Theologe Hans Küng: Papst Franziskus beschränkt Reformen nicht auf Äußerlichkeiten

Ein Jahr ist Papst Franziskus im Amt. Für den Theologen Hans Küng ist das ein Grund zur Freude. Doch er sagt auch: Die Praxis ist Test für seine Ernsthaftigkeit. Bliebe es bei Worten, wäre die Enttäuschung groß.

ELISABETH ZOLL, ... |

Herr Küng, nach der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst sprachen Sie von einem "vatikanischen Frühling". Stehen Sie noch zu dieser optimistischen Einschätzung?

Hans Küng: Die Formulierung habe ich schon vor dem Konklave gebraucht - allerdings mit einem Fragezeichen. Meine Hoffnung war, dass keiner der allgemein genannten "Papabili", Favoriten, gewählt würde. Ich hoffte, dass vor oder im Konklave einer aufstehen würde, einfach aus der Not heraus. Insofern war ich hocherfreut.

Was dachten Sie, als Sie den Namen Bergoglio zum ersten Mal hörten?

Küng: Das war gleich eine sehr positive Überraschung. Ich wusste, dass Bergoglio schon 2005 bei der Wahl von Ratzinger in der engeren Wahl war. Er ist Jesuit und damit einer, der sich durchsetzen kann. Das lässt auch erwarten, dass er ein gescheiter Mann ist. Auch seine ignatianische Spiritualität kann ich teilen. Zudem ist er ein Südamerikaner.

Doch ist er tatsächlich ein Reformer oder verkauft er sich einfach nur besonders gut?

Küng: Das ist die Auffassung von Kritikern wie Frido Mann, dem Enkel von Thomas Mann. Diese teile ich nicht. Ich kann verstehen, dass man skeptisch ist. Und Skepsis ist auch nötig. Denn noch ist nicht entschieden, welcher Kurs wirklich eingeschlagen wird. Doch zu meinen, er sei kein Reformer, hieße, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen.

Woran machen Sie das fest?

Küng: Zunächst an der Form. Sie hat ja Einfluss auf den Inhalt. Allein wenn ein Papst die Leute mit "buona sera" begrüßt, ist das ein Signal. Franziskus betrat mit großer Selbstverständlichkeit die Kirchenbühne. Nüchtern, ohne jegliches Pathos bat er zuerst die Leute um ihr Gebet für ihn. Auch mit seiner Kleidung - dem Verzicht auf Gold, Spitzen und Edelsteine - setzt er Zeichen. Er will nicht als Apostelfürst auftreten, als Herr in der Kirche, sondern als Diener. Auch die einfache, direkte Sprache ist neu. Die Menschen verstehen ihn, fühlen sich angesprochen. Ich habe ja im Laufe meines Lebens viele Reformvorschläge gemacht. Aber dass ein Papst auf so elegante Weise aus dem päpstlichen Palast ausziehen könnte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Franziskus hatte von Beginn an eine unprätentiöse, pastorale Vorstellung von seinem Amt.

Was stimmt Sie so zuversichtlich, dass aus den Zeichen auch Reformen werden?

Küng: Die Zeichen würden nicht ausreichen. Aber Franziskus hat sofort wichtige "Baustellen" wie die Reform der Vatikanbank und des Vatikanstaats angepackt und diese mit neuen Leuten besetzt. Dann hat er eine Gruppe von acht Kardinälen aus allen Kontinenten berufen, die Reformen für Kurie und Kirche ausarbeiten sollen. Wo er skandalöse Zustände sieht, greift er durch, scheut sich nicht vor Entlassungen. Auch inhaltlich setzt er Zeichen: So will er zum Beispiel, dass in der Kirche offen über Sexualfragen gesprochen wird. Das sind mehr als Stilfragen.

Sind diese Veränderungen schon unumkehrbar?

Küng: Er hat schon einige Dinge erreicht, die nicht mehr zurückzunehmen sind. So würde wohl kein Kardinal mehr zum Papst gewählt werden, der einen barock-absolutistischen Regierungsstil verkörpert. Ich würde sogar sagen: Es lässt sich noch gar nicht absehen, was die bereits eingeleiteten Veränderungen bedeuten.

Der neue Stil weckt Hoffnung. Vor einem Jahr hätte davon noch kaum jemand zu träumen gewagt.

Küng: Ich schon. Ich habe immer gesagt, dass über Nacht etwas Bedeutsames geschehen kann.

Allzu große Erwartungen können aber auch schnell enttäuscht werden. Sehen Sie diese Gefahr?

Küng: Selbstverständlich. Sobald deutlich würde, dass Franziskus nur schöne Worte macht - zum Beispiel im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen! Wenn wieder nur halbe Lösungen angeboten würden, wie Erleichterungen bei der Eheannulierung, dann wäre die Enttäuschung groß und hätte sofort Auswirkungen. Die Praxis ist der Test für seine Ernsthaftigkeit.

Da sind wir an einem heiklen Punkt: Die Umfrage der Kirchenspitze zur Familienpastoral hat eine große Kluft zwischen dem Lehramt und dem Leben der Menschen offenbart. Nun liegen die Ergebnisse in Rom - und der Papst ist am Zug.

