"Freier behaupten, die Krankheit ist in den Kondomen"

In Tansania sterben jedes Jahr rund 84 000 Menschen an Aids. Der Staat und Organisationen versuchen, die Krankheit zurückzudrängen. Mit Erfolg.

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Die 23-jährige Prostituierte Hawa lässt sich auf HIV testen. Foto: Mia Collis

"Ich bin nicht nervös", sagt Hawa. Ihre zitternden Finger verraten, dass sie lügt. Mit 15 weiteren Frauen steht sie in einem Slum der Hafenstadt Dar es Salaam vor einem Zelt und wartet. Die brütend heiße Luft steht, es stinkt nach Urin, irgendwo schreit ein Baby. In einer an den Hof angrenzenden, höchstens vier Quadratmeter großen Kammer verkauft Hawa ihren Körper. Zehn Mal pro Tag. Im Zelt wird sie gleich einen Schnelltest machen, ob das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) in ihrem Körper ist. Das letzte Mal hat sie sich vor drei Monaten testen lassen. Damals war sie HIV-negativ. Seitdem hat sie über 80 Tage gearbeitet. 800 Freier.

In Tansania sind mehr als fünf Prozent der Erwachsenen mit dem tödlichen Virus infiziert. Doch im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids werden im ostafrikanischen Land große Fortschritte gemacht.

Als Hawa fünf Minuten später aus dem Zelt kommt, zittert sie immer noch. Aber ihr Lächeln sieht jetzt nicht mehr so gequält aus. "Alles gut. Wusste ich doch. Ich habe immer aufgepasst", sagt die 23-Jährige. Wenig später wird sie auf der dünnen Matratze auf dem Boden ihrer muffigen Kammer den nächsten Freier empfangen. Wenn sie sich in drei Monaten wieder testen lassen wird, wird sie wieder zittern.

Seit einem Jahr arbeitet Hawa als Prostituierte. Sie hasst ihren Job, doch sie liebt ihren dreijährigen Sohn und ihre siebenjährige Tochter, und die sollen es einmal besser haben als sie. Für sie möchte sie ein Haus bauen und irgendwann in ihrem eigenen Friseursalon Geld verdienen. Bis sie anfing, sich selbst zu verkaufen, hat sie in einem Friseurladen 30 000 tansanische Schillinge, umgerechnet 14 Euro, verdient - pro Monat. Davon wird man auch in Tansania, einem Land mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 100 Euro, nicht satt. Für schnellen Sex nimmt Hawa umgerechnet rund 1,40 Euro. Wenn sie zehn Freier abfertigt, verdient sie jetzt an einem Tag so viel, wie früher in einem Monat. "Ohne Kondom gibt es bei mir zwar nicht, aber natürlich kann immer irgendwie irgendwas passieren. Aber es wird schon gut gehen", sagt Hawa.

Bei Joyce (Name geändert) ist es nicht immer gut gegangen. Wild gestikulierend kommt Hawas angetrunkene Kollegin aus dem Aids-Test-Zelt. Ihr Körper ist mit Narben übersäht, die ihr Freier zugefügt haben. Laut fluchend verschwindet sie im Gewirr des Slums. "Ihr Test war positiv", sagt Shahada Kinya. Kinya ist Programm-Managerin der Gesundheitsorganisation Population Services International (PSI). Mit ihren Mitarbeiterinnen kämpft sie in den Slums gegen Aids.

Die PSI trägt mit dazu bei, dass man heute auch in Tansania jahrzehntelang mit HIV leben kann. Im Jahr 2005 startete die Regierung eine Aufklärungskampagne. Und mit Hilfe internationaler Partner wie PSI und dem Global Fund zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria hat das Land seine Anstrengungen gegen Aids intensiviert. Laut der Statistik des Gesundheitsministeriums sank die HIV-Rate auf dem Festland zwischen 2003/04 und 2011/12 von sieben auf 5,3 Prozent. Im Dezember 2012 gab es im Land 1176 Gesundheitseinrichtungen, in denen Aids-Patienten versorgt wurden, acht Jahre zuvor waren es 32. Internationale Organisationen verteilen Kondome, finanzieren mobile Freilichtkinos, die auf dem Land Aufklärungsfilme zeigen und unterstützen Kliniken beim Kauf von Medikamenten, die eine Ansteckung im Mutterleib verhindern sollen.

Im Kampf gegen Aids sind Bildung und Präservative die wichtigsten Waffen. Dennoch hat Hawa fast täglich mit Freiern zu tun, die ohne Schutz Sex mit ihr haben wollen. Die Prostituierte: "Manche behaupten, dass die Krankheit in den Kondomen sei. Ich sage diesen Männern, dass das Quatsch ist. Wer nicht auf mich hört, kann nach Hause gehen. Ich bin doch nicht lebensmüde."

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Kommentare

30.11.2013 07:37 Uhr

Gefährliches Vabanque-Spiel

Da mag man die Tür noch so brandmarken, durch die die Gefahren primitiver Lustbefriedigung ihr Ziel finden. Am Ende wird die Vorsicht einem wohl ursprünglichen Laborungeheuer AIDS endlich die Schranken weissen, die die Zahl der Opfer schließlich sinken lässt. Ein Zeigefinger kann fuchteln wohin er will. Das Erkennen der Ursachen versetzt uns in die Lage, wirksam zu werden in der Bewältigung von Gefahren, bevor sie über uns hereinbrechen wie eine Woge, vor der es kein Halten mehr gibt.
Wer Sex mit Liebe verwechselt, wird aus dieser Zone nervlicher Erregungskaskaden immer nur in einer ernüchternden Leere aufwachen, die die Vergeblichkeit irgend wann auch denen klar werden lässt, die sich hartnäckig von dem großen Wagnis der Liebe, glauben drücken zu können. Die Wahrheit ist ebenso geduldig, wie sie nicht aufzuhalten ist.

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