"Das versteht kein Mensch"

Das Unternehmen Heckler & Koch in Oberndorf ist mit dem Sturmgewehr G36 seit Wochen in den Negativ-Schlagzeilen. Die Bürger nehmen's gelassen. Sie sind Ärger gewohnt und stehen hinter dem Unternehmen.

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Der Waffenhersteller Heckler & Koch hat in Oberndorf einen guten Stand - auch wenn er bundesweit in den Negativ-Schlagzeilen steht.  Foto: 

Die Stadt am Neckar ist völlig unspektakulär. Wer von der A81 aus ins Tal fährt, hat einen schönen Blick auf den Ort, der sich in Ober- und Unterstadt teilt. Malerisch stehen die Häuser an den Hängen, Kirchen und Schulen ziehen die Blicke an. "Im Tal", wie die Unterstadt von den Einheimischen genannt wird, fällt das ehemalige Augustinerkloster ins Auge. Das wird heute für kulturelle Zwecke genutzt. Vor über 200 Jahren war es die Geburtsstätte der Waffenherstellung in Oberndorf (Kreis Rottweil).

Bis heute produzieren drei Firmen Waffen in der Stadt. Am bekanntesten dürfte Heckler & Koch sein, vor allem wegen der Negativ-Schlagzeilen, die seit Jahren durch die Medien geistern. Die meisten Oberndorfer nehmen's gelassen hin. Auch die aktuelle Diskussion um das angeblich nicht treffsichere Sturmgewehr G36. Nein, das sei in der Stadt kein großes Thema, heißt es. In manchen Medien sei die Aufregung über das Gewehr größer als in Oberndorf, lautet der Kommentar.

Das überrascht dann doch, schließlich beschäftigt Heckler & Koch knapp 700 Mitarbeiter und ist nach Auskunft von Bürgermeister Hermann Acker der größte Arbeitgeber der Stadt. Das ist die einzige Auskunft, die er gibt. Die anderen, schriftlich gestellten Fragen lässt er mit Hinweis auf seine vielen Termine unbeantwortet. Ein Telefon-Interview wird abgelehnt.

Viele andere Oberndorfer sind gesprächiger. "Wir kennen das Auf und Ab mit Heckler & Koch schon", sagt Gerold Angler, ein Ur-Oberndorfer, wie er sich selbst nennt. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Krisen zu überstehen.

Noch in guter Erinnerung ist den Oberndorfern die spektakuläre Razzia der Staatsanwaltschaft Stuttgart vor dreieinhalb Jahren. Damals ging es um Vorwürfe, das Unternehmen habe illegal Waffen nach Mexiko geliefert. Die Ermittler beschlagnahmten massenhaft Unterlagen. Im Herbst soll Anklage erhoben werden. Arbeitsgerichts-Prozesse wegen fristlos entlassener Geschäftsführer und Mitarbeiter sorgten außerdem für Aufsehen.

Jetzt ist es das Sturmgewehr G36. Dies hat das Unternehmen in den 1990er Jahren für die Bundeswehr entwickelt, wo es seit 1997 im Einsatz ist. Im städtischen Waffenmuseum ist es zu besichtigen, zusammen mit vielen anderen Waffen, vor allem der Firma Mauser. Sie ist 2004 in dem Unternehmen Rheinmetall aufgegangen. Es produziert in Oberndorf am alten Mauser-Standort Kanonen im Mittelkaliberbereich. Der dritte Waffenhersteller ist die Firma Feinwerkbau, die sich auf die Produktion von Sportwaffen spezialisiert hat.

Das G36 war viele Jahre ein weltweit hochgelobtes Produkt von Heckler & Koch. Doch jetzt will Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen alle 167 000 Gewehre der Bundeswehr ausmustern lassen, weil sie nach Ansicht von Experten in heißgeschossenem Zustand oder in klimatischer Hitze nicht mehr treffsicher seien.

Kommt das Gespräch mit den Oberndorfern an diesen Punkt, brechen eine gewisse Unruhe und vor allem Unverständnis durch. "Ich krieg' einen dicken Hals, wenn ich die Berichte in den Medien lese oder sehe", sagt eine Frau, die fast 50 Jahre bei Heckler & Koch gearbeitet hat. Sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, aber doch darüber sprechen. Sie habe die Entwicklung des G36 mitverfolgt, erzählt sie. Sie sei sicher, dass keine Waffe das Haus ohne Endprüfung verlasse. Für sie ist es nicht nachvollziehbar, dass das G36 unpräzise sein soll. Weltweit werde die Waffe gelobt, nur in Deutschland werde sie ausgemustert. "Das versteht kein Mensch." Ihr tue es weh, wie Heckler & Koch demontiert werde. Sie kann sich noch an Zeiten erinnern, als das Unternehmen 2000 Arbeitsplätze zu bieten hatte.

