Ulmer Islamisten: Abgetaucht, aber noch aktiv

Ulm.  Die Köpfe der einstigen Islamistenszene aus Ulm/Neu-Ulm sind weiter aktiv. Viele ziehen inzwischen aus dem Ausland die Fäden, sagt die Polizei. Drei junge Männer sitzen in Deutschland in Untersuchungshaft.

Die Spezialisten des Landeskriminalamtes in Stuttgart werten noch die Computerdateien und Schriftstücke aus, die bei der Razzia gegen die Islamistenszene in Deutschland am 3. Februar gefunden wurden. Doch es wird noch dauern, bis Ergebnisse vorliegen, sagt Henrik Stolpe vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Die drei Männer, die dabei festgenommen wurden, sitzen in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wirft ihnen "Bildung einer kriminellen Vereinigung" und "Werben für einen fremden Wehrdienst" vor. Konkret: Werbung für den islamistischen "Heiligen Krieg". Die Männer gehörten zum Umfeld des Multikulturhauses in Neu-Ulm (MKH), das 2005 geschlossen wurde, und des Islamischen Informationszentrums Ulm (IIZ), das Ende 2007 aufgab als ein Verbot drohte.

Die Aktivisten von damals ziehen nach wie vor im Verborgenen die Fäden, sagt Kriminaloberrat Armin Mayer, der von Neu-Ulm aus gegen die Szene ermittelt. Die drei Verhafteten zählen zu diesem Kreis. Ramez A. und Antonio M. und Ranie M. aus Ulm. Letzterer, der in Ulm einen Autohandel betreibt, gehörte zur Führungsetage des MKH. Der 27-jährige gebürtige Ulmer palästinensischer Abstammung soll Dreh- und Angelpunkt eines Netzwerkes sein. Dieses Netzwerk habe in Deutschland Islamisten angeworben und zum Sprachaufenthalt an das Qortoba-Institut in der nordägyptischen Metropole Alexandria geschickt. Dort seien Kandidaten für die Ausbildung in Terrorlagern ausgewählt worden. Der Vater von Ranie M. beteuert dessen Unschuld und sein Anwalt fordert die Freilassung. Es gebe keine harten Beweise.

Die Ermittler sehen das anders. Sie berichten von 35 jungen Leuten, die auf den Weg nach Alexandria geschickt wurden und deren Sprachaufenthalt dort teilweise finanziert wurde. Ob und wie viele davon in einem Terror-Ausbildungslager landeten, darüber gibt es keine Zahlen, sagte ein Ermittler. Auch die in Düsseldorf und Bonn festgesetzten Ramez A. und Antonio M. passen ins Bild. Ramez A. war Vorsitzender des Neu-Ulmer MKH. Sein Schwiegersohn Antonio M., ein Konvertit, war einer der Aktivisten im IIZ. Der Name von Ranie M. tauchte auch im Sauerland-Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf auf, wo sich drei Bombenbauer um den Ulmer Fritz Gelowicz verantworten müssen: Attila Selek, der die Zünder besorgt haben soll, ist ein Freund von Ranie M.

Auf dem Haftbefehl des Amtsgerichts Stuttgart gegen die drei mutmaßlichen islamistischen Netzwerker stehen aber auch noch vier weitere Namen, die eng mit der früheren Ulm/Neu-Ulmer Szene verbunden sind: Peter B., Ahmed A., Thomas D. und Omar Yousif. Gegen sie konnte der Haftbefehl nicht vollstreckt werden, weil sie im Ausland sind, genauer gesagt in Ägypten und in Saudi Arabien. Von dort aus unterhielten sie engen Kontakt zumindest zu Ranie M.

Omar Yousif (25) spielte eine besondere Rolle: Er ist der Sohn von Yehia Yousif, der als Imam im Multikulturhaus tätig war und als zentrale Figur der damaligen Ulm/Neu-Ulmer Szene gilt. Er setzte sich vor der Polizeiaktion gegen das Multikulturhaus nach Saudi-Arabien ab und gilt bei den Ermittlern als die graue Eminenz, die noch heute die Fäden zieht. Der Arzt arbeitet am Matterjee Medical College in der saudi-arabischen Stadt Dschidda. Vor einem Jahr, so glauben die Ermittler, sollte er nach Ägypten ausgewiesen werden. Doch Yousif heiratete eine Einheimische und darf bleiben.

Sein Sohn Omar lebt ebenfalls in Saudi-Arabien, pendelt aber regelmäßig nach Ägypten. Angeblich um Freunde zu treffen, die sich dort niedergelassen haben, oder Neuankömmlinge zu sprechen, die ans Qortoba-Institut geschickt werden. Omar Yousif galt den Ermittlern schon in Neu-Ulm als Zeitbombe: Er war kurze Zeit in einem Terrorausbildungslager in Pakistan, verfasste hinterher Traktate über den Bau von Sprengfallen und die Herstellung von Sprengstoff, etwa aus Wasserstoffperoxid, das die "Sauerlandbande" hortete. 2004 wurde er festgenommen, im Juni 2005 nach Ägypten ausgewiesen.

Als einer der Drahtzieher in Alexandria gilt den Ermittlern auch Thomas D., der Schwiegersohn von Yehia Yousif. Und Ahmed A., der im Multikulturhaus predigte, soll Kämpfer aus dem süddeutschen Raum für Tschetschenien angeworben haben. Auch Ahmed A. soll zwischen Saudi Arabien und Ägypten pendeln.

Die Ermittler haben keinen Zweifel, dass das Netzwerk intakt ist. Manche sprechen von der zweiten Generation der Ulm/Neu-Ulmer Islamisten. Unklar ist, welche Rolle das Qortoba-Institut spielt. Ist es selbst Teil des Netzwerkes, das Kämpfer für die islamische Sache anwirbt? Oder gibt es parallel Strukturen, die an das Institut andocken und Sprachschüler, die empfänglich sind für die extremistische Idee, in Ausbildungslager schicken?

Vielleicht sind es auch nur Einzelpersonen, wie Omar Yousif oder Thomas D. Fest steht für die Ermittler nur: Es gibt noch viel mehr Aktivisten aus dem einstigen MKH und IIZ, die heute in Berlin, Düsseldorf oder Bonn, in Köln, Coburg, Biberach, Heidenheim und Göppingen, oder auch noch in Ulm oder Neu-Ulm leben. Welche Rolle jeder Einzelne von ihnen einnimmt, darüber erhoffen sich die Fahnder Klarheit aus den sichergestellten Unterlagen. "Fragen sie in drei Monaten noch einmal nach", sagt die zuständige Staatsanwältin in Stuttgart.


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Autor: WILLI BÖHMER | 17.02.2010

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