"Gewalt wie in einem Krieg"

Istanbul durchlitt mit der Räumung des Gezi-Parks eine Nacht der Gewalt. Demonstranten wurden bis in Hotels hinein von Polizisten gejagt. Sie wollen sich dennoch nicht in die Knie zwingen lassen.

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Angst vor Tränengas und Gummigeschossen: Menschen fliehen in Panik vor der Polizei, die in Istanbul mit aller Härte gegen Demonstranten vorging. Foto: afp

Tränengasgranaten explodieren. Die Polizei rückt mit Schild und Knüppel wie eine antike Legion in das Lager der Protestbewegung im Gezi-Park vor. Menschen fliehen in Panik. Sie retten sich in umliegende Luxus-Hotels, die ihre Türen auch für die zahlreichen Verletzten öffnen. Andere versuchen vergeblich auszuharren.

Nach Signalen der Entspannung hat Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit einem Großeinsatz der Polizei in Istanbul nun ganz auf Gewalt gesetzt. Sogar bis in die Hotels stellten Polizisten den Demonstranten nach, während in mehreren Stadtvierteln heftige Proteste beginnen. Die Polizei habe auch in den Eingang des Divan-Hotels Tränengas abgefeuert, berichteten Augenzeugen. Dort hatten Helfer eine provisorische Sanitätsstation eingerichtet. Eine Gruppe von Demonstranten, die den Hoteleingang zu schützen versuchte und die türkische Nationalhymne anstimmte, wurde von Polizisten umzingelt und attackiert.

Der Einsatz kam nicht überraschend - erst wenige Stunden zuvor hatte Erdogan gewarnt, wenn die Demonstranten ihr Protestlager nicht freiwillig räumten, wüssten die Sicherheitskräfte, "was zu tun ist". Aber die Brutalität, mit der die Polizei am Samstagabend gegen das Zeltlager sowie mehr als 10 000 friedliche Demonstranten vorging - unter ihnen viele Frauen, Kinder und alte Menschen - sorgte einmal mehr für Entsetzen. Augenzeugen sprechen von "Gewalt wie in einem Krieg". Kinder, die mit ihren Eltern zum Taksim-Platz gekommen waren und sie im Chaos des Polizeieinsatzes verloren hatte, irrten traumatisiert und weinend durch die Straßen. Demonstranten nahmen sich ihrer an, gaben Suchmeldungen über das Internet weiter.

Nach Angaben der Protestbewegung wurden beim Vorgehen der Polizei hunderte Demonstranten verletzt. Ärzte berichteten von schweren Kopfverletzungen, weil die Polizei offenbar wieder gezielt Tränengasgranaten direkt auf die Menschen abgefeuert habe. Andere Opfer sollen durch den Einsatz von Gummigeschossen ein Auge verloren haben. Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu sprach dagegen von einem reibungslosen Einsatz mit nur 29 Leichtverletzten.

Im Gezi-Park hatten die Proteste vor 18 Tagen begonnen. Sie richteten sich zunächst gegen Pläne von Ministerpräsident Erdogan, den beliebten Park, eine der letzten grünen Oasen der Metropole, zu bebauen. Als die Polizei vor zwei Wochen den Park zum ersten Mal mit einem massiven Einsatz räumte, breiteten sich die Proteste über das ganze Land aus und richteten sich zunehmend gegen Erdogan und seinen als autoritär empfundenen Regierungsstil sowie die Bestrebungen der Regierungspartei, der Gesellschaft einen islamischen Lebensstil aufzuzwingen.

Der Premier war vergangene Woche zwar den Demonstranten entgegengekommen und hatte versprochen, die Bevölkerung dürfe in einer Volksabstimmung über das Bauprojekt entscheiden. Dennoch wichen die Besetzer nicht aus dem Park. Für gestern Abend plante die islamisch-konservative Regierungspartei AKP in Istanbul eine Massenkundgebung unter dem Motto "Respektiert den nationalen Willen". Bis dahin müsse der Park geräumt sein, freiwillig oder durch die Polizei, hatte Erdogan am Tag zuvor bei einer Kundgebung in Ankara gewarnt.

In Istanbul regiert nach dem Einsatz die Wut. "Damit hat Erdogan Öl ins Feuer gegossen", schrie eine junge Frau in der Nacht 50 Meter vor der Polizeiabsperrung am Taksim-Platz. Zehntausende demonstrierten wütend gegen die Räumung des Protestlagers. "Das ist nur der Anfang. Wir lassen uns jetzt keine Angst mehr machen", sagte die Frau.

Gestern war der Taksim-Platz von starken Polizeikräften abgeriegelt. Die Protestbewegung rief dennoch zu neuen Demonstrationen auf. Städtische Arbeiter begannen, am Denkmal der Republik in der Mitte des Platzes Blumen zu pflanzen. Wer sich an ihnen erfreuen soll, blieb aber unklar. Denn der türkische Europaminister Egemen Bagis rief Bürger und Touristen auf, sich vom Taksim-Platz fernzuhalten. Jeder, der den Platz betrete, werde "von nun an seitens des Staates als Sympathisant oder Unterstützer einer Terrororganisation angesehen", sagte Egemen laut der Zeitung "Hürriyet Daily News" in einem Fernsehinterview.

Der Minister warf zugleich den ausländischen Medien vor, sie hätten die Proteste "übertrieben" dargestellt. Bagis beschuldigte Sender wie die britische BBC und den US-Nachrichtenkanal CNN, hinter den "stundenlangen Übertragungen" der Ereignisse in der Türkei stünden finanzielle Interessen, die man "aufdecken" werde: Die "Zinslobby" habe durch Zinssenkungen in der Türkei mehr als 650 Milliarden Dollar verloren. "Das macht sie verrückt, und sie setzen deshalb alles daran, den Frieden in unserem Land zu stören und ihre Verluste zurückzugewinnen", wurde der Minister zitiert.

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