und Pfefferspray zu beschaffen, um die Bestände aufzufüllen. Zudem sollten 60 Wasserwerfer beschafft werden. Der massive Einsatz von Tränengas ist international als unverhältnismäßig kritisiert worden. Auch gibt es Vorwürfe, die Polizei habe gezielt auf kurze Distanz direkt auf Demonstranten geschossen und Tränengasgewehre damit praktisch wie scharfe Waffen eingesetzt.

Der Türkei-Experte und Islamwissenschaftler Udo Steinbach warnt derweil davor, dass eine Radikalisierung in der Türkei auch Deutschland mit seiner großen türkischen Gemeinschaft bedrohen könnte. Der innertürkische Konflikt spiegele sich unter den türkischstämmigen Menschen in Deutschland "eins zu eins" wider, sagte er der "Rheinischen Post". "Und das bedeutet auch: Wenn es in der Türkei gewalttätig wird, dann kann diese Gewalt auch ganz schnell Deutschland erreichen."

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