"Zieht nicht einfach ab aus Afghanistan"

Ulm.  Pakistans Botschafter in Berlin, Shahid Ahmad Kamal, sieht den Westen in der Pflicht, sein Land im Kampf gegen die extremistischen Taliban nicht alleinzulassen. Afghanistan drohe sonst der erneute Zerfall.

"Keiner darf einfach seine Soldaten aus Afghanistan abziehen!" Beschwörend appelliert Shahid Ahmad Kamal, Botschafter der Islamischen Republik Pakistan, an die Nato-Staaten, die Rückzugspläne aus Afghanistan nicht zu überstürzen. Kamal, auf Einladung der CDU in Ulm und Gast in unserer Zentralredaktion, sieht den Westen historisch in der Pflicht, sein Land nicht allein der Bekämpfung der radikal-islamischen Taliban auszusetzen. Seit 1979, so betont er, habe die Armee seines Landes an der Seite der USA dazu beigetragen, die sowjetische "Rote Armee" aus dem Nachbarland zu vertreiben.

Als das gelungen war, sei es auch vom Westen versäumt worden, den "nicht mehr gebrauchten" Kämpfern gegen den "gottlosen Kommunismus" in Afghanistan eine neue Perspektive zu bieten. Die Zersplitterung in Clans, die "War Lords" mit eigenen Truppen und der rasante Anstieg des Drogenanbaus seien auch Folgen dieses Versäumnisses.

90 Prozent des Rauschgiftaufkommens stammen laut Kamal aus Afghanistan - bei einem raschen Rückzug der Nato drohe der Rückfall des Landes in anarchische Strukturen und das rasche Wiedererstarken der Taliban, fürchtet der Diplomat.

Schon jetzt seien die etwa 120 000 Nato-Soldaten zu wenig, um die Operationen der radikalen Islamisten jenseits der 2400 Kilometer langen Grenze Pakistans auf afghanischer Seite zu kontrollieren. Kamal wies auch auf die logistischen Anstrengungen seines Landes zur Versorgung der Nato-Truppen hin. Etwa 500 Container würden täglich aus Pakistan ins Nachbarland transportiert.

Auf die Frage nach den Auswirkungen der verheerenden Flut im Sommer in Pakistan spricht Kamal von der "größten, humanitären Katastrophe" seines Landes. Auch zuvor habe es wegen des Monsunregens oft Überschwemmungen gegeben: "Aber niemals in solchem Ausmaß." Von den rund 20 Millionen betroffenen Menschen seien heute noch 7 Millionen obdachlos. Rund 1,8 Millionen Häuser sind zerstört worden, 160 000 Quadratmeter Land - etwa ein Fünftel der Fläche Pakistans - standen unter Wasser.

Im Süden gebe es bis heute überflutete Gebiete, sagt Kamal. Er spricht Deutschland im Rückblick einen besonderen Dank aus: "Wir haben sehr gute Unterstützung von der Bundesregierung und der deutschen Bevölkerung bekommen." Einer Umfrage des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) von Mitte September zufolge, haben 45 Hilfswerke und Spendenbündnisse in Deutschland rund 161 Millionen Euro für Pakistan gesammelt. "Das werden wir nicht vergessen", sagt Kamal.

Nach den Worten des Botschafters ist dieses Geld auch an der richtigen Stelle angekommen. Vor allem in Medikamente, Wasseraufbereitungsanlagen und Notunterkünfte sei investiert worden. Das nächste Ziel sei der Wiederaufbau von Häusern und der Infrastruktur. Allein im Swat-Tal im Nordwesten des Landes seien 90 Prozent aller Brücken zerstört worden. Im November werde die pakistanische Regierung in Islamabad eine internationale Geberkonferenz ausrichten, um erneut Gelder zu sammeln.

Trotz allem sieht Kamal positiv in die Zukunft: "Stück für Stück gewinnen wir die Kontrolle wieder", sagt er. Es gebe keine Probleme mit Seuchen, an Cholera seien bisher nur ein paar Menschen erkrankt. Die Weltgesundheitsbehörde WHO spricht von bisher ungefähr 100 Cholerafällen, die in den Überschwemmungsgebieten in Pakistan registriert worden sind.


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Autor: NINA RECKMANN WILHELM HÖLKEMEIER | 03.11.2010

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