Küng: Aber er nicht allein. Denn das wollte er gerade vermeiden. Franziskus verfolgt eine große Strategie. Zunächst hat er die Gruppe der acht Kardinäle befragt, dann das ganze Kardinalskollegium. Im Herbst wird es schließlich eine Synode zum Thema Familie geben. Natürlich ist jeder Schritt ein Wagnis. Doch wenn Franziskus das Kardinalskollegium hinter sich hat, ist er nicht mehr allein. Er legt insgesamt großen Wert auf Kollegialität.

Die Antworten im Fragebogen waren sehr fordernd und berühren Tabubereiche der katholischen Kirche, zum Beispiel die Frauenordination. Kann sich Papst Franziskus leisten, darauf einzugehen?

Küng: Ich halte ihn für einen sehr klugen Mann, der nicht alles auf einmal haben will. Er hat auf jeden Fall großen Spielraum, welche Fragen und wie er sie angehen will.

Was aus dem Wunschkatalog der Gläubigen ließe sich realistischer Weise zuerst umsetzen?

Küng: Sicher die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten. Da besteht ein großer Konsens in Kirchenvolk und Klerus. Da ließe sich die Barmherzigkeit, von der er so oft redet, in die Tat umsetzen. Das wäre ein gutes Signal.

Würden Sie ihm zu einer Politik der kleinen Schritte raten oder dass er gleich weit ausholt?

Küng: Er braucht eine kühne Vision. Aber mir wäre unwohl, wenn er einen Schritt vollzöge, den ich als illusorisch ansehe. Insofern ist es weise, bestimmte Themen zurückzustellen und Schritt für Schritt voranzugehen.

Was ist vorläufig zurückzustellen?

Küng: Fragen, bei denen am wenigsten Konsens besteht, wie die Frauenordination, die ich persönlich befürworte. Einwände sind hier noch schwerer zu überwinden als beim Zölibat. Man kann die Frauenordination gewiss biblisch rechtfertigen mit der Aufwertung, die Jesus Frauen zukommen ließ. Aber die Frage ist umstritten. Im Gegensatz dazu stammt das Zölibatsgesetz ja erst aus dem 11. Jahrhundert. Heute erkennt man, dass dieses Gesetz sowohl gegen das Evangelium als auch gegen die Menschenrechte verstößt. Es braucht natürlich eine Anstrengung, dies zu ändern, doch es fragt sich, ob nicht die pastorale Not der Gemeinden schon jetzt dazu zwingen würde.

Schon bei "einfacheren" Themen äußert der neue Kardinal Müller Kritik. Wie groß ist der innerkirchliche Widerstand gegen Reformen?

Küng: Das ist nicht einfach einzuschätzen, denn es gibt in Kurie und Kirche Hardliner. Es gibt auch unter den Laien Widerstandsgruppen wie das konservative Katholische Forum. Doch diesem Papst ist es erstaunlicherweise gelungen, viele Menschen aller Lager quasi in kürzester Zeit für sich und seinen Kurs einzunehmen.

Wie bewerten Sie dann, dass der Vorsitzende der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, nun zu Kardinalsehren gekommen ist?

Küng: Das war in dieser Position vermutlich unvermeidlich. Wäre ein Mann an dieser zentralen Schaltstelle, der zudem als Vertrauter von Joseph Ratzinger gilt und sich als Säule der Orthodoxie begreift, übergangen worden, hätte das Auswirkungen auf Kurie und Kirche gehabt. Das hätte eine Konfrontation heraufbeschworen, die niemandem dienen würde. So zeigt Franziskus, dass man in der Weltkirche miteinander auskommen kann und muss. Das finde ich in Ordnung. Aber bezeichnender Weise hat Franziskus für das Einführungsreferat vor dem Kardinalskollegium nicht Müller, sondern den emeritierten Kardinal Walter Kasper gewählt, zweifellos der geeignetste Theologe im Kollegium. Es darf halt keine falschen Kompromisse geben. In seinem jüngsten Brief schrieb mir Joseph Ratzinger, dass er es als seine einzige Aufgabe ansehe, Franziskus durch sein Gebet zu helfen. All das sind Zeichen eines brüderlichen, respektvollen Umgangs miteinander. Das hat auch meine Sorge vermindert, Benedikt XVI. könnte ein Schattenpapst werden.

Papst Franziskus ist wegen seiner Kritik am Kapitalismus auch in Deutschland kritisiert worden. Wie kommen seine Worte bei Ihnen an?

Küng: Ich sehe ihn da auf der Linie der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Er hat Recht, wenn er das kapitalistische System scharf kritisiert. Dass er die Dominanz des Geldes und der Banken beanstandet, ist richtig befreiend. Hier geht es um die Rangfolge der Werte und die Gerechtigkeit in der Welt. Wenn eine Marktwirtschaft unsozial ist, nicht ethisch fundiert, dann muss man das anprangern. Wir brauchen Markt und Wettbewerb, doch sie bedürfen einer ethischen Rahmenordnung, dürfen nicht unreguliert sein.

Jahrzehntelang wurden Sie als Papstkritiker bezeichnet. Was macht der Kritiker nun mit diesem Papst?

Küng: Sich freuen. Ich habe immer gesagt, Papstkritiker ist kein Beruf. Und oft genug hat mich die Bezeichnung geärgert, weil sie mich und mein vielfältiges Lebenswerk reduziert. So bin ich jetzt hocherfreut, dass ich nicht mehr als Papstkritiker auftreten muss. Allerdings betone ich: Wenn erneut eine Restauration stattfände, würde ich auch wieder zum Papstkritiker werden.

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