Wehrbeauftragter kritisiert Armee-Führung

Berlin.  Fehlendes Material, bürokratischer Unsinn, unzureichende Planung, schlechte Ausbildung, demotivierende Besoldung - der Wehrbeauftragte fährt schweres Geschütz gegen den Zustand der Bundeswehr auf.

Ein 25-jähriger Stabsgefreiter hat Reinhold Robbe besonders beeindruckt - und erschreckt. An seinem Beispiel erläuterte der Wehrbeauftragte des Bundestags gestern bei der Vorlage seines Jahresberichts sehr plastisch, wie schlecht es um die Bundeswehr bestellt ist.

Der Soldat wurde 2009 bei einem der vielen Gefechte in Afghanistan im Raum Kundus schwer verwundet. Vor Ort wurden die Splitter- und großflächigen Brandverletzungen an den Beinen sehr gut versorgt. In Deutschland konnte er allerdings nicht im Koblenzer Zentralkrankenhaus der Bundeswehr weiter behandelt werden - aufgrund des Ärztemangels gibt es dort keine Abteilung für schwerste Brandverletzungen mehr. Deswegen kam er ins zivile Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn. Weil dort die Ärzte die bundeswehreigenen Begriffe nicht verstanden, musste ihm ein Sanitäter an die Seite gestellt werden.

Sowohl die ärztliche als auch die psychiatrische Betreuung liefen gut. Dafür schlug die Bürokratie der Bundeswehr zu: Der Stabsgefreite war fassungslos, als die Verwaltung schon wenige Tage nach seiner Verwundung den Auslandsverwendungszuschlag zurückforderte, den er im Voraus erhalten hatte. Auf Robbes Intervention beim Verteidigungsministerium gab es eine Lösung ganz nach Bürokratenart: Künftig wird der Zuschlag generell erst nachträglich ausgezahlt.

Der nächste Schlag folgte rasch: Der Soldat hatte sich für vier Jahre verpflichtet und wollte dies verlängern. Das wurde zunächst nur für den Afghanistan-Einsatz genehmigt. Zwei Wochen nach der Verwundung teilte ihm die Wehrverwaltung mit, er sei mit Ablauf der verlängerten Dienstzeit aus der Bundeswehr entlassen. Als er sich beschwerte, wurde das als Irrtum zurückgezogen. Der Soldat hat trotzdem Zukunftsängste: In seinem alten Beruf als Maler kann er aufgrund der Brandwunden nicht mehr arbeiten. Die Verwundung reicht aber nicht, um eine Erwerbsunfähigkeit von mindestens 50 Prozent bescheinigt zu bekommen. Nur dann hätte er Anspruch darauf, dass ihn der Bund auf Lebenszeit weiterbeschäftigt - ein denkbar schlechter Lohn dafür, dass er seinen Kopf hingehalten hat.

Für Robbe ist das nur ein Beleg dafür, dass die Bundeswehrführung in ihrer Fürsorgepflicht für die Soldaten "noch nicht in der Einsatzrealität angekommen" ist. Dafür spricht auch die schlechte Ausrüstung: Um gepanzerte Fahrzeuge wie den Transportpanzer "Dingo" zu beherrschen, ist eine mehrmonatige Ausbildung nötig. Die Bundeswehr hat aber zu wenig Fahrzeuge, um schon in der Heimat zu üben. Also wird mitten im Krisengebiet Kundus ausbildet. Fehlendes Geld darf kein Argument sein, betont Robbe - und er verweist darauf, an solchen Punkten scheitere es nie am Parlament. Häufig ist die Finanzierung auch gar nicht das Problem, sondern eine ineffiziente Verwaltung, die das Geld unsinnig ausgibt.

Insbesondere der Führung stellte Robbe am Ende seiner fünfjährigen Amtszeit ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: Die Bundeswehr ist miserabel organisiert. Unübersichtliche Führungsverantwortung, überflüssige Bürokratie, die unsinnige Trennung von Truppe und Verwaltung oder die veraltete Personal- und Materialplanung geht - alles nicht wie bei einer modernen Armee. Nur ein "unglaubliches Improvisationstalent" hält sie am Laufen.

Klares Versagen bescheinigte der SPD-Politiker namentlich dem Sanitätsdienst: Dieser sei von der Führung "regelrecht an die Wand gefahren" worden. Obwohl Robbe das schon lange beklagt, wird das Problem von Jahr zu Jahr größer. Heute fehlen 600 Ärzte. Jede fünfte Stelle ist unbesetzt. Dabei ist die ärztliche Betreuung ein wichtiger Faktor für die Akzeptanz der gefährlichen Auslandseinsätze bei den Soldaten.

Einzelfälle und nicht die Spitze eines Eisbergs sind nach Robbes Einschätzung entwürdigende Rituale bei den Gebirgsjägern und in anderen Teilen der Armee. Dafür beklagten sich die Soldaten massiv bei ihm über den fehlenden Rückhalt in der Gesellschaft.



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Autor: DIETER KELLER | 17.03.2010

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