Viel Rückenwind fürs Rad

Friedrichshafen.  Morgen werden die Fahrrad-Interessierten an den Bodensee nach Friedrichshafen pilgern: zur 19. Fahrradmesse "Eurobike". Ein Blick auf das Angebotene zeigt Hybride - und Hybris der boomenden Branche.

Glaubt man dem lauten Trommeln, den Fotos, den vollmundigen Werbetexten, dann sieht man hier 300 Weltpremieren, etwas noch nie Dagewesenes, die Revolution des Fahrrads, die Innovation schlechthin. Was bisher war, das Fahrrad, das 69-millionenfach bei den Deutschen in Garagen, Kellern oder vor dem Haus steht, das ist triste Vergangenheit, eigentlich reif für den Schrottplatz. Doch dann schaut man genauer hin: Die Revolution heißt, dass es statt drei Kettenblättern jetzt nur noch zwei gibt (oder umgekehrt), dass der Schalthebel unglaubliche 17,8 Gramm leichter geworden ist, dass das Packmaß der winddichten Jacke um nochmals 1,3 Zentimeter geschrumpft ist.

So wie man beim Radfahren den gesunden Menschenverstand einschalten und stets Vorsicht walten lassen sollte, so ist es auch bei einem Blick auf die Neuheiten, die derzeit auf der Fahrradmesse "Eurobike" dem zahlenden Publikum präsentiert werden. Denn hier spielt sich dasselbe ab wie auf anderen Ausstellungen: Die Orchideen werden beachtet, die Exoten, die Ferraris, während die kleinen, aber in Wirklichkeit so wichtigen Weiterentwicklungen beim Fleißigen Lieschen, bei den Opels und Golfs, bei den eher alltagstauglichen Rädern, weil unspektakulär, erst auf den zweiten Blick bemerkt werden. Wie der Umstand etwa, dass Komponenten-Weltmarktführer Shimano eine massentaugliche und bezahlbare 11-fach-Nabenschaltung vorstellt, die das Spektrum verfügbarer Gänge erweitert. Zwar gab es schon eine 14-fach-Schaltung aus dem deutschen Haus Rohloff, die aber schon wegen des Preises für Normalradler kaum erschwinglich war.

Oder wie der bemerkenswerte Umstand, dass mit Philips, dem niederländischen Elektrogiganten, nun ein "Global Player" bei der Fahrradbeleuchtung mitmischt (und mit kleinen innovativen Unternehmen wie dem Mittelständler Busch&Müller Konkurrenz vorfindet). Die Riesenschritte, die es beim Sehen und Gesehenwerden in den vergangenen Jahren schon durch die Einführung des lautlos und unmerkbar mitlaufenden Nabendynamos gab, setzen sich mit besseren, helleren Lichtquellen fort.

Genauso bemerkenswert ist der offen verkündete Einstieg eines anderen "Global Players" in die Fahrradwelt: Bosch entwickelt für mehrere Radhersteller Elektroantriebe, soll eine mit einer dreistelligen Mitarbeiterzahl ausgestattete eigene Abteilung dafür schon aufgebaut haben. Der weltweit führende Automobilzulieferer, so stellt er sein Engagement vor, sieht als entscheidend für den Einstieg ins Geschäft mit E-Bike-Antrieben die Nähe der Elektroräder zu den gesellschaftlichen Trends Energiesparen, E-Mobilität und Gesundheitsbewusstsein. E-Bike-Antriebe seien ein wichtiger Baustein für nachhaltige und zukunftsweisende Mobilitätskonzepte. Als Servicepartner hat sich Bosch mit Magura aus Bad Urach ein weiteres schwäbisches Traditionsunternehmen ins Boot geholt, das allerdings schon mehr Erfahrung im Fahrradgeschäft hat.

Dass mit dem weltweit agierenden Automobilzulieferer Magna (bekannt durch den Übernahmeversuch bei Opel) und dessen BionX-Antrieb ein weiterer Gigant beim elektrounterstützten Radfahren dabei ist, gibt diesem allenthalben als zukunftsträchtig angesehenen Fahrradkonzept zusätzlichen Rückenwind. Es stellt aber auch die bisherigen Strukturen der ganzen Branche auf den Prüfstand. Denn die war geprägt von genial vor sich hinwerkelnden Ingenieuren, Kleinstbetrieben und, siehe Reifenhersteller Continental, einigen wenigen Abteilungen großer Unternehmen. Jetzt wohl müssen sich alle neu finden - und erfinden. Denn es könnte sein, wie Experten hinter vorgehaltener Hand vermuten, dass man dann als Radler zum Check seines E-Bikes nicht die Radwerkstatt aufsucht, sondern das Diagnosegerät des Bosch-Dienstes nutzt.

An der Verbesserung der mit dem akkugespeisten Elektro-Hilfsmotor ausgestatteten Räder beteiligen sich sehr viele der rund 1100 Aussteller in den Messehallen. Besser werden die Akkus, leistungsfähiger, ermöglichen größere Reichweiten. Ganz Kühne reden jetzt von 140 Kilometern bis zum nächsten Nachladen des Akkus. Hier ist aber nach oben noch viel Spielraum vorhanden. Entwicklungspotenzial, das auch für die Verzögerung der dank Motorhilfe schneller werdenden Fahrräder dringend gebraucht wird. Denn dank des lautlosen Rückenwinds aus dem Akku kommen Radler jetzt dort mit Tempo 25 an, wo sie früher mit Tempo 15 fuhren - Herausforderungen auch fürs eigene Verantwortungsbewusstsein als Verkehrsteilnehmer.

Neben dem Hype rund um das E-Bike - mehr als 200 000 sollen in diesem Jahr neu auf den deutschen Markt kommen - wollen die Unternehmen der Radbranche in großer Einigkeit noch andere Trends setzen. Zum Beispiel den, dass die Laufräder von Mountainbikes jetzt stolze 29 Zoll Durchmesser haben sollen - nach dem Vorbild alter Kutschen mit ihren großen Rädern sollen die Radler damit leichter und komfortabler über schottrig-schlechte Wege kommen. Rad-Lobbyist Gunnar Fehlau dazu: "Kleiner wurden die Räder ja an Kutschen und frühen Automobilen erst, als Federungen sich durchsetzten."

Info Die 19. Fahrradmesse "Eurobike" auf dem Messegelände Friedrichshafen ist am Publikumstag

morgen, Samstag, 4. September, von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 13 Euro, ermäßigt 9 Euro.

www.eurobike-show.de


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Autor: LORENZ KOCH | 03.09.2010

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