Wachstum statt fairer Märkte

"Wir haben es satt!" Unter diesem Motto sind Tausende zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin auf die Straße gegangen, um ein Umdenken zu fordern: Weg von den Agrarfabriken, zurück zur Landwirtschaft.

So bitter es ist: Der Dioxinskandal, der jetzt in Deutschland aufkam, kommt vielen Bauern, Umweltschützern und Verbrauchern gerade recht. Denn er ist der höchst brisante Beweis dafür, dass bei der Nahrungsmittelproduktion was falsch läuft. Überall, aber speziell auch in Deutschland, wo niedrige Lebensmittelpreise politisch gewollt sind. Die Folge, so sehen es Experten: Es wird gepantscht, damit sich die Herstellung von Nahrung überhaupt noch lohnt.

Aber viele Menschen haben genug von dieser Agrarpolitik. Passend zum Auftakt der Grünen Woche in Berlin sind deshalb am Samstag Tausende auf die Straße gegangen. "Wir haben es satt!", lautete das Motto der Demonstration, zu der Biolandwirte, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Umweltorganisationen und Verbraucherverbände aufgerufen haben. Eine der Rednerinnen am Brandenburger Tor war die Leutkircher Milchbäuerin Maria Heubuch, Mitglied im Bundesvorstand der AbL. Sie forderte eine Neuausrichtung der Agrarpolitik in der Europäischen Union.

Als ersten Schritt in die richtige Richtung wertete Heubuch die vier Forderungen des designierten EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos aus Rumänien, die er für die nach 2013 anstehende Agrarreform ausgegeben hat. "Grüner, gerechter, effizienter, transparenter", zählte Heubuch auf. Grüner bedeute ökologischer, gerechter meine die Zahlungen zwischen alten und neuen EU-Mitgliedern. Und um mehr Effizienz gehe es bei den Subventionen: Konzerne, die mit Landwirtschaft rein gar nichts zu tun haben - etwa der Stromkonzern RWE - "sollen kein Geld mehr erhalten".

Die Politik verfahre bislang nach der Devise "Weiter so" , sagte Heubuch. Sie rede die Zustände und das eigene Handeln schön. So plädiere Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner zwar für faire Märkte, aber weder gebe es faire Regeln auf dem Milchmarkt noch sonst wo für kleinere und mittelständische, landwirtschaftliche Betriebe. "Das Höfesterben ist an der Tagesordnung."

Stattdessen dominierten "Wachstum und Industrialisierung" in der Agrarwirtschaft, die jedoch nur den großen Konzernen wie Monsanto, BASF und Müller-Milch Gewinne brächten. Diejenigen Bauern aber, die durchhielten, gerieten in die die Abhängigkeit von Saat- und Futtermittelindustrie: "Ein Hamsterrad aus immer mehr und immer billiger produzieren." Nahrung sei jedoch nicht mit einer x-beliebigen Ware gleichzusetzen, sondern ein Grundrecht des Menschen.

Auch Bernulf Schlauch, Slow-Food Regionalbetreuer in Hohenlohe, kritisierte die Zustände. "Industrielle Nahrungsproduktion hat Folgekosten, die der Steuerzahler trägt." Etwa müsste wegen des großflächigen Einsatzes von Pestiziden das Grundwasser gereinigt werden. Er forderte, dass Subventionen nicht mehr nach Hektarflächen gezaht werden sondern danach, "ob jemand ökologisch und nachhaltig wirtschaftet".

Immer mehr Menschen wollen qualitativ hochwertiges Essen auf dem Tisch und sind auch bereit mehr dafür zu zahlen. Und immer mehr sehen auch die Zusammenhänge zwischen dem Schnitzel auf dem Teller und der Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes. Der wird abgeholzt, um auf riesigen Flächen Soja anzubauen, das an Schweine und Rinder verfüttert wird. Vielen ist auch bewusst, dass unsere Artenvielfalt auf dem Spiel steht. So bemüht sich der Verein Slow Food in Deutschland etwa um den Erhalt alter Nutztier- und Pflanzenarten - sei es das Filder Spitzkraut oder die Alblinse.

Zu dem Thema passend war am Donnerstag vergangene Woche bundesweit der neueste Film der französischen Regisseurin Coline Serreau gestartet. "Good Food, Bad Food" (gutes Essen, schlechtes Essen). Der Film versucht anhand von zahlreichen Interviews - etwa mit Vandana Shiva, der Trägerin des alternativen Nobelpreises aus Indien - die immensen Folgen der industriellen Landwirtschaft deutlich zu machen: Massentierhaltung, großflächiger Einsatz von Dünger und Pestiziden, ausgelaugte Böden, verseuchte Gewässer. Coline Serreau zeigt jedoch auch Menschen, die Alternativen entwickelt haben.

Sie leben in den unterschiedlichsten Regionen der Welt: in Brasilien, Indien, Frankreich, in der Ukraine und bearbeiten ihre Böden in der herkömmlichen Art und Weise. Sie bedienen sich überlieferten Wissens, erhalten und verteilen Samen alter Sorten, die von jeher den klimatischen Gegebenheiten angepasst waren und auch ohne chemische Dünger gedeihten. Ein Hoffnungsschimmer, der sich da dem Betrachter auftut. Ob die vorgestellten Projekte ein realistischer Gegenentwurf zur Globalisierung sind, bleibt freilich dahingestellt.

Christian Eichert, Sprecher von Bioland in Baden-Württemberg, jedenfalls gab der Film "Rückenwind für unsere Arbeit", wie er nach der Premiere in Ulm sagte. Eichert forderte die Verbraucher auf, durch ihr Kaufverhalten Druck auf die Politik auszuüben. Dass das Land Bauern, die auf Ökolandbau umstellen wollen, seit diesem Jahr keine Förderung mehr zahle, bezeichnete er als "Akt wider den Interessen des Verbrauchers".


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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 24.01.2011

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