"Virus-Erkrankung": Tschechiens Wort des Jahres wirft Licht auf Trinkgewohnheiten des Präsidenten

Auch die Tschechen küren seit einiger Zeit ein "Wort des Jahres". Die jüngsten Ergebnisse lassen die politische Führung schlecht aussehen. Es geht um Alkohol, Lügen und Machtgier.

HANS-JÖRG SCHMIDT |

Vor mehr als 15 Jahren besuchte ich für ein Interview den heutigen tschechischen Präsidenten Milos Zeman. Zu Beginn des Gesprächs fragte Zeman, was "der Herr Redakteur" gern trinken würde: "Becherovka, Cognac oder Campari Orange?" Ich verwies auf die vormittägliche Stunde - es war 9.30 Uhr - und fragte vorsichtig, ob ich auch einen Kaffee bekommen könne? Zeman lächelte mitleidig und griff zum Campari.

Interessant ist diese Episode vor dem Hintergrund der Wahl zum "Wort des Jahres" in Tschechien. Darüber stimmt keine Jury ab, sondern zum einen die Redaktion der konservativen Tageszeitung "Lidove noviny" und zum anderen deren Leser. Für 2013 fiel das Ergebnis in beiden Wahlen fast gleich aus: In der Redaktion landete "viroza" (Virus-Erkrankung) auf dem zweiten Platz, bei den Lesern auf Platz eins.

"Viroza" erinnert an eine Begebenheit, in deren Mittelpunkt eben jener vergangenes Jahr neu gewählte Präsident Milos Zeman steht. Bei der Eröffnung einer Ausstellung der böhmischen Krönungsinsignien wurde er sichtlich angeschlagen und heftig wankend gefilmt. Der Präsident war vor der Ausstellungseröffnung in der russischen Botschaft gewesen, wo er sich auf einem Empfang Augenzeugen zufolge mehrere Wodka hinter die Binde gekippt hatte. Die Aufnahmen landeten schnell im Internet und wurden dort ein großer Renner.

Die Präsidialkanzlei fühlte sich seinerzeit zu einer "Erklärung" veranlasst: Der Präsident sei mitnichten angetrunken gewesen, sondern habe unter einer "viroza", einer Virus-Erkrankung mit Fieber, gelitten.

Die Tschechen schütteten sich aus vor Lachen. Sie kennen ihren "Pappenheimer" aus der Prager Burg. Schließlich hatte Zeman selbst schon früher stolz zugegeben, täglich Wein und Pflaumenschnaps in Mengen zu sich zu nehmen, die bei jedem Normalsterblichen eine Überweisung in eine Trinkerheilanstalt rechtfertigen würden. Der Präsident hatte seine Gewohnheiten damit verteidigt, dass auch der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill täglich Unmengen Whisky und Sekt zu sich genommen habe, während Adolf Hitler abstinent gewesen sei. "Und wer hat den Krieg gewonnen?", fügte er schmunzelnd fragend hinzu.

Der Begriff "viroza" jedenfalls ist seit Zemans Schwanken bei der Ausstellungseröffnung zu einer stehenden Wendung im Tschechischen geworden und hat einen über Jahrzehnte gebrauchten Begriff abgelöst. Früher sagte man über einen Betrunkenen liebevoll, er sei "in Gesellschaft ermüdet". Jetzt also leidet er unter einer "Virus-Erkrankung".

Nebenbei bemerkt haben Zemans Leibärzte dem Präsidenten nach dem Vorfall die täglichen Alkoholrationen ebenso drastisch gekürzt, wie sie seinen Zigarettenkonsum von täglich 40 auf 20 halbierten. Dem Vernehmen nach soll sich Zeman "so ziemlich" daran halten.

Zurück zum "Wort des Jahres". Auf einem vorderen Platz in der Umfrage landete auch der Begriff "Haskovani". Der ist vom Namen des einstigen stellvertretenden Vorsitzenden der tschechischen Sozialdemokraten, Michal Hasek, abgeleitet. Dieser hatte sich nach dem schwachen Abschneiden seiner Partei bei den Parlamentswahlen im vergangenen Herbst mit einigen Getreuen beim Präsidenten eingefunden, um den Chef seiner Partei, Bohuslav Sobotka, wegzuputschen.

Hasek leugnete später in einem Interview des tschechischen Fernsehens, dass dieses Treffen überhaupt stattgefunden hatte. Und zwar vehement: Innerhalb von zweieinhalb Minuten Interview verneinte er das Treffen ganze elf Mal. Das sei alles nur eine erdachte Geschichte.

Einen Tag später musste Hasek dann zugeben, gelogen zu haben. Einer der anderen Teilnehmer hatte das Treffen bestätigt. Seither gilt der Begriff "Haskovani" im Tschechischen als Synonym für "wissentliches Lügen von Politikern".

Während Sobotka an diesem Freitag zum Ministerpräsident und Regierungschef ernannt werden soll, hat Hasek die Aktion seine Karriere gekostet. Zeman äußerte sich amüsiert über seine bis dahin wichtigste Marionette in der Führung der Sozialdemokraten, und ließ ihn dann fallen wie eine heiße Kartoffel.

Den dritten Platz bei den Zeitungslesern belegte schließlich das Wort "odbornik" (Experte). Auch das hängt mit Zeman zusammen: Nach dem Ende der bürgerlichen Regierung von Premier Petr Necas, die über eine Korruptionsaffäre gefallen war, hatte der Präsident eine "Experten-Regierung" berufen. Die "Experten" waren zum größten Teil Leute aus seiner eigenen Partei - den "Zemanovcis". Die Opposition spottete seinerzeit über eine "Regierung der Kumpel Zemans", die mit "Experten" nichts zu tun habe.

Immerhin hat besagte Regierung aber selbst ein Misstrauensvotum im Parlament überlebt und regiert immer noch - als "Regierung in Demission". Das liegt an der seltsamen tschechischen Verfassung, die derlei gestattet. Diese Regierung hat das Land massiv weiter verschuldet, zig Staatsaufträge ohne Ausschreibung verteilt und tatsächliche Experten zu Dutzenden aus ihren Ämtern gejagt. Womöglich gehört dann "Regierung in Demission" 2014 zu den Favoriten für das tschechische "Wort des Jahres".

 

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