In der Stadt wird viel spekuliert. Manche sehen hinter der Auseinandersetzung eine Intrige, mit der dem Unternehmen geschadet werden soll. Doch warum? Und wer soll dahinterstecken? Die Antwort ist meist ein Achselzucken. Immer wieder wird als möglicher Drahtzieher der Rüstungsgegner Jürgen Grässlin aus Freiburg genannt. Der hat schon mehrfach Protestaktionen gegen Heckler & Koch organisiert, fordert von dem Unternehmen, die Produktion auf zivile Waren umzustellen. Ein Gast in einer Kneipe fasst zusammen: Wenn das Spiel so weitergetrieben wird, wird eine Firma kaputtgemacht und mit ihr etliche Zulieferer-Firmen mitsamt hunderten von Arbeitsplätzen.

Daniel Stemke, der in Stadt und Umgebung Bäckereien betreibt, kennt sich auch mit Waffen aus. Das G36 sei vor mehr als 20 Jahren für den Einsatz im mitteleuropäischen Klima und für Präzisionsschüsse entwickelt worden - nicht für Afghanistan und nicht für Dauerfeuer. Seiner Ansicht nach wird das Gewehr für Einsätze genutzt, für die es nicht gemacht ist. Während andere die Negativ-Schlagzeilen als Katastrophe für das Unternehmen, die fast 700 Mitarbeiter und ihre Familien verstehen, sieht Stemke auch eine Chance darin: Das Unternehmen könnte den Auftrag für die Nachfolger-Waffe bekommen.

Nach Ansicht von Rolf Ohnmacht hat das Unternehmen es in den vergangenen Jahren verpasst, das G36 weiterzuentwickeln. Das ist aber auch der einzige Kritikpunkt. Er verurteilt, dass Heckler & Koch "an den Pranger gestellt" wird. Seiner Ansicht nach hätten Unternehmen und Bundesregierung im Gespräch eine Lösung finden müssen.

Das hätte Heckler & Koch offenbar gerne getan, doch es sei nicht erwünscht gewesen, so jedenfalls interpretiert das Unternehmen in Pressemeldungen das Vorgehen der Regierung.

Dazu hat sich nun auch die IG Metall Freudenstadt gemeldet, bei der die Mehrzahl der H&K-Beschäftigen organisiert ist. Die Gewerkschaft fordert die Verteidigungsministerin in einem Brief auf, das Gespräch mit dem Unternehmen zu suchen. Sie solle mit dem Hauptgesellschafter Andreas Heeschen eine Lösung suchen. Auch gegenüber den Mitarbeitern solle sie Stellung beziehen.

Von der Leyen habe nicht nur gegenüber den Soldaten eine Verantwortung, sondern auch für die Beschäftigten des Unternehmens und deren Familien, sagt Gewerkschaftssekretär Nicolas Bauer. "So geht man nicht mit Menschen um." In Gesprächen mit den Mitarbeitern zeige sich, dass sie von der hohen Qualität des Gewehrs überzeugt und sicher sind, keine Fehler gemacht zu haben, - und dass sie Angst um ihre Arbeitsplätze haben.

Doch die Oberndorfer sind Sturm erprobt und glauben an ihre Waffenschmiede Heckler & Koch. Sie sind stolz, ein weltweit erfolgreich agierendes Unternehmen in der Stadt zu haben. Dass Waffen produziert werden, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. "Wenn wir es nicht tun, tun es andere", lautet der Standard-Satz dazu.

Das Unternehmen von 1949 bis heute

Waffenlieferant Heckler & Koch wird 1949 von Edmund Heckler, Theodor Koch und Alex Seidel gegründet. Zu Beginn werden Ersatzteile für Haushaltsmaschinen und Fahrräder produziert. Als einer der wenigen deutschen Betriebe darf H&K während des alliierten Rüstungsverbots Waffen und Ersatzteile für Polizei und die Besatzungstruppen herstellen.

G3 und G36 1959 erhält H&K einen Liefervertrag der Bundeswehr für das Infanteriegewehr G3. 1994/95 gewinnt H&K die Ausschreibung für das G36 und die P8 für die Bundeswehr.

Umsatz Im Jahr 2012 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 235 Millionen Euro. H&K hat Tochtergesellschaften in den USA, Frankreich und Großbritannien.

 

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