Windpark macht Wale taub

Erneuerbare Energien stehen im Ruf, umweltfreundlich und klimaschonend zu sein. Doch die Genehmigung immer neuer Windparks kollidiert mit dem Schutz von Fauna und Flora in der Nord- und Ostsee.

Wie so oft in der Politik hat auch das im Herbst 2010 beschlossene Energiekonzept der Bundesregierung zwei Seiten. Mit dem zügigen Ausbau der Offshore-Windkraft will Schwarz-Gelb den Anteil umweltschonender Energieträger erhöhen und bis zum Jahr 2030 auf 25 Gigawatt ausbauen. Damit aber wachsen zugleich die Gefahren für die Meeresbiologie, für Wassertiere ebenso wie für Pflanzen und Riffe.

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) schlägt jetzt Alarm und warnt vor den Folgen der massenhaften Ausbreitung von Windrädern in Nord- und Ostsee. Präsidentin Beate Jessel will die Möglichkeiten ihres Amtes nutzen, um "die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Meeresumwelt zu minimieren". Seit der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes im Frühjahr 2010 hat das BfN mehr Zuständigkeiten bei der Genehmigung von Windparks erhalten.

26 solcher Anlagen in deutschen Gewässern haben alle Auflagen erfüllt. Davon ist ein Testfeld ("alpha ventus") mit zwölf Windrädern vor Borkum schon in Betrieb, ein weiterer Park mit 80 Rotoren im Bau. 69 Antragsverfahren laufen. Sollten diese Projekte in den nächsten beiden Jahrzehnten realisiert werden, würde das Ziel der Regierung um rund 40 Prozent übertroffen. "Die Claims sind abgesteckt", heißt es unter Experten, "die Industrie wartet jetzt auf günstige Rahmenbedingungen." Es geht um Investitionen von vielen Milliarden Euro.

Schon in der Bauphase der Windparks droht der Umwelt Ungemach. Eine bevorzugte Technik beim Installieren der Türme in der See verursacht erheblichen Lärm durch das Einrammen mächtiger Bauteile in den Meeresgrund. Messungen ergaben, dass unmittelbar am Fundament ein Spitzenpegel von bis zu 240 Dezibel entsteht, das entspricht einem Schalldruck von 180 Dezibel in der Luft. Die Schmerzgrenze beim Menschen: 130 Dezibel.

Bei den Schweinswalen, von denen sich im Jahresverlauf mehr als 50 000 in der deutschen Nordsee aufhalten, führt eine solche Lärmbelastung nachweislich zu Verletzungen oder vorübergehender Taubheit. Forscher haben indes registriert, dass Wale, die sich am Sylter Außenriff besonders zur Paarungszeit im Frühjahr konzentrieren, die Baufelder meiden. Experten sprechen dann von "Scheuchwirkungen". Eine ähnliche Entwicklung beobachtet man bei den Seetauchern und anderen Vögeln, die ihre Flugrouten ändern, um rotierenden Windblättern auszuweichen. Bislang noch unbekannte Folgen für Biotope und Pflanzen auf dem Meeresgrund könnten die Betonfundamente der Windräder haben.

Die von den Fremdkörpern betroffenen Sandbänke, Riffe und Schlickgründe sind der Lebensraum zahlreicher Tiere und Pflanzen. Allein mehrere hundert Arten von Muscheln, Schnecken, Krebsen und Würmern tummeln sich hier. Auch weiß niemand, ob sich die Fundamente selbst zu künstlichen Riffen entwickeln, mit Auswirkungen auf ihre natürliche Umgebung tief unter der Meeresoberfläche.

Das BfN hat erste Konsequenzen für den Bau von Offshore-Windparks gezogen. So wird ein Lärmgrenzwert von 160 Dezibel in 750 Metern Entfernung zur Anlage während der Bauarbeiten vorgeschrieben. In bestimmten Bereichen und zu Fortpflanzungszeiten der Wale werden Bauaktivitäten ausgeschlossen. Im Hauptrastgebiet der Seetaucher werden keine Baugenehmigungen erteilt. Zugelassene Standorte von Windrädern nehmen Rücksicht auf Zugkorridore von Vögeln und Fledermäusen. Für bestimmte Perioden werden Rotoren abgeschaltet. Besonders schützenswerte Biotope sollen frei von Windkraftanlagen bleiben. Parallel werden die Auswirkungen von Bauarbeiten auf Fauna und Flora in Nord- und Ostsee vertieft erforscht. Auch die Kollisionsrisiken für Zugvögel sollen durch Studien exakter quantifiziert werden.

BfN-Präsidentin Jessel hofft, mit diesen Vorkehrungen ein Mindestmaß an Schutz der biologischen Vielfalt im Meer garantieren zu können. Immerhin handelt es sich bei der Wirtschaftszone vor den deutschen Küsten um eine Fläche von fast 33 000 Quadratkilometern. Die genehmigten und geplanten Windparks nehmen davon mit über 4400 Quadratkilometern rund 15 Prozent in Anspruch. "Mit einer sinnvollen Raumplanung", meint die Expertin, "lassen sich schädliche Folgen für die Meeresumwelt vermeiden oder mindestens reduzieren."

Andere Nordseeanrainer sind ebenfalls aufgeschreckt durch die rasante Entwicklung bei Offshore-Windparks. In Holland darf pro Jahr nur eine neue Anlage errichtet werden, im ersten Halbjahr ist wegen der Paarungszeit der Wale jede Bautätigkeit untersagt. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet werden Umweltverträglichkeitsprüfungen inzwischen bilateral durchgeführt.

Auf die Naturschützer wartet viel Arbeit. Neben den Windparks bedrohen andere Einflüsse die biologische Vielfalt an und in den Meeren: die Fischerei, der Schiffsverkehr, der zivile und militärische Fluglärm, der Bau von Forschungsplattformen, Öl- und Gaspipelines, die Verlegung von Strom- und Glasfaserkabeln auf dem Seegrund. BfN-Meeresbiologe Thomas Merck warnt: "Mögliche kumulierende Wirkungen all dieser Gefährdungen für Arten und Lebensräume sind noch längst nicht ausreichend erforscht."


Kommentare (1)

18.01.2011 13:22 Uhr |   eurofan

Windjammer

Sind die Windparks so viel lauter wie der Wind selbst? Die Globalisierung mit dem immer intensiveren Schiffsverkehr und Verschmutzung der Meere macht den Walen und anderem Meeresgetier viel mehr aus, als so ein Windpark. An der Nordsee pfeift einem die steife Brise oft nur so um die Ohren, um wie viel lauter soll denn ein Windpark sein?

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Autor: GUNTHER HARTWIG | 18.01.2011